zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (548) 42 | TITEL sibel gegenüber Anspannung oder versteckter Aggression. Viele Behandler diskutieren, ob die Anwesenheit der Eltern während der Behandlung hilfreich ist oder eher zu zusätzlichem Stress führt. Welchen Einfluss hat das Verhalten der Eltern auf die Kooperation ihrer Kinder und wie geht man mit diesem Dilemma um? Studien zeigen, dass sich Kinder in der Regel besser benehmen, wenn ihre Eltern nicht anwesend sind. Daher könnte es sinnvoll erscheinen, auf deren Anwesenheit weitgehend zu verzichten. Aber: Die Eltern sind die primären Ansprechpartner und verantwortlich für die Mundgesundheit und -hygiene ihrer Kinder. Sie müssen deshalb aktiv eingebunden werden. Sie übernehmen zudem die Kommunikation, erklären den Grund des Zahnarztbesuchs und treffen die Entscheidungen über Behandlungen. Selbst bei einer einfachen Prophylaxe müssen die Eltern aktiv werden, um unter Anleitung die Zähne ihrer Kinder nachzuputzen und ein Training zu erhalten, um die Putztechnik zu optimieren. Darüber hinaus sollen die Eltern auch miterleben, wenn ihr Kind unkooperativ ist, um gemeinsam mit dem Zahnarzt über die nächsten Schritte zu entscheiden – sei es der Einsatz von Lachgas oder eine mögliche Narkose. In schwierigen Fällen müssen Eltern ihr Kind beispielsweise für eine Untersuchung selbst liebevoll stützen, da dies nicht durch das Praxisteam übernommen wird. Das ist notwendig, um bei gänzlich unkooperativen Kindern wenigstens einen groben Eindruck vom Zustand der Zähne zu bekommen, wenn eine Narkosebehandlung in Betracht gezogen wird. Natürlich gibt es viele Kinder, die problemlos allein während einer Kontrolle, Versiegelung oder eines Kieferorthopäden-Termins im Behandlungszimmer sind. Doch für Kinder mit behandlungsbedürftiger Karies, die Verhaltensänderungen erfordert, ist die elterliche Präsenz unerlässlich. Obwohl wir in unserer Praxis oft darüber nachgedacht haben, Eltern grundsätzlich aus dem Behandlungsraum auszuschließen, ist dies in der Praxis kaum umsetzbar und unseres Erachtens auch nicht zwingend zielführend. Es gibt viele Verhaltensführungstechniken in der Interaktion mit den Kindern. Haben Sie auch Empfehlungen für die Kommunikation mit den Eltern? Gleich zu Beginn ist meine Kommunikation mit den Eltern von zentraler Bedeutung. Die wichtigste Frage lautet für mich immer: „Was ist der Grund Ihres Besuchs?“ Es ist wichtig genau zuzuhören und zugewandt zu sein, da die Eltern oft eine weite Anreise zu einem Spezialisten auf sich genommen haben und große Hoffnungen in die Behandlung setzen. Daraus ergibt sich meine Verpflichtung, diese Erwartungen anzuhören und – sofern möglich – ihnen gerecht zu werden. In der Anfangsphase stelle ich zudem viele W-Fragen: Wann traten die Zahnschmerzen auf? Wie oft putzen Sie die Zähne? Wie (gut) funktioniert das Zähneputzen zu Hause? Häufig wird ein Röntgenbild angefertigt und anschließend in einem Shared-Decision-Making-Prozess gemeinsam mit den Eltern ein konsensualer Behandlungsplan entwickelt. Während der Behandlung des Kindes sollten die Eltern aber in den Hintergrund rücken, um die Interaktion von Zahnarzt und Kind nicht zu stören, ohne dass sie komplett ausgeschlossen werden. Ein „Schweigestuhl“ – ein niedriger Stuhl in der Ecke, von dem die Eltern zuschauen können, wie toll ihre Kinder mitmachen – sorgt dafür, dass Eltern zwar anwesend sind, aber nicht aktiv in die Kommunikation mit dem Kind eingebunden werden. Was können Zahnärztinnen und Zahnärzte noch tun, um sich besser auf die Behandlung von Kindern vorbereitet zu fühlen? Wer sich in der Kinderzahnheilkunde fortbilden möchte, sollte dies bei jemandem tun, der Erfahrung in diesem Fachgebiet hat – genauso wie man das im Bereich der Kieferorthopädie oder Implantologie auch tun würde. Kinderzahnheilkunde ist eine eigene Fachdisziplin, die ganze Lehrbücher füllt. Es gibt zahlreiche Filme und Videos, in denen die praktische Umsetzung gezeigt wird. Man muss es zum einen selbst erleben und zum anderen von einem Experten lernen und trainieren. Wenn ich Fortbildungen gebe, zeige ich den Teilnehmenden gern Filme, in denen ich demonstriere, wie ich vorgehe – sei es mit Tell-Show-Do, Desensibilisierung oder suggestiven Techniken. Würden Sie sich diese Filme ansehen, würden Sie vermutlich vieles nicht benennen können, da man oft nur das sieht, was einem bereits vertraut ist. Man braucht also eine gute Grundlagenausbildung. Und nicht umsonst laufen die Fortbildungen in vielen Zahnärztekammern und Curricula zur Kinderzahnheilkunde äußerst gut: Viele Universitäten machen in diesem Bereich ihre Hausaufgaben in der studentischen Ausbildung nicht und die Zahnärzte werden somit unzureichend auf den Umgang mit Kindern vorbereitet in die Praxis entlassen. Daher empfehlen wir auch unseren Masterstudiengang Kinderzahnheilkunde bei dem klinisch und wissenschaftlich basierte spezialisierte Kinderzahnheilkunde erlernt werden kann. Fällt Ihnen noch etwas ein, das Sie für die Behandlung von Kindern besonders wichtig finden? Ja, eine Sache ist bedeutsam: Man darf den Kindern nicht wehtun. Wenn ich bei einer Weisheitszahnextraktion Schmerzen verursache, könnten Sie das zumindest rationalisieren, verarbeiten und mir mitteilen, was Sie am meisten stört und ob Sie es aushalten können. Doch bei kleinen Kindern ist das nicht möglich. Es muss deshalb unbedingt eine effektive Schmerzausschaltung gewährleistet sein. Es ist nicht akzeptabel zu erwarten, dass ein Kind toleriert, dass es Schmerzen erfährt – das würde zu einer negativen Konditionierung führen. Mit der Folge einer dauerhaften Angst vor zahnärztlichen Behandlungen, deren Folgen wir alle kennen. Das Gespräch führte Dr. Nikola Lippe. „Auch die Ansprache spielt eine große Rolle: Häufig wird die Fähigkeit kleiner Kinder für das Verständnis von non-verbaler Kommunikation unterschätzt.”
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