Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 03

zm 109, Nr. 3, 1.2.2019, (164) Eingangs des Gutachtens vom November 2018 definiert das IGES Institut seinen vom Bundesrechnungshof angeregten und vom Bundesgesundheitsministerium vergebenen Auftrag. Demnach sei zu prüfen, „ob eine ausreichende wissenschaftliche Grundlage zum medizinischen Nutzen und der Wirt- schaftlichkeit der kieferorthopädischen Ver- sorgung besteht“. Daraus entwickeln die Autoren Anja Hoffmann, Simon Krupka, Cornelia Seidlitz, Stephanie Sussmann, Inga Sander und Dr. Holger Gothe drei Fragen: \ Welche langfristigen Auswirkungen ha- ben die wichtigsten kieferorthopädischen Behandlungen auf die Mundgesundheit? \ Wie hoch sind die Finanzausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung und der Selbstzahler für KFO-Leistungen? \ Wo muss wie lange weiter geforscht werden, um die Evidenz / den Nutzen von KFO-Behandlungen festzustellen? Auswirkungen auf die Mundgesundheit Mit Blick auf die kieferorthopädische Diagnostik wurden von IGES die fünf am häufigsten in Deutschland abgerechneten Interventionen untersucht, „die 80 Prozent aller kieferorthopädischen Leistungen bei GKV-Versicherten ausmachen“. Dies sind: \ Fotografie, Profil- oder En-face-Fotografie (BEMA-Position 116) \ Abformung, Bissnahme in habitueller Ok- klusion für das Erstellen von dreidimensional orientierten Modellen des Ober- und Unter- kiefers (BEMA-Position 7a) \ Teilaufnahme des Schädels, Panorama- (schicht)aufnahme (BEMA-Position Ä 935) \ Kephalometrische Auswertung (BEMA- Position 118) \ Aufnahme des Schädels (auch Fernröntgen- aufnahme) (BEMA-Position Ä 934). Hierzu wurden laut Studie neun diagnos- tische kieferorthopädische Untersuchungen ausgewertet. Darunter waren etwa Arbeiten von Han et al. als älteste Studie (1991), Bjeklin et al. (2006) als zeitmittige Studie und Manosudprasit et al. (2017) als neueste Studie. Fazit: Die Studien waren sowohl bei den evaluierten Methoden als auch bei der Studiendurchführung „äußerst heterogen“. Daher könnten „keine Empfehlungen für oder gegen die Anwendung einzelner diagnostischer Maßnahmen ausgesprochen werden.“ Die therapeutischen Maßnahmen wurden von IGES nach Nutzenerwägungen für die Patienten bewertet. Dabei standen insbe- sondere die Morbidität und die gesund- heitsbezogene orale Lebensqualität im Vor- dergrund. Hierzu wurden 18 Studien ein- bezogen unter anderem Untersuchungen von Tulloch et al. (1998 und 2004) sowie Penning et al. (2017). Ergebnis: Es „konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen verschiedenen kieferorthopädischen Appa- raturen oder kieferorthopädischen Behand- lungsschemata vs. Nichtbehandlung ge- funden werden“. Zwar hätten die Studien langfristige patientenrelevante Endpunkte wie Zahnverlust, Zahnlockerung und Schmerz ausgeschlossen, allerdings sei zu konstatieren, dass generell „für Patienten mit kieferorthopädischer Behandlung von einer hohen oralen Lebensqualität berichtet wird“. Als Fazit zeige sich auch bei den Therapie- Studien eine hohe Heterogenität bezüglich Studienmethodik, Studiendesign und unter- suchten Indikationen. Zudem würden sie sich in den angewandten Interventionen sowie bei den Beobachtungszeiträumen unter- scheiden. Daher lasse sich auch hier „keine abschließende Einschätzung vornehmen, ob und welche langfristigen Auswirkungen die angewendeten kieferorthopädischen Therapieregime auf die Mundgesundheit haben“. Dies sei auch darauf zurückzuführen, dass morbiditätsrelevante Endpunkte wie Zahnverlust, Karies oder Parodontitis und Parodontose erst mehrere Jahre nach der Behandlung auftreten „und somit sehr lange Beobachtungszeiten erfordern“. Ausgabenanalyse Zur Ausgabenanalyse zog IGES nach Eigen- angaben zehn Statistiken und Analysen von verschiedenen Akteuren des Gesundheits- wesens sowie eine retrospektive Beobach- tungsstudie ein. Das Spektrum reicht von den Jahrbüchern der KZBV aus den Jahren 2014 bis 2017 über eine Untersuchung von Bremen et al. (2017) bis zum Barmer Zahn- report 2018. Daraus gehe hervor, dass die Kosten, die für die GKV im Rahmen der KFO anfallen, konti- nuierlich angestiegen seien und für das Jahr 2017 mit 1.115 Millionen Euro einen neuen Höchststand erreicht hätten. Dies sei vor allem auf eine erhöhte Anzahl an Behand- lungsfällen zurückzuführen. Im Detail würden die Ausgaben zum Großteil durch Honorare oder Material- und Laborkosten verursacht, die zusammen für mehr als 90 Prozent der Ausgaben ursächlich seien. IGES-Gutachten zur KFO Studienlage ungenügend „Zweifel am Nutzen von kieferorthopädischen Behandlungen“ – so oder ähnlich lautete bei verschiedenen Medien der vorschnelle und falsche Tenor zur Studie des IGES Instituts über die Wirksamkeit der Kieferorthopädie (KFO). Dabei hält das Gutachten die KFO für nicht ausreichend erforscht, um Schlüsse ziehen zu können. Was wirklich drin steht. Foto: AdobeStock - luckybusiness 38 Politik

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