zm114 Nr. 12, 16.06.2024, (994) 12 | ZAHNMEDIZIN als Nutzen bringt. Beispielsweise kann es zu keilförmigen Defekten, Zahnhalssensibilitäten oder Zahnfleischirritationen kommen. Natürlich demonstriere ich dann auch, wie man elektrische Zahnbürsten richtig anwendet. Ein weiteres Thema, auf das ich eingehe, ist die Ernährung. Insbesondere weise ich auf die Probleme von zuckerhaltigen Gels, Elektrolytgetränken oder Power-Riegeln hin, die oftmals – nicht nur für die Zähne – kontraproduktiv sind. Ich spreche aber nicht nur die Sportlerinnen und Sportler an, sondern das gesamte betreuende Team. Alle sollten über die Einflüsse beispielsweise einer Parodontitis, einer Karies oder auch eines Fehlbisses auf den Organismus Bescheid wissen. Passend dazu bezeichnen Sie sich selbst als Teamsport-Zahnarzt. Wie kam es zu dieser Spezialisierung? Weil ich selbst leidenschaftlicher Sportler bin, haben mich die Zusammenhänge und Einflüsse der Mundgesundheit auf die Leistungsfähigkeit im Sport schon immer interessiert. Wo ich lebe, werden einem die Skier bereits in die Wiege gelegt. So kam ich früh in Kontakt mit dem Deutschen Skiverband (DSV). Dabei konnte ich beobachten, dass Athletinnen und Athleten unterschiedliche Beschwerdebilder entwickeln, die zumeist orthopädisch und/oder osteopathisch therapiert werden, aber häufig rezidivieren. Eine Ursache sind die eben erwähnten absteigenden Ketten. Hier konnte ich als Zahnarzt gezielt eingreifen. Wie arbeiten Sie konkret mit den Teams zusammen? Wenn ich zu Trainingslagern eingeladen werde, halte ich zumeist einen oder mehrere Vorträge. Im Anschluss biete ich ein Mund-Screening an, mache einen Zahn-Check und bei Bedarf einen kompletten Funktionstest. Kommen dabei konkrete und/oder akute Behandlungsempfehlungen heraus, beispielsweise Herdstörungen durch Weisheitszähne oder Parodontitiden, Karies oder auch Funktionsstörungen, bitte ich die Athletinnen und Athleten zu mir in die Praxis, korrespondiere mit den jeweils behandelnden Zahnarztpraxen oder überweise an zertifizierte Mitglieder der DGSZM in der Nähe des Wohnorts. Grundsätzlich haben aber alle die freie Zahnarztwahl. Kommen wir noch einmal zum Fußball: Gibt es im Rahmen Ihrer Kooperation mit dem DFB vor dem Start eines Turniers wie der Europameisterschaft spezielle zahnmedizinische Check-ups? Eigentlich nicht. In der Regel sollte die zahnmedizinische Kontrolle – wie allgemein üblich – einmal jährlich und die Prophylaxe zweimal jährlich erfolgen. Bei Bedarf kommt die Adjustierung von Performance-Schienen hinzu. Sämtliche Präventivmaßnahmen sollten weit vor einem Turnier abgeschlossen sein, da immer eine entsprechende Heilungszeit beziehungsweise Adaptationsphase eingeplant werden muss. Akute Notfallbehandlungen kommen in der Regel selten vor und können im schlimmsten Fall dazu führen, dass Spielerinnen oder Spieler nicht aufgestellt werden können. Welche zahnmedizinischen Behandlungen haben Sie im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem DFB bisher durchgeführt? Im Prinzip ist alles dabei, was ich eben beschrieben habe: Wenn Herde wie etwa Entzündungszeichen im Mund, verlagerte Weisheitszähne oder Fehlbisse diagnostiziert werden, sind spezifische Maßnahmen notwendig. Vor allem geht es um die frühzeitige Eliminierung der Ursachen. In der präventiven Sportzahnmedizin ist deshalb die Analyse der skelettalen Haltung, des muskulären Gleichgewichts und der Einfluss des Kauorgans auf die absteigenden Ketten wichtig. Dies kann dann auch zu komplexeren, interdisziplinären und längeren Behandlungen führen. Und mit welchen Fragen wenden sich die Spieler zum Beispiel an Sie? Durch die inzwischen gute Aufklärung und Kommunikation beziehen sich die Fragen vor allem auf Vorsorge und Prävention. Der regelmäßige Checkup und das ganzheitliche Screening machen die Spieler natürlich auch neugierig und motivieren sie, die relevanten Aspekte zu hinterfragen: Was kann ich für eine gesunde Mundhöhle tun? Wie ernähre ich mich entsprechend? Brauche ich eine Schiene? Müssen die Weisheitszähne wirklich entfernt werden? Solche Sachen. Sind Sie jetzt nach dem Start der EM erst einmal auf Rufbereitschaft? Die DGSZM hat der UEFA für jeden EM-Standort Listen mit mehreren zertifizierten Kolleginnen und Kollegen übergeben, auf die im Bedarfsfall zurückgegriffen werden kann. Wir hoffen natürlich, dass nichts Schlimmeres passiert und unsere Vorbehandlungen gut wirken. Aber selbstverständlich stehen wir parat, wenn wir gebraucht werden. Ohne Namen zu nennen: Gibt es in der Nationalelf Spieler mit Zahnarztangst? Grundsätzlich sehe ich bei den Spielern keinen Unterschied zu allen anderen Patientinnen und Patienten. Dabei zeigt mir meine Berufserfahrung: Je stärker und kräftiger jemand ist, desto größer ist oft die Angst vor medizinischen Eingriffen – vor allem bei den Männern. Das Gespräch führte Susanne Theisen. In Europa haben wir das Thema Sportzahnmedizin lange stiefmütterlich behandelt. Dr. Siegfried Marquardt, Sportzahnarzt Das Ärzte-Team, das die DFB-Elf betreut: Trainingslager 2023, v.l.n.r.: Orthopäde Dr. Jochen Hahne, Internist Prof. Dr. Tim Meyer, Dr. Siegfried Marquardt sowie die Physiotherapeuten Wolfgang Bunz, Jens Joppich und Bernd Schosser. Foto: Privat
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