Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 08

zm 110, Nr. 8, 16.4.2020, (836) ZM-SERIE: TÄTER UND VERFOLGTE IM „DRITTEN REICH“ Josef Elkan – Kieferchirurg im „Grossen“ Krieg, Sänger, Zahnarzt in London Thorsten Halling, Matthis Krischel Der aus Deutschland vertriebene jüdische Zahnarzt Josef Elkan baute sich nach seiner Emigration 1936 in Großbritannien eine neue Existenz auf. Der in seiner Freizeit aktive leidenschaftliche Sänger galt als Experte für eine damals neue zahnärztliche Disziplin: die Paradentosebehandlung. O bwohl Fritz H. Witt 1,2 (1887–1969) während der NS- Zeit als zweiter Geschäftsführer des Reichsverbands der Zahnärzte Deutschlands gewirkt und damit die von den berufsständischen Organisa- tionen unterstützte Verdrängung der jüdischen Kolleginnen und Kollegen mitgetragen hatte 3,4 , gelang es ihm spätestens seit den 1960er-Jahren an frühere kollegiale Beziehungen zu aus Deutschland vertriebenen Zahnärzten anzuknüpfen. Über Dr. Josef Elkan legte Witt dabei eine Mappe an, die mit dem fast poetischen Titel „Aus dem Leben eines deutschen jüdischen Zahnarztes u. wertvollen Kollegen“ 5 überschrieben ist. Die darin erhaltene 1 Tascher, 2012, S. 96–102; 2 Tascher, 2019, S. 36–38; 3 Guggenbichler, 1988; 4 Kirchhoff/Heidel, 2016; 5 HA BZÄK Strategie schien aufzugehen: Kunz konnte zu seiner Familie nach Karlsruhe zurückkehren. Im Februar 1956 nahm er eine unbezahlte Stelle an der Universitätszahnklinik Münster an. Anfang 1957 ließ sich Kunz als Zahn- arzt in Freudenstadt nieder. Doch dann geriet er ins Visier der Staatsanwaltschaft Münster 28 : Wäh- rend einer Dokumentation der Todes- umstände Hitlers, die in einem Gericht in Berchtesgaden erfolgte, wurde Kunz vom ehemaligen SS-Rottenführer Harri Mengershausen beschuldigt, die Goebbels-Kinder getötet zu haben. Am 6. Februar 1957 veranlasste die Staats- anwaltschaft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen Kunz. Mengershausen wiederholte vor Ge- richt seine Aussage, verstrickte sich jedoch in Widersprüche und galt so als wenig glaubwürdig. 29 Kunz wiederum beschuldigte Stumpfegger und Magda Goebbels der Tat. 30 Werner Naumann, ehemaliger Staatssekretär im Reichs- ministerium für Volksaufklärung und Propaganda und Vertrauter Goebbels, sagte aus, dass allein Magda Goebbels für den Tod der Kinder verantwortlich gewesen wäre. 31 Der oben erwähnte Werner Haase hatte im Rahmen sow- jetischer Verhöre 1945 eine weitere Variante der Geschichte zu Protokoll gegeben: Kunz habe ihn am Abend des 1. Mai besucht und berichtet, dass er die Goebbels-Kinder (mit Hilfe von Stumpfegger) getötet habe. Als 1957 das Verfahren gegen Kunz eröffnet wurde, war Haase jedoch ebenfalls bereits tot und konnte seine Version nicht mehr bezeugen. 32 Da alle etwaigen Tat- beziehungsweise Belastungszeugen verstorben waren (das Ehepaar Goebbels, Werner Haase) oder als verschollen galten (Stumpfegger) und Mengershausen sich selbst diskre- ditiert hatte, wurde das Verfahren drei Wochen nach Eröffnung der Hauptver- handlung vom Landgericht Münster ausgesetzt – eine Entscheidung, die später vom Oberlandesgericht Hamm bestätigt wurde. 33 Als offizielle Begrün- dung diente § 6 des Straflosigkeits- gesetzes (1954): Dieser gewährte Straf- freiheit für bestimmte Taten, die in der Zeit des Zusammenbruchs des „Dritten Reiches“ unter außergewöhnlichen Umständen und insbesondere auf- grund von Befehlen begangen worden waren. Konkret angeführt wurden die extremen Bedingungen im „Führer- bunker“, die Behauptung von Kunz, dass er auf Befehl gehandelt habe, aber auch die Tatsache, dass Kunz in der Sowjetunion bereits eine langjährige Haftstrafe verbüßt hatte. 34 Helmut Kunz startete in der Folgezeit beruflich und privat noch einmal durch: 35 Bereits im März 1957 hatte er sich von seiner ersten Frau scheiden lassen und das Sorgerecht für das ver- bliebene Kind – den Sohn Michael – erlangt. 1958 heiratete er ein zweites Mal. Sein neues Leben mit Ehefrau Annemarie verbrachte er in Freuden- stadt. Hier war er noch 1975 als Zahn- arzt in der Turnhallestraße 20 tätig – an gleicher Stelle befindet sich heute eine kieferorthopädische Praxis –, und hier starb er am 23. September 1976 im Alter von 66 Jahren. 36 Aus heutiger Sicht steht fest, dass Kunz an der Ermordung der Goebbels- Kinder beteiligt war – das Wissen um den genauen Tathergang nahm er jedoch mit ins Grab. \ 28 LA NRW, Q225 PPOM No 316, Vol. 1; Hofmeier, 2009, 24f.; 29 LA NRW, Q225 PPOM No 316, Vol. 1; Heit et al., 2019, 999; 30 LA NRW, Q225 PPOM No 316, Vol. 1; 31 LA NRW, Q225 PPOM No 316, Vol. 1; 32 Bacon/Romanowska/Chumbley, 2005; Beddies, 2018; 33 LA NRW, Q225 PPOM No 316, Bd. 2; 34 LA NRW, Q225 PPOM No 316, Bd. 2; 35 UA Münster, 10 No 4228: Letter of 17.03.1956; LA NRW, Q225 PPOM No 316, Vol. 1; Heit, 2019, 999; 36 Bundesverband der Deutschen Zahnärzte (1975), 7; Stadtarchiv Freudenstadt, S 2.2: Nachruf, 28.09.1976; Heit, 2019, 999 74 | GESELLSCHAFT

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