Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 11

zm 110, Nr. 11, 1.6.2020, (1104) 5.700 JAHRE ALTES MENSCHLICHES MIKROBIOM ENTSCHLÜSSELT Die DNA-Analyse eines prähistorischen Kaugummis Kerstin Albrecht In Syltholm auf der süddänischen Insel Lolland befindet sich die größte steinzeitliche Fundstätte Dänemarks. Sie ist archäologisch vor allem deshalb wertvoll, weil die organischen Überreste vollständig im Schlamm versiegelt und daher besonders gut erhalten sind. Wissenschaftlern der Universität Kopenhagen ist es nun gelungen, nicht nur ein komplettes menschliches Genom, sondern auch ein orales Mikrobiom zu entschlüsseln. B ei Ausgrabungen in Skandinavien finden Archäologen nicht selten unscheinbare kleine Klumpen einer schwarz-braunen Substanz. Dabei handelt es sich um Birkenpech, das bereits Urzeitmenschen vor mehr als 120.000 Jahren durch Erhitzen aus Birkenrinde gewonnen hatten [Mazza et al., 2006; Kozowyk et al., 2017]. Die Birkenpechklumpen enthalten oft Zahnabdrücke, was die Frage aufwirft, zu welchem Zweck unsere fernen Vorfahren das Material gekaut haben [Aveling und Heron, 1999]. Da Birken- pech beim Abkühlen hart wird, könnte das Kauen zum erneuten Erweichen des Materials vor der Verwendung als Klebematerial zum Verbinden von Steinwerkzeugen gedient haben. Mög- licherweise diente es jedoch auch zur Mundhygiene oder als therapeutischer Kaugummi. Ein Hauptbestandteil des Birkenpechs ist der Pflanzenwirkstoff Betulin. DIE MAHLZEIT BESTAND AUS HASELNUSS & ENTENFLEISCH Betulin hat antiseptische [Haque et al., 2014], antientzündliche und regenerie- rende Wirkungen. Einiges deutet da- rauf hin, dass unsere Vorfahren das Birkenpech auch als natürliches Anti- septikum bei Zahnerkrankungen oder Zahnschmerzen verwendet haben könnten [Aveling und Heron, 1999]. Kashuba et al. konnten in einer neueren Untersuchung zeigen, dass gekautes Birkenpech noch Jahrtausende alte menschliche DNA enthält [Kashuba et al., 2019]. Das nun von den Kopen- hagener Forschern in Syltholm gefun- dene und analysierte Stück enthielt nicht nur menschliche, sondern auch mikrobielle DNA, was Rückschlüsse auf das orale Mikrobiom des Menschen zulässt, der das Birkenpech gekaut hat. Ebenso fanden sich pflanzliche und tierische DNA, womöglich von einer vorherigen Mahlzeit. Das vorliegende Fundstück deutet anhand der extra- hierten DNA auf eine Mahlzeit aus Haselnüssen und Entenfleisch hin. Die DNA im Birkenpech war so außer- ordentlich gut erhalten, dass die Wis- senschaftler ein vollständiges altes menschliches Genom daraus sequen- zieren konnten. Ein Glücksfall, denn menschliche Überreste konnten auf der Fundstätte in Syltholm auf der Insel Lolland bislang nicht gefunden werden [Sørensen, 2016]. GEGESSEN VON EINER FRAU MIT LAKTOSEINTOLERANZ Anhand des Genmaterials bestimmten die Forscher das Geschlecht und andere phänotypische Eigenschaften der Per- son, die das Birkenpech gekaut hatte. Es handelte sich demnach um eine wahrscheinlich dunkelhäutige und dunkelhaarige Frau mit blauen Augen (Abbildung 2). Sie war genetisch eher mit Jägern und Sammlern vom euro- päischen Festland verwandt als mit solchen aus Zentralskandinavien. Aus Foto: Theis Jensen Abb. 1: Das Fundstück aus Birkenpech: War es ein „Kaugummi“ gegen Zahnschmerzen? 46 | ZAHNMEDIZIN

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