Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 17

zm 108, Nr. 17, 1.9.2018, (1944) Rahmen einer Zahnreplantation, eine direkte Überkappung der vitalen Zahnpulpa mit Goldplättchen sowie eine Abdrucknahme vom Kiefer mit Siegelwachs. Bemerkenswert ist vor allem auch Pfaffs klares Bekenntnis zum Zahnerhalt – in einer Zeit, in der die Zahnextraktion noch als die Standardtherapie bei schadhaften Zähnen galt. Hinzu kamen Hinweise zum zahnärztlichen Instrumen- tarium, zur Mundhygiene und zu Arznei- mittel(rezepte)n. Pfaff konnte sein angelesenes wie auch sein empirisch erprobtes Wissen 1756 im Alter von etwa 43 Jahren in Form des ersten von einem deutschen Zahnarzt verfassten Lehr- buchs über Zahnmedizin veröffentlichen. Die Monografie trug den Titel „Abhandlun- gen von den Zähnen des menschlichen Kör- pers und deren Krankheiten“ und enthielt etliche diagnostische und therapeutische Anweisungen, die wegweisenden Charakter entfalteten [Pfaff, 1756]. Pfaffs Werk versammelte das zahnmedizi- nische Wissen seiner Zeit und wurde somit zum ersten Markstein einer (proto)wissen- schaftlichen Zahnheilkunde in Deutschland. Zu den interessanten Anekdoten rund um Pfaff gehört die Geschichte, dass er sein Buch König Friedrich dem Großen am 19. Mai 1756 persönlich vorlegen durfte. Seine Leis- tung hinterließ offensichtlich Eindruck: Der König ernannte Pfaff jedenfalls späterhin zum Hofrat und Hofzahnarzt. Die tatsächliche Verbreitung des Buchs, das seinerzeit in einfacher Ausstattung 16 und mit besserem Papier 20 Groschen kostete und damit dem zehnfachen Tageslohn eines Knechts entsprach, ist heute nicht mehr zu rekonstruieren. Fest steht aber, dass es be- reits am 20. Mai 1756 eine positive Buch- besprechung in den „Berlinischen Nach- richten“ gab und dass einige Originalexem- plare den Weg in Universitätsbibliotheken fanden. Heutzutage sind zudem Faksimile- Nachdrucke seines Werks verfügbar – ein untrüglicher Hinweis auf die Tatsache, dass Pfaff es in das kollektive Gedächtnis der heutigen Zahnärzteschaft und Fachbuchlieb- haber geschafft hat. Während Fauchard durchaus wohlhabend war, blieb Pfaff zeitlebens arm. Wenngleich ihm sein Werk also keinen Wohlstand ein- brachte, bescherte es ihm einen beträcht- lichen Nachruhm. Geist-Jacobi war Ende des 19. Jahrhunderts der erste (Zahn-)Medizin- historiker, der Pfaffs Bedeutung für die Ent- wicklung der Zahnheilkunde umfassend herausstellte [Geist-Jacobi, 1896]. Seitdem wurde Pfaff in vielen Beiträgen gewürdigt und kaum weniger häufig mit Fauchard ver- glichen. In jüngerer Zeit hat sich insbeson- dere Rolf Will in mehreren Publikationen mit Pfaff befasst, so auch im Rahmen einer kenntnisreichen Monografie [Will, 2002]. Vom anhaltenden Stellenwert Pfaffs zeugt auch die Tatsache, dass dieser Namens- geber der gemeinsamen Fortbildungsein- richtung der Zahnärztekammer Berlin und der Landeszahnärztekammer Brandenburg ist („Philipp-Pfaff-Institut“); seit September 2002 hat diese Einrichtung ihren Sitz im Haus der Zahnklinik Süd, Charité – Campus Benjamin Franklin. Zudem trägt eine zahnärztliche Gesellschaft seinen Namen: die „Deutsche Zahnärztliche Philipp-Pfaff- Gesellschaft Mannheim e.V.“. Sie wurde 1980 gegründet und tritt als zahnärztliche Organisation der Region um Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen auf. Ziel der Gesellschaft, die in Form eines gemein- nützigen Vereins ehrenamtlich geführt wird, ist die praxisnahe Fortbildung und die För- derung des kollegialen Austauschs. Die „Deutsche Gesellschaft für Stomatologie der DDR“ stiftete 1968 die Philipp-Pfaff- Medaille für besondere wissenschaftliche Verdienste; sie wurde zwar 1973 in Wolf- gang-Rosenthal-Preis umbenannt, zeigte jedoch weiterhin das Konterfei von Philipp Pfaff. Schließlich hat sich das Dental- museum im sächsischen Zschadraß jüngst dem Leben und Werk Philipp Pfaffs ge- widmet, indem es das Behandlungs- und Studierzimmer Pfaffs aus Anlass seines 250. Todestages in originalgetreuer Rekon- struktion präsentiert. Gezeigt werden zu- dem Instrumente, Mobiliar und Gemälde aus dem zeitgenössischen Umfeld von Pfaff, so dass ein authentisches Ambiente aus der Zeit um 1750 entstanden ist. Die besagten Initiativen belegen, dass Philipp Pfaff auch mehr als 250 Jahre nach seinem Tod unvergessen ist. Kein anderer deutscher Zahnarzt des 18. Jahrhunderts hat einen vergleichbaren Bekanntheitsgrad erlangt. Wichtigster Schrittmacher seines Nach- ruhms war seine 1756 erschienene Mono- grafie, die wiederum ein ideales Forum für seine diagnostischen und therapeutischen Entwicklungen bot und Pfaff letztlich zum Nestor der deutschen wissenschaftlichen Zahnheilkunde werden ließ. Univ.-Prof. Dr. mult. Dominik Groß, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Medizinische Fakultät RWTH Aachen University, MTI II Wendlingweg 2, 52074 Aachen dgross@ukaachen.de geboren Anfang 1713 gestorben am 4. März 1766 Chirurg und Königlich-Preußischer Hofzahnarzt von Friedrich dem Großen veröffentlichte 1756 das erste bedeu- tende deutsche Lehrbuch der Zahnheil- kunde beschrieb wesentliche Maßnahmen der Zahnerhaltung (Erstbeschreibung einer extraoralen retrograden Wurzelfül- lung im Rahmen einer Zahnreplantation, direkte Überkappung der vitalen Zahn- pulpa mit einem konkav gebogenen Goldplättchen) und der zahnärztlichen Prothetik (Abdrucknahme vom Kiefer mit Siegelwachs und dessen Ausgießen mit Gips) gilt als Nestor der deutschen wissen- schaftlichen Zahnheilkunde und als be- deutendster deutscher Zahnarzt des 18. Jahrhunderts Pfaffs Leben und Werk Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden. 104 Gesellschaft

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