Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 08

zm 110, Nr. 8, 16.4.2020, (846) E ine Studie wertete mehr als 18 Millionen Datensätze von Notaufnahmebesuchen in den USA aus dem Zeit- raum 2012 bis 2014 aus. Bei 2 Prozent davon handelte es sich um Patienten mit Zahnproblemen. Diese verteilen sich ungleichmäßig auf privat krankenversicherte Patienten (159.066) und solche, die im staatlichen Gesundheitsfürsor- geprogramm für Geringverdiener (Medicaid) sind (280.410). WIESO MIT ZAHNPROBLEMEN ÜBERHAUPT IN DIE NOTAUFNAHME? Die häufigsten zahnärztlichen Diagnosen – unabhängig davon, ob dem Patienten ein Antibiotikum oder ein Opioid verschrieben wurde – waren bei 44 Prozent der privat versicherten Patienten und bei 54 Prozent der Medicaid- Patienten eine „Funktionsstörung der Zähne und Stütz- strukturen“ (ICD-9-CM-Code 525.9) sowie andere unspezi- fische Symptome. Weitere 9 Prozent der privat krankenver- sicherten Patienten und 27 Prozent der Medicaid-Patienten erhielten die Diagnose „Karies“ (Code 521,00) und 19 Pro- zent der privat krankenversicherten und 16 Prozent der Medicaid-Patienten die Diagnose „periapikaler Abszess ohne Sinus“ (Code 522,5). Mehr als jeder Zweite mit Zahnproblemen bekam ein Rezept für ein Antibiotikum. Opioid-Rezepte erhielten etwa 40 Pro- zent, Rezepte für beides mehr als drei von zehn Patienten. „Angesichts früherer Erkenntnisse, dass zahnärztliche Diagnosen ein häufiger und möglicherweise vermeidbarer Grund für Besuche in der Notaufnahme sind, wird die Ver- schreibung von Antibiotika und Opioiden für diese Erkran- kungen noch besorgniserregender“, bilanzieren die Studien- autoren, die damit nach eigener Aussage erstmals den direkten Zusammenhang zwischen der Verschreibung von Opioiden und der Verschreibung von Antibiotika in der Zahnmedizin untersucht hatten. Sie fordern auf Grundlage ihrer Ergebnisse eine verbesserte vorbeugende und akute Mundgesundheitsversorgung, einschließlich eines verbesser- ten Zugangs. Zusätzlich seien weitere Untersuchungen zu den Verschreibungsmustern beider Medikamente bei zahn- medizinischen Symptomen notwendig. DIE ÄRZTE DER NOTAUFNAHMEN VERORDNEN NICHT ADA KONFORM Außerdem gibt es nach Angaben der Autoren bisher keine Studien, die erklären, warum ein Patient in der Notaufnahme wegen Zahnsymptomen Hilfe sucht. Letztlich fordern sie zu- sätzliche klinische Leitlinien zum angemessenen Einsatz von Antibiotika und Opioiden bei Zahnerkrankungen und eine entsprechende Schulung für Nicht-Zahnärzte. Die American Dental Association (ADA) hatte 2019 zum zweckmäßigen Einsatz von Antibiotika eine neue Richtlinie veröffentlicht, die darauf hinweist, dass Antibiotika in den meisten Fällen nicht für Zahnschmerzen indiziert sind. Die Richtlinie wurde von einem multidisziplinären Gremium entwickelt. mg Quellen: Rebecca M. Roberts et al.: „Antibiotic and opioid prescribing for dental-related conditions in emergency departments – United States, 2012 through 2014“, Published online: January 17, 2020, DOI: https://doi.org/10.1016/j.adaj.2019.11.013 Peter B. Lockhart et al.: „Evidence-based clinical practice guideline on antibiotic use for the urgent management of pulpal- and periapical-related dental pain and intraoral swelling“, The Journal of the American Dental Association, Volume 150, Issue 11, 906 – 921.e12, DOI: https://doi.org/10.1016/j.adaj.2019.08.020 STUDIE ZUM VERSCHREIBUNGSVERHALTEN IN US-NOTAUFNAHMEN Antibiotika und Opioide gehen bei Zahn-Patienten immer In US-Notaufnahmen werden Patienten mit Zahnerkrankungen in mehr als 50 Prozent der Fälle Antibiotika und in etwa 40 Prozent der Fälle Opioide verschrieben. Mehr als 30 Prozent erhalten ein Rezept für beides. Als hätte es die Opioidkrise in den USA nie gegeben. Foto: AdobeStock_Tom Das Schmerzmittel Oxycontin ist unmittelbar mit der Opioidkrise in den USA verbunden. Es enthält den Wirkstoff Oxycodon, ein Opioid, das etwa doppelt so stark wie Morphin wirkt. 84 | ZAHNMEDIZIN

RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=