Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 5

zm 111, Nr. 5, 1.3.2021, (377) und Hochschullehrerin tätig. Auch Maria Schug-Köster 27 (1900–1975), Mutter eines Sohnes, war nur kurz in einer Praxis niedergelassen. Eine vergleichbare „Doppelbelastung“ als mehrfache Mutter und Abteilungs- leiterin hatte unter den sechs in die- ser Reihe vorgestellten „Pionierinnen“ allein die Kinderzahnärztin Anna- Luise Gentz 28 (1920–2008) – diese verfolgte allerdings im Unterschied zu Byloff-Clar keine Habilitation. Insgesamt ist festzuhalten, dass Zahn- ärztinnen an den Universitäten bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahr- hunderts deutlich schlechtere Rah- menbedingungen vorfanden als männliche Kollegen. 29 Zumindest bis zur Jahrhundertmitte erhielten (potenzielle) „Familienväter“ bei Stel- lenkonkurrenz oft den Vorzug gegen- über weiblichen Kollegen. Derartige Hinweise finden sich auch in den Lebensläufen der 1900 geborenen von Schnizer 30 und Schug-Kösters. 31 Erst die um 1920 geborenen Zahn- ärztinnen Gisela Schützmannsky 32 (1920–2013, DDR) und Dorothea Dausch-Neumann 33 (1921–2013, BRD) fanden etwas bessere Bedingungen vor; dennoch blieben auch sie Ausnahme- erscheinungen in einer von Männern dominierten Hochschullandschaft. EINE FRÜHE VERTRETERIN DES MULTIBANDSYSTEMS Noch bemerkenswerter als die Versa- tilität und Schaffenskraft von Byloff- Clar war ihr fachliches Profil: Sie war eine akademische Schülerin von Richard Trauner. 34 Dieser führte unter anderem Ende der 1950er-Jahre zu- sammen mit seinem zeitweiligen Mit- arbeiter Hugo Obwegeser (1920–2017) das Operationsprinzip der bilateralen sagittalen Spaltung des Unterkiefers zur Behandlung der mandibulären Pro- gnathie ein; beide erreichten dessen weltweite Verbreitung. Trauner galt als Begründer der „Grazer Schule“, die vor allem mit Beiträgen zur Dys- gnathie- und Spaltchirurgie hervor- trat. 35 Um in ebendiesen Bereichen gute Ergebnisse zu erzielen, war eine Zusammenarbeit von Kieferchirurgie und -orthopäde vonnöten. Trauners Ziel war es, besagte Schnittstelle zu ver- bessern. Daher veranlasste er Byloff- Clar, wie oben erwähnt, zu einer ins- gesamt einjährigen fachlichen Weiter- bildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz und stellte sie hier- für frei. Strunk (2012) betont zu Recht, dass diese die „international bedeu- tenden kieferorthopädischen Zentren“ der damaligen Zeit visitierte. 36 Nach ihrer Rückkehr etablierten Trauner und Byloff-Clar gemeinsam das als Teil der „Grazer Schule“ bekannt ge- wordene interdisziplinäre Konzept der Dysgnathiebehandlung und wur- den in diesem Bereich zu einem in- ternational führenden Team. Hierzu zählte auch der Kieferchirurg Heinz Köle (1920–2015), der mit Byloff-Clar bereits in den 1960er-Jahren gemein- sam publizierte und 1971 Nachfolger von Trauner wurde. 37 Byloff-Clar führte sowohl klinische als auch histologische Studien durch, wobei gerade letztere Beachtung fan- den. 38 Neben der Dysgnathie- und der Progeniebehandlung sowie der Vor- und Nachbehandlung operierter Fälle befasste sie sich mit aktiven Platten und der Funktionskiefer- orthopädie, der Kortikotomie, der Diagnostik und Therapie des offenen Bisses, des Deckbisses und des Distal- bisses, 42 gesteuerten Zahnextraktionen, 43 Zahnstellungsanomalien, 44 LKG-Spal- ten 45 , iatrogenen Fehlern in der Kiefer- orthopädie 46 und zuletzt – 1978 – mit der Headgearbehandlung. 47 Insgesamt publizierte sie über 30 wissenschaft- liche Arbeiten. Bei aller Vielseitigkeit blieb Bylof-Clar vor allem als Vertreterin der „Grazer Schule“ sowie als frühe Vertreterin des Multibandsystems in Erinnerung. In der Multibandbehandlung nahm ihre Abteilung Anfang der 1970er-Jahre „eine Vorreiterrolle im europäischen Raum“ ein. 48 Klinisch kombinierte sie die festsitzende Therapie oft mit der von Karl Häupl 49 (1893–1960) einge- führten Funktionskieferorthopädie, wobei sie den „Bionator“ besonders gern einsetzte. Als Behandlerin besaß sie durchaus Autorität, wie Byloff jr. betont: „Sie war eine sehr starke Persönlichkeit, oft erinnern sich heute noch Eltern oder Großeltern von Patienten, die wir heute behandeln, an ihren Blick und die Schelte, die sie bekommen hatten, wenn der Bionator oder die Gummizüge nicht getragen worden waren.“ 50 \ ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion ange- fordert werden. 27 Groß (2021a) 28 Groß (2021c) 29 Groß (1998); Groß (2009); Groß/Schäfer (2011) 30 Groß (2021b) 31 Groß (2021a) 32 Groß (2021e) 33 Groß (2021d) 34 Kastner (2010), 63f. 35 Pfeifer (1995), 299 36 Strunk (2012), 92; vgl. auch Hausser (1959) 37 Byloff-Clar/Köle (1964) 38 Byloff-Clar (1966); Byloff-Clar (1967a); Byloff-Clar (1967b) 39 Byloff-Clar (1961); Byloff-Clar (1971a) 40 Byloff-Clar (1965); Byloff-Clar (1968a); Byloff-Clar (1973a) 41 Byloff-Clar (1962a); Byloff-Clar (1966) 42 Byloff-Clar (1962b); Byloff-Clar (1970); Byloff-Clar (1972); Byloff-Clar (1973b) 43 Byloff-Clar (1968b) 44 Byloff-Clar (1960); Trauner/Byloff-Clar/ Stepantschitz (1961) 45 Byloff-Clar/Droschl (1972) 46 Byloff-Clar (1971b) 47 Byloff-Clar (1978) 48 Schroll (2007), 49 49 Groß (2020a); Groß (2020b) 50 Byloff (2020) PROF. DR. DR. DR. DOMINIK GROß Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen Klinisches Ethik-Komitee des Universitätsklinikums Aachen MTI 2, Wendlingweg 2, 52074 Aachen dgross@ukaachen.de Foto: privat GESELLSCHAFT | 43

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