Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 11

zm 110, Nr. 11, 1.6.2020, (1078) Foto: AdobeStock_metamorworks CORONA-KRISE IN DEN ZAHNARZTPRAXEN Warum sich nicht neu erfinden? Mangelnde Schutzausrüstung, verunsicherte Patienten und ein enormer Umsatzrückgang – keine Frage, die Lage für deutsche Zahnarztpraxen ist ernst. Nicht wenige mussten Kurzarbeit anmelden und viele wissen nicht, wie es angesichts der derzeitigen Situation weitergehen soll. Aber jede Krise ist auch eine Chance. Sogar die Corona-Krise, sagt unser Autor Sven Thiele und gibt einige Denkanstöße. P atienten fragen sich, ob eine erhöhte Infektionsgefahr in Zahnarztpraxen besteht, stornieren oder verlegen ihre Termine. Die Politiker halten Zahnarztpraxen für nicht sytemrelevant, wobei die in Aussicht gestellten „Liquiditätshilfen“, die ja zu 100 Prozent zurückgezahlt wer- den müssen, ohnehin nur einen Bruchteil des finanziellen Ausfalls kompensieren würden. Vor diesem Hintergrund fragen sich viele Zahnärztinnen und Zahnärzte, was sie tun sollen. Und was mit ihrer Praxis passiert, sollten die derzeit bestehenden Beschränkungen aus Angst vor einer zweiten oder gar dritten Infektionswelle weiter aufrechterhalten werden. Erste konkrete Zahlen geben einen Eindruck davon, was die Pandemie wirtschaftlich für Deutschland bedeuten wird. Die Agentur für Arbeit berichtet von zehn Millionen Menschen in Kurzarbeit, fast eine halbe Million mehr Arbeitslose waren für den April 2020 gegenüber dem Ver- gleichsmonat im vergangenen Jahr gemeldet. Offiziell wird mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 6,3 Pro- zent gerechnet. Lieferketten sind unterbrochen, Restaurants geschlossen, Tourismusunternehmen stehen vor dem Kollaps und trotz teilweise wieder geöffneter Geschäfte ist von Kauflust nichts zu spüren. Bei den Sparkassen und Banken des Landes sind bisher Zehntausende Anträge auf die Stundung von Krediten ein- gegangen. Viele Bürger werden in Zukunft darüber nach- denken, welche zahnärztliche Behandlung für sie überhaupt noch finanziell infrage kommt. Mit anderen Worten: Die eigentlichen Probleme kommen auf viele Praxen erst noch zu. KÄMPFEN SIE NICHT GEGEN DIE UMSTÄNDE! Schlimm ist aber nicht nur die Situation, schlimm ist vor allem, wenn Sie als Praxisinhaber resignieren. Derzeit arbei- ten die Praxen alle unter den gleichen Bedingungen. Die Umstände können Sie als Praxisinhaber nicht ändern, was Sie aber machen können, ist proaktiv zu handeln. Denn ei- ne Krise wie die derzeitige birgt große Chancen für alle, die auch jetzt ihrem Anspruch als Zahnarzt und Unternehmer gerecht werden wollen. Als 1665 die Pest in England wütete, begab sich Isaac Newton für zwei Jahre im Haus seiner Eltern in Selbst- isolation, da er an der Universität in Cambridge sowieso nicht unterrichten konnte. In diesen zwei Jahren entwickelte er grundlegende Ideen zur Infinitesimalrechnung, in der Mechanik und Optik, die heute noch Bestand haben. Kämpfen Sie also nicht gegen die derzeitigen Umstände, sondern setzen Sie Ihre Kraft für Ihre Patienten und Ihre Praxis ein. Denken Sie daran: In dieser Zeit sind Ihre Patien- ten nicht an einem schicken Empfangstresen interessiert oder ob sie auf grünen, blauen oder grauen Behandlungs- stühlen sitzen. Investitionen in Praxisatmosphäre, Stil und Ästhetik machen derzeit also wenig Sinn. Viel wichtiger ist, dass Sie informieren und kommunizieren, denn bei den Patienten ist Vertrauen zurzeit die bedeutendste Währung. Und wenn Patienten momentan nicht in die Praxis kommen, ist dies auch ein Vertrauensverlust für die Praxis. RUFEN SIE DOCH MAL IHRE PATIENTEN AN Wie wäre es also, wenn Sie sich ans Telefon setzen und Ihre Patienten anrufen. Und zwar alle, von A bis Z. Sie selbst und Ihre Mitarbeiterinnen an der Rezeption. Jeder dürfte am Tag so etwa 50 bis 100 Patienten schaffen. Fragen Sie, wie es ih- nen und ihrer Familie geht, in diesen schwierigen Zeiten. Ob Sie in irgendeiner Form helfen können. Machen Sie sich nicht nur auf interessante und spannende Gespräche gefasst: Richten Sie sich auch darauf ein, dass sich Ihre Aktion in Windeseile herumsprechen wird. Lassen Sie Postkarten drucken, das geht schnell und kostet wenig Geld und teilen Sie Ihren Patienten darauf mit, dass Sie auch in dieser schwierigen Zeit für sie mit Ihrer Praxis da sind. Eine E-Mail ist günstiger? Stimmt. Eine Postkarte in heutiger Zeit erregt aber Aufsehen. Wer schreibt heute noch Postkarten? Eine Postkarte kann ich herumzeigen, während ich erzähle, wie sich „meine Zahnarztpraxis“ um mich kümmert. Geben Sie aber nicht der Versuchung nach, im nächsten Satz Ihre Praxisangebote aufzuzählen. Sie wol- len Vertrauen aufbauen. Über Ihre Praxisangebote sprechen Sie, wenn Sie Ihrem Patienten persönlich gegenüber sitzen. Ihre Mitarbeiterinnen sind zu Hause in Kurzarbeit? Nun, dann holen Sie sie schleunigst zurück, denn es gibt Arbeit. Sprechen Sie mit ihnen darüber, wie Ihr Hygienekonzept funktioniert und lassen Sie es sich von ihnen präsentieren. Und während Ihre Mitarbeiterinnen, die täglich Instrumen- te säubern, Oberflächen desinfizieren, Behandlungen vor- und nachbereiten, Ihnen das Hygieneprotokoll Ihrer Praxis erklären, zeigen wie ein Steri funktioniert und welches die 20 | PRAXIS

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