Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 12

zm 108, Nr. 12, 16.6.2018, (1400) Bei dem damals 50-jährigen Mann mit bekanntem Morbus Osler (hereditäre hä- morrhagische Teleangiektasie, HHT) erfolgte über einen Zeitraum von neun Monaten eine Wurzelbehandlung mehrerer Zähne (Abbil- dung 1). Etwa ein Jahr später unterzog er sich einer professionellen Zahnreinigung. In den folgenden vier Wochen traten drei Episoden mit Schüttelfrost und Schwäche auf, in deren Verlauf er 10 Kilogramm an Gewicht verlor. Nach der ersten Episode verordnete sein Hausarzt eine Antibiotika- therapie mit Doxycyclin. Da das Krankheits- bild progredient war, wies er den Patienten zur stationären Behandlung ein. Dabei fiel ein deutlich erhöhtes C-reaktives Protein (CRP) von 6,93 mg/ml (normal < 0,5) auf. Bei der Abdomensonografie und -computertomo- grafie fanden sich keine richtungsweisenden Befunde, in der CT des Thorax stellten sich multiple pulmonale arteriovenöse Malfor- mationen dar. Der Patient wurde daher nach zehn Tagen entlassen. Bei schlechtem Allgemeinzustand kam es zu einem weiteren Gewichtsverlust von 5 Kilo- gramm. Vier Monate nach der Zahnreinigung wurde bei einer ambulanten Kontrolle ein weiterer Anstieg des CRP festgestellt (19,7 mg/dl), zudem eine erhöhte GGT (Gamma- Glutamyltransferase) (712 U/l, normal bis 55) und GPT (Glutamat-Pyruvat-Transaminase) (80 U/l, normal bis 45). Daraufhin wurde er zum Ausschluss einer Endokarditis stationär aufgenommen. Bei einer erneuten Abdomen- sonografie wurde dabei der Verdacht auf einen Leberabszess geäußert. Eine Blutkultur war negativ, er hatte kein Fieber, im Orthopantomogramm fand sich kein Anhalt für Karies. Eine diagnostische CT des Abdomens bestätigte den Abszess, der im Anschluss unter CT-Durchleuchtung drainiert wurde (Abbildung 2). Bei der Punktion des Leberabszesses wurde ein Ab- strich entnommen, der reichlich Propioni- bacteriurm propionicum und Porphyromo- nas gingivalis (Bacteroides gingivalis) zeig- te. Auf eine Antibiotikatherapie mit Metro- nidazol, später Clindamycin und tägliche Spülungen der Abszesshöhle kam es zu ei- ner raschen Befundbesserung. Nach einer Woche konnte die Drainage entfernt wer- den. Die Antibiotikatherapie wurde für vier Wochen fortgesetzt. Der Patient war danach beschwerdefrei. Im weiteren Verlauf erfolgte eine Embolisation der pulmonalen arteriovenösen Malformationen. Diskussion: Morbus Osler Der Morbus Osler ist eine autosomal-domi- nant vererbte Erkrankung, bei der es zur Erweiterung von Gefäßen kommt. Sie wird auch als hereditäre hämorrhagische Tele- angiektasie (HHT) bezeichnet. Dieser Termi- nus beschreibt das Spektrum treffend, da er bereits drei der vier klinischen Kriterien um- fasst. Diese sogenannten Curaçao-Kriterien [Shovlin, 2010] sind: 1. Heredität / Vererbbarkeit: Dieses Krite- rium ist erfüllt, wenn es wenigstens einen Verwandten ersten Grades mit gesicherter Diagnose gibt. 2. Hämorrhagie / Nasenbluten: Bedingung für dieses Kriterium ist rezidivierendes, spontanes Nasenbluten des Patienten. 3. Teleangiektasien: Derartige rote, kleine Gefäßveränderungen in Prädilektionsbereichen wie der Mundschleimhaut, Lippe, Gesicht, Finger, Nasenschleimhaut stellen ein weiteres Kriterium dar. 4. Viszerale Beteiligung: Dieses Kriterium wird im Terminus HHT nicht erfasst. Es bein- haltet zerebrale und hepatische vaskuläre Malformationen, pulmonale arteriovenöse Malformationen sowie eine mögliche gastro- intestinale Beteiligung. Bei zwei erfüllten Kriterien wird die Verdachts- diagnose gestellt, bei dreien und mehr gilt die Diagnose als gesichert. Da sich die fazia- len, labialen und oralen Teleangiektasien im Blickfeld des Zahnarztes befinden, kann er durch eine einfache Frage („Haben Sie oder jemand in Ihrer Verwandtschaft häufiges Cave bei Patienten mit Morbus Osler Leberabszess nach PZR Urban W. Geisthoff , Frank Hölzle, Boris A. Stuck , Christina Grabowski, Freya Dröge Bei einem 50-jährigen Patienten mit Morbus Osler und pulmonalen arteriovenösen Malformationen trat nach einer professionellen Zahnreinigung ein Leberabszess auf. Dieser hätte mit einer Antibiotikum-Prophylaxe verhindert werden können. An wen Sie sich jetzt wenden können, zeigt die Grafik auf Seite 90. Alle Fotos: Geisthoff et al. 88 Zahnmedizin

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