Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 01-02

zm 109, Nr. 1, 16.1.2019, (24) A m 4. März 2016 wurde Den- texia für bankrott erklärt, am 3. Mai 2016 landete der erste Fall vor dem Obersten Gericht von Chalon-sur-Saone in Saone-et- Loire: Massive Beschwerden über schlechte, falsche und abgebrochene Behandlungen hatten die Ermittlungen ausgelöst. Zwei Jahre später, am 20. September 2018, werden der Gründer Pascal Steichen, seine Ehefrau sowie der Schatzmeister in Unter- suchungshaft genommen. Die Richter ver- dächtigen das Trio gravierender Straftaten, darunter „betrügerische Geschäftspraktiken“, „schwere Täuschung“, „organisierte Geld- wäsche“, „Vertrauensbruch“, „Missbrauch von Unternehmenseigentum“, „Steuer- hinterziehung“ und „organisierter Banden- betrug“. Insgesamt 22 Millionen Euro Schulden hat Steichen hinterlassen, vier von fünf Millionen bereits bezahlten Behandlun- gen wurden niemals durchgeführt, etwa 60 Gehälter sind noch offen. 480 Euro für ein Implantat, 390 für eine Krone Alles beginnt mit der „Loi Bachelot“, einem 2009 in Frankreich verabschiedeten Gesetz, das es gemeinnützigen Vereinigungen, so- genannten Associationen, im Gesundheits- sektor erlaubt, sich an rein profitorientierte Firmen anzudocken. Dieses Schlupfloch nutzt der ehemalige Berater Steichen, als er 2011 nach ersten Erfahrungen im Dental- markt die Association Dentexia gründet. Sein vorgebliches Ziel: „Die Zahngesund- heit für alle zugänglich zu machen – mit Angeboten, die zwei- bis dreimal niedriger als der Marktpreis sind!“ 480 Euro soll ein Implantat kosten, 390 Euro eine Keramik- krone. ” Ein Implantologe ging in steriler OP-Kleidung auf die Toilette. Ein anderer fand die Röntgenaufnahmen eines Patienten nicht und fragte: „Wie viele Implantate wurden ihm verkauft?“ „Elf.“ „Gut, ich inseriere elf.“ (Ohne über- haupt zu wissen, wo.) Dr. Jean-Claude Pagès in seinem Tagebuch „Steichen m‘a tuer“ Das entspricht der Hälfte der in Frankreich üblichen Sätze. Dumpingpreise. Das Ange- bot richtet sich explizit an Bedürftige – einkommensschwache Bürger, die über die Couverture de maladie universelle (CMU) krankenversichert sind. Eingestellt werden vor allem unerfahrene Assistenzzahnärzte – und Verkaufsassistenten. Etwa 200.000 bis 300.000 Euro Umsatz erwirtschaftet eine freie Zahnarztpraxis durchschnittlich pro Jahr. Steichens Vorgabe lautet: 90.000 Euro pro Dépendance – und pro Monat. Dr. Jean-Claude Pagès ist nicht der Einzige, der an die Sache glaubt. Der Implantologe baut die Zentren unter Steichens Aufsicht auf und sieht sich als „Papst der Luxuszahn- medizin, der sein Talent in den Dienst der Ausgeschlossenen stellt“. Für diese Fehl- einschätzung muss er später büßen: Er wird am Ende aus der Kammer ausgeschlossen, ist finanziell ruiniert, alkoholabhängig. Bis heute leidet er an Depressionen. In seinem offenen Tagebuch „Steichen m‘a tuer“ („Steichen hat mich umgebracht“) erzählt er, wie er Stück für Stück hinter Steichens Fassade blickte, aber keinen Weg sah, einen Schlussstrich zu ziehen. Auch dank Pagès erfährt die Öffentlichkeit, wie Steichen vorging, um sich zu bereichern: Mit aggressiven Spots bewirbt er sein Billig- angebot. Bereits beim ersten Termin erfasst der Empfang, welche Patienten für eine Implantatbehandlung infrage kommen. Wer eine andere – minimalinvasivere oder günstigere – Versorgung benötigt, ist un- erwünscht, wird weggeschickt. Für die Frankreich Das Unternehmen Dentexia Boni für Vertragsabschlüsse, Verkäufer, die Implantate setzen, eklatante Hygienemängel: In Frankreich zieht der Skandal um die bankrotte Dentalkette Dentexia Kreise. Hier wurden Patienten dazu animiert, sich für Implantate zu verschulden – und erhielten dafür keine oder eine minderwertige Versorgung. Der Gründer sitzt mittler- weile im Gefängnis. Aber was ist mit den 3.000 Betroffenen? Fotos: francetvinfo.fr, Auszug aus: „Dentexia : le scandale des sans-dents“, 27 April 2017 26 Dentalketten in Europa

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