zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (546) 40 | TITEL INTERVIEW MIT PROF. DR. CHRISTIAN SPLIETH ZU KINDERBEHANDLUNGEN „Langeweile im Wartezimmer kann zu Stress bei Eltern und Kind führen“ Christian Splieth Die Behandlung von Kleinkindern stellt Zahnärztinnen und Zahnärzte oft vor große Herausforderungen – sei es weil die Kinder nicht mitmachen, die Eltern stressen und/oder weil man selber unsicher ist. Muss man vielleicht einfach „ein Händchen“ für kleine Patienten haben? Oder kann man die Kommunikation mit ihnen auch lernen? Herr Prof. Splieth, viele Zahnärzte empfinden die Behandlung kleiner Kinder als sehr anstrengend. Was sind die Gründe dafür? Prof. Dr. Christian Splieth: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Da sind zum einen die Kleinkinder, die sich in der präoperationalen Phase befinden. Das heißt: Kinder können mit ihrem neuronalen Konzept und ihrer Aufmerksamkeitsspanne rationale Erklärungen – im Unterschied zu Schulkindern – nicht wirklich erfassen. Das macht die Behandlung von Kindern unter sechs Jahren so herausfordernd und teilweise auch anstrengend, denn mit dem Appell an die Vernunft kommt man nicht weiter. Stattdessen braucht man an die kindlichen Fähigkeiten angepasste Strategien. Zum anderen haben wir die Eltern als weiteren Stressor, die die Verantwortung für die Mundgesundheit ihrer (kleinen) Kinder tragen. Die Kinder, die behandlungsbedürftig sind, gehören nicht zu der kariesfreien Gruppe, die in Deutschland rund 80 Prozent ausmachen. Allein das ist für manche Eltern schwer zu akzeptieren. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung ist zwingend notwendig, denn die Eltern müssen das Verhalten ändern, das sie vorher erworben, verteidigt und als richtig und gut befunden haben. Zur Aufgabe des Zahnarztes gehört es, die Eltern darüber aufzuklären, dass eine Verhaltensänderung in puncto Mundhygiene erfolgen muss, um die Behandlungsergebnisse langfristig zu sichern. Andernfalls riskieren wir, dass neue Karies auftritt, Versorgungen versagen, und ein Teufelskreis entsteht. Ein weiterer wichtiger Grund für die als anstrengend empfundene Kinderbehandlung ist die eigene Unsicherheit der Zahnärzte – ein Problem, dessen Grund wohl auch in der Ausbildung zu suchen ist. Ein Großteil der frisch approbierten Zahnärzte ist unzureichend auf die Behandlung von Kindern vorbereitet. In Deutschland gibt es nur noch drei Universitäten mit einer eigenen Abteilung für Kinderzahnheilkunde. Seit der neuen Approbationsordnung besteht zudem die Möglichkeit, den praktischen Teil der Kinderzahnheilkunde-Prüfung des Staatsexamens am Phantomkopf durchzuführen, wenn keine Kinder-Patienten verfügbar sind. In Summe bedeutet das, dass immer weniger praktische Erfahrungen an kleinen Patienten gesammelt werden. Für den Umgang mit kleinen Kindern gibt es verschiedene etablierte Methoden der Verhaltenssteuerung. Welche finden Sie besonders effektiv? Entscheidend für die Auswahl der optimalen Methode ist die Berücksichtigung der kognitiven Fähigkeiten und des Alters des Kindes. Verbale Techniken wie „Tell – Show – Do“ sind bei Schulkindern nützlich, aber Kleinkinder verfügen noch nicht über eine ausgeprägte verbale Kommunikationsfähigkeit oder ein rationales Konzept. In der sensomotorischen Phase, in der das Kind primär über Freude, Lust und taktile Reize gesteuert wird, erweisen sich visuelle oder hypnotische Techniken als besonders wirkungsvoll. Ein Beispiel dafür ist der Einsatz eines an der Decke montierten Fernsehers im Behandlungsraum, der als effektiveAblenkung dient. Übrigens eine Methode, der manche Eltern zunächst skeptisch gegenüberstehen und die oft unterschätzt wird. Bindet man das Kind visuell an den Monitor, reduziert sich der Bedarf an verbaler Kommunikation, was die Behandlung für den Zahnarzt deutlich erleichtert. Darüber hinaus setzen wir hypnotische Techniken bei Bedarf auch in Kombination mit Lachgas ein, um den Entspannungszustand der Kinder zu verstärken und Eingriffe reibungsloser zu gestalten. Damit können wir einen großen Teil der Behandlungen unter Narkose vermeiden. Prof. Dr. Christian Splieth, Professor für Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde in Greifswald Foto: privat „Entscheidend für die richtige Methode der Verhaltensführung sind die kognitiven Fähigkeiten des Kindes.“
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