PRAXIS | 55 zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (561) Foto: Huza Studio-stock.adobe.com arbeiten oder uns von ihnen behandeln lassen, ist neben der Kompetenzausstrahlung immer der menschliche Faktor und damit die Körpersprache entscheidend. Sich in der Situation wohl und sicher zu fühlen, im besten Fall Sympathie zu spüren – das ist ein wesentlicher Teil für langanhaltende und vertrauensvolle Beziehungen. Auch wenn es wenige belastbare und gut konzipierte Studien zur Körpersprache gibt, ist deren Wirkung in jeder Kommunikationssituation von jedem von uns spür- und erlebbar. Warum gehen Sie lieber an die Kasse mit dem lächelnden Mitarbeiter? Warum kehren Sie nicht zu einem Arzt zurück, den Sie trotz erfolgreicher Behandlung als nicht empathisch oder sympathisch wahrgenommen haben? Warum geben Sie lieber einer Politikerin Ihre Stimme, die Sie als nahbar empfinden? Körpersprache hat unterbewusst eine starke Auswirkung auf jede menschliche Interaktion – und ist damit für eine gelungene Arzt-Patienten-Beziehung ein zentraler Baustein. Und der Vollständigkeit halber: Genauso wichtig für ein kongruentes Auftreten ist der bewusste Einsatz der eigenen Stimme und des Sprechens, um auf die Patienten einzugehen und Kompetenz, Freundlichkeit und Zugewandtheit auszustrahlen. Das Gespräch führte Marius Gießmann. KÖRPERSPRACHE IN DER PATIENTENKOMMUNIKATION DIE 7-38-55-REGEL IST QUATSCH. ABER ... Vor mehr als 50 Jahren veröffentlichte der US-Psychologe Prof. Albert Mehrabian eine Arbeit, aus der die sogenannte 7-38-55-Regel hervorging: 55 Prozent der Kommunikation zwischen zwei Menschen liefen über die Körpersprache, 38 Prozent über Ton und Stimme und nur 7 Prozent über den Inhalt. Völliger Unsinn, der sich aber noch heute hartnäckig in den Köpfen hält, oder? Mehrabian hatte diese Regel aus seinen Experimenten nie wissenschaftlich abgeleitet, ja im Anschluss sogar immer wieder vergeblich versucht, diese Fehlinterpretation richtigzustellen. Korrekt ist: Diese Formel gilt ihm zufolge nur dann, wenn der Sender sich über seine Gefühle und Haltungen äußert und gleichzeitig beim Empfänger schon ein Misstrauen aufgrund der Kluft zwischen Worten und Haltung vorhanden ist. Welche Rolle spielt Körpersprache also in der Arzt-Patienten-Beziehung? Eine 2004 durchgeführte Metaanalysevon106Beobachtungsstudien und 21 experimentellen Arbeiten (Patientenaktivierung / Training der Kommunikationsfähigkeit des Arztes) kam zu dem Schluss, dass Interventionen wahrscheinlich die Zufriedenheit verbessern, dabei aber unklar bleibt, in welcher Form sie stattfinden müssen [Griffin et al., 2004]. Ein weiteres Review mit 90 Studien untersuchte Interventionen für Medizinstudierende, die darauf abzielten, die zwischenmenschliche Ebene beim Patientengespräch zu verbessern: Ein positiver Effekt sei da, doch „das Ausmaß der Wirkung im Allgemeinen relativ klein“ und die „Qualität der vorgelegten Evidenz gering“ [Gilligan et al., 2021]. In einem Cochrane Review von 2015 halten die Autoren um Little Körpersprache für entscheidend in der Patientenkommunikation. So deuteten die Ergebnisse darauf hin, dass Patienten auf Backchanneling stärker reagieren als auf traditionelle verbale Verhaltensweisen. Eine sich ändernde Dynamik könne ebenfalls für das Gespräch hilfreich sein, von professioneller „Coolness“ zu Beginn bis hin zu einem herzlicheren Auftreten und der Vermeidung nonverbaler Unterbrechungen am Ende [Little, 2018]. Ein weiterer Cochrane Review hat den Effekt der Kommunikationskompetenz im Umgang mit Patienten untersucht, die schwere psychische Erkrankungen haben. Es gab nur eine einzige kontrollierte Pilotstudie, und diese sei zu klein, um Rückschlüsse zu ziehen. Die Ausbildung der Kommunikationskompetenzen „scheint einen bescheidenen positiven Effekt auf die Erfahrungen der Patienten mit der therapeutischen Beziehung zu haben“, aber es sei mehr hochwertige Forschung nötig [Papageorgiou et al., 2017]. Studie: Mehrabian, A., Silent messages, Wadsworth Publishing Company (1971), https://e-edu.nbu.bg/pluginfile.php/ 855150/mod_resource/content/1/ Albert-Mehrabian%20-%20Silent% 20Messages%201971%20-%20red.size.pdf
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