Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 7

zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (547) TITEL | 41 Was halten Sie von dem Klischee, wonach Frauen besser mit Kindern umgehen können oder dass nur bestimmte Menschen ein besonderes Händchen für den Umgang mit Kindern haben? Wir haben tatsächlich vor vielen Jahren eine Studie zu diesem Thema durchgeführt [Splieth et al., 2009]. Dabei ergaben sich interessante regionale Unterschiede: Kurz nach der Wende, um das Jahr 2000, waren Zahnärzte im Osten wesentlich positiver gegenüber der Kinderzahnheilkunde eingestellt und sahen weniger Barrieren als ihre Kollegen im Westen. Dazu muss man wissen, dass es an den ostdeutschen Universitäten bereits vor der Wende spezialisierte Abteilungen für Kinderzahnheilkunde – die sogenannte Kinderstomatologie – gab, sowie ein verpflichtendes Training in diesem Bereich. Das legt nahe, dass eine fundierte Ausbildung zu besseren Ergebnissen führt. Doch die spannende Frage war, ob dabei auch geschlechtsspezifische Faktoren eine Rolle spielen. Im Osten war der typische Zahnarzt schon immer eher eine Frau (etwa 60 Prozent), während im Westen im Jahr 2000 überwiegend männliche Zahnärzte tätig waren. Daraus entstand die Frage, ob der Unterschied in der Einstellung zur Kinderzahnheilkunde tatsächlich ein Ausbildungsdefizit im Westen widerspiegelt oder ob er auch damit zusammenhängt, dass Frauen kinderaffiner und deshalb tendenziell eine positivere Einstellung zur Kinderzahnheilkunde haben – während Männer weniger Interesse zeigen. Wir führten deshalb zusätzlich eine Analyse anhand von Selbsteinschätzungen durch. Zusammengefasst zeigen die Ergebnisse, dass im Jahr 2000 deutliche regionale Unterschiede in der Wahrnehmung der Kinderzahnheilkunde existierten und die Ausbildung dabei zwar eine wesentliche Rolle spielte. Aber: Im Westen, wo die Ausbildung in diesem Bereich oft fehlte, schien es vorteilhafter zu sein, wenn der Zahnarzt weiblich war, da mütterliche Instinkte und Empathie positiv wahrgenommen wurden. Und besonders interessant ist, dass bei entsprechender Ausbildung Männer jedoch mindestens genauso kompetent in der Behandlung von Kindern wie Frauen waren – ein bemerkenswerter Befund. Wie wichtig ist das „Ankommen“ der kleinen Patienten in der Praxis? Also, inwiefern tragen ein kindgerechtes Ambiente und ein ruhiger Wartebereich dazu bei, dass der gesamten Behandlungsprozess stressärmer für Kinder und Eltern verläuft? Ein gut ausgestattetes Wartezimmer mit altersgerechtem Spielzeug für Kindergartenkinder, zum Beispiel Rutschen, Bausteine, Kinderküchen, ist wichtig. Wenn im Wartezimmer Langeweile aufkommt, löst das Stress bei den Eltern und den Kinder aus. Ein angenehmer erster Eindruck entsteht auch dadurch, dass eine freundliche Person, das Kind ins Behandlungszimmer bringt, wo es erst einmal fernsehen darf. So hat der Zahnarzt oder die Zahnärztin die Gelegenheit, in Ruhe ein Anamnesegespräch mit den Eltern zu führen und das Kind hat Zeit, im Raum anzukommen. Auch die Art der Ansprache spielt eine große Rolle: Eine ruhige, empathische und zugewandte Kommunikation hilft, dass Kinder entspannt in den Behandlungsstuhl kommen. Häufig wird die Fähigkeit kleiner Kinder für das Verständnis non-verbaler Kommunikation unterschätzt. Doch gerade die kleinsten Patienten sind hochsenERGEBNISSE DER GESCHLECHTS- UND REGIONSSPEZIFISCHEN ANALYSE AUS DEM JAHR 2009 ZAHNÄRZTINNEN UND ZAHNÄRZTE AUS OST UND WEST HABEN EINE ANDERE SELBSTEINSCHÄTZUNG Unterschiedliche zahnärztliche Ausbildungen, Angst vorm Bohrer, besorgte Eltern – 2009 wurde in einer repräsentativen Studie untersucht, welche Hindernisse aus Sicht der Zahnärztinnen und Zahnärzte in Deutschland bei der restaurativen Therapie im Milchgebiss bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren vorliegen. Die Ergebnisse: Während westdeutsche Männer gefolgt von westdeutschen Frauen bei sich die höchsten Barrieren für eine Kinderbehandlung sahen, waren die Barrieren für ostdeutsche Männer am niedrigsten. Die Einschätzung der Barrieren bei Kindern war damit primär nicht geschlechtsspezifisch, zumindest bei Training. Deutliche Unterschiede in West- und Ostdeutschland zeigte die Selbsteinschätzung der Kompetenz der Zahnärzte bei der Behandlung junger Kinder. Während die Hälfte der ostdeutschen Zahnärzte nur ungern lokale Anästhetika gaben, waren es im Westen mit etwa 37 Prozent weniger (p = 0,055). In Ostdeutschland fand eine Minderheit von 35 Prozent die Kinderbehandlung stressig, in Westdeutschland dagegen die Mehrheit (>60 Prozent) und damit hoch signifikant mehr (p < 0,001). Während in Westdeutschland ein größerer Teil bestätigte, dass für Kinder die Zeit selten ausreichend ist (36,8 Prozent), stimmten die Mehrheit der ostdeutschen Zahnärzte dagegen (59,1 Prozent, p < 0,004). Die Aussage, dass sich Zahnärzte bei einer Füllung unbehaglich fühlen, wurde mehrheitlich abgelehnt. Zustimmung fand sich in Westdeutschland mit 22 Prozent statistisch signifikant höher als in Ostdeutschland (3,4 Prozent; p < 0,001). Bei der Einstellung der Zahnärzte Kinderbehandlungen anzubieten, traten die größten Unterschiede zwischen Zahnärzten und Zahnärztinnen auf. So gibt die größte Gruppe der Zahnärztinnen (38,3 Prozent) den Kindern nur ungern lokale Anästhetika, die größte Gruppe der Zahnärzte (35,6 Prozent) stimmt dagegen dieser Aussage nicht zu (p = 0,013). Die Autoren schlussfolgern, dass die Unterschiede nicht zufällig sind, sondern die Herangehensweise an die Kinderzahnbehandlung durch die Ausbildung im Fach Kinderzahnheilkunde während des Studiums bestimmt wird. Splieth C, Bünger B, Berndt C, Pine C (2009): Barrieren bei der Sanierung von Milchzähnen aus Sicht der Zahnärzte. Deutscher Ärzte-Verlag DZZ; 64 (7).

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