Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 22

zm 109, Nr. 22, 16.11.2019, (2556) Als erster Referent informierte Prof. Dr. Adrian Lussi, Bern, über die „Wirkungsweise von Fluorid im Rahmen der Kariesprophylaxe (Schmelz/Dentin) und der Erosionsprophylaxe“. Zähne sind neben der Pulpa aus dem sehr gut mineralisierten Schmelz und aus dem deut- lich mehr organische Matrix enthaltenden Dentin und Zement aufgebaut. Die minera- lische Phase dieser Zahnhartsubstanzen ist kein reines Hydroxylapatit (HAP = Ca 10 (PO 4 ) 6 OH 2 ), sondern es handelt sich um ein kalziumarmes Biomaterial, in das andere Ionen eingebaut sind. Ein erhöhter Karbonatanteil des Den- tins (5,5 Prozent) im Vergleich zum Schmelz (3 Prozent) sowie die kleinen Kristalle führen zu einer höheren Säureanfälligkeit des Den- tins. Demgegenüber kann der partielle Ersatz der OH-Gruppen im Kristallgitter durch Fluorid- ionen eine gewisse Stabilisierung der Apatit- struktur bewirken. Im gesunden menschlichen Zahnschmelz ist neben HAP auch Fluorid- hydroxyapatit (FHAP) oder Fluorapatit (FAP) vorhanden, wobei in der äußersten Schmelz- schicht weniger als 5 Prozent der OH-Gruppen des HAP durch Fluorid ersetzt sind. Bereits in einer Tiefe von 50 µm sinkt dieser Anteil weiter ab. Der Kariesrückgang in den Industrieländern während der vergangenen Jahrzehnten be- ruht hauptsächlich auf der Anwendung von Fluoriden, wobei die lokale Fluoridapplikation von Bedeutung ist. Die Verwendung von fluoridhaltigen Zahnpasten steht dabei im Vordergrund. Fluoridapatit und FHAP haben nur ein geringes kariesprotektives Potenzial, die gelösten Fluoride in der Umgebung des Schmelzes dagegen sind sowohl in der För- derung der Remineralisation als auch in der Hemmung der Demineralisation wirksam. Zieht man in Betracht, dass die Kariesabnahme im gleichen Zeitraum erfolgte, in dem auch lokale Fluoridierungsmaßnahmen verbreitet angewendet wurden, scheint die Schluss- folgerung gerechtfertigt, dass durch regel- mäßige F - -Applikation die Karies optimal ge- hemmt werden kann. Als Nebenwirkung ist während der Entwicklung der Zahnkronen Zahnfluorose möglich. Eine wachsende Bedeutung haben Fluorid- verbindungen auch im Rahmen der Erosions- prophylaxe. In diesem Zusammenhang stehen vor allem die „Gegenionen“ des Fluorids (etwa das Zinn im Zinnfluorid) im Mittelpunkt. Fluoride in der Anwendung „Wirksame und sichere Anwendung fluorid- haltiger Produkte – allgemeine Grundlagen“ lautete der Titel des Vortrags von Prof. Dr. Elmar Hellwig aus Freiburg. Fluorid kommt ubiquitär vor und wird mit dem Trinkwasser und der Nahrung täglich aufgenommen. Dabei verschlucken Erwachsene circa 0,5 bis 0,8 mg Fluorid pro Tag. 60 bis 80 Prozent des verschluckten Fluorids gelangen in den Blutkreislauf und bauen sich in die Knochen ein. Auch sich entwickelnde Zähne reichern an der Oberfläche Fluorid an. Beim Durch- bruch der Zähne besitzen diese an der Schmelzoberfläche eine Fluoridkonzentration zwischen 300 bis 500 ppm, die jedoch offen- sichtlich nicht ausreicht, um Karies zu ver- Die neuen Fluoridempfehlungen Das sind die Fakten Johannes Einwag Wenn sich zahnärztliche Empfehlungen ändern, braucht es Zeit, bis diese flächen- deckend in der Versorgungsrealität ankommen. Der Patientenkommunikation in den Praxen kommt daher eine wichtige Rolle zu. Ein vom Zahnmedizinischen Fortbildungszentrum Stuttgart (ZFZ) veranstaltetes Fluoridsymposium hat sich jetzt mit diesem Thema beschäftigt. Knapp 300 Teilnehmer waren am 16. Oktober 2019 in die Stadthalle Sindelfingen gekommen, um sich über den aktuellen Wissensstand zur Fluoridprophylaxe zu informieren. Die Referenten des Symposiums v.l.n.r.: Prof. Dr. Katrin Bekes, Wien, Prof. Dr. Elmar Hellwig, Freiburg, Prof. Dr. Johannes Einwag, Stuttgart, Prof. Dr. Adrian Lussi, Bern Foto: ZFZ Stuttgart Das ZFZ hatte bereits im Vorfeld des Sym- posiums die Teilnehmer gebeten, die häufigsten Fragen ihrer Patienten und des Praxisteams zum Thema Fluoride mit- zuteilen. Dutzende Fragen gingen ein, wurden gesichtet, in fünf Bereiche (Grundlagen, Wirkungsweise, Nutzen, Risiken und Anwendung) strukturiert, be- antwortet und in einer Broschüre für den Praxisalltag zusammengefasst. Diese Broschüre mit dem Titel „Fluoride – was ich schon immer fragen wollte“ kann voraussichtlich ab Frühjahr 2020 als Patienteninformation bestellt werden. Informationen über www.zfz-stuttgart.de \ Broschüre zur Patienteninformation 74 Zahnmedizin

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