Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 7

ZAHNÄRZTLICHE MITTEILUNGEN | WWW.ZM-ONLINE.DE Folgekosten von Implantaten Schweizer Forscher haben errechnet, wie viel man nach der initialen Versorgung für Wartung und Pflege investieren muss. SEITE 46 Mehr Ausstrahlung wagen Ihre Körpersprache entscheidet (mit) darüber, ob Ihre Patientinnen und Patienten Vertrauen zu Ihnen aufbauen. SEITE 54 Wie entsorge ich meinen Konnektor? Das Sicherheitszertifikat ist abgelaufen, die Hardware muss ausgetauscht werden. Doch wohin mit dem Schrott? SEITE 43 VERHALTENSFÜHRUNG IN DER KINDERZAHNHEILKUNDE Jedes Kind braucht eine eigene Strategie AUSGABE 07 | 2025 zm 01.04.2025, Nr. 07

Anzeige Hier geht es zu den goldrichtigen CAD CAM Kompressoren. CAD CAM-Druckluft garantiert – Versorgungsrisiko reduziert Die CAD CAM-Systeme von Labor und Praxis brauchen eine adäquate Druckluftversorgung. Dafür hält Dürr Dental bedarfsgerechte Kompressoren bereit. Die neue Produktlinie der CAD CAM Kompressoren ist mit speziellen Düsen ausgerüstet, die Ingenieure haben sie in Bietigheim-Bissingen extra für den Einsatz im CAD CAM-spezifisch hohen Druckbereich entwickelt (7-9,5 bar). Dadurch wird die Effizienz des Kompressors in hohen Druckbereichen erhöht. Die CAD CAM Kompressoren von Dürr Dental verfügen zudem über eine intelligente Steuerung, die eine individuelle und schnelle Anpassung des Druckbereichs ermöglicht. Bei der Entnahme großer Luftmengen innerhalb kurzer Zeit wird der erforderliche Mindestdruck für diese Kompressoren über den „Smart Power Mode“ sichergestellt. Dieser ist serienmäßig in allen CAD CAM Kompressoren verbaut. Der „Smart Power Mode“ ermöglicht eine Druckbereichseinstellung bis 9,5 bar, was für eine höhere Flexibilität sorgt. Vor allem jedoch gewährleistet der „Smart Power Mode“ eine adaptive und eigenständige Steuerung der Aggregate. Sie berücksichtigt kontinuierlich den individuellen Druckluftverbrauch. Dabei werden immer nur so viele Aggregate betrieben wie notwendig, was sich nicht nur auf den Energieverbrauch, sondern auch auf das Betriebsgeräusch des Kompressors auswirkt. Das ist smart, innovativ und kundenfreundlich. Bei der Anordnung von CAD CAM-System und Kompressor genießt das zahnärztliche Team eine hohe Flexibilität. Wo es der Zuschnitt der Praxis oder die bestehende Einrichtung erfordert, dürfen beide Funktionseinheiten ohne weiteres entfernt voneinander stehen. Denn durch einen zusätzlichen Tank mit 90 Litern Inhalt lässt sich ein großes Puffervolumen von dentaler Luft schaffen. Damit ist die Praxis bei hohen Luftentnahmemengen durch das CAD CAM-System auf der sicheren Seite. Der Puffertank stellt darüber hinaus bei Druckluft-Leitungsnetzen mit kleinen Rohrdurchmessern eine ausreichende Versorgung mit dentaler Luft sicher. Damit rundet Dürr Dental das Portfolio für die perfekte Druckluftversorgung ab; egal ob es sich um Druckluftversorgung für Behandlungseinheiten, Kliniken oder CAD CAM Systeme handelt. Mehr unter www.duerrdental.com Eigens für den CAD CAM-Einsatz entwickelte spezielle Kompressoren, ein Puffertank für ungünstige Druckluftleitungsinstallationen und eine intelligente Steuerung mit „Mindestdruck-Garantie“ runden das Angebot von Dürr Dental für die DruckluftVersorgung zahnärztlicher Fräs- und Schleif-Maschinen ab.

EDITORIAL | 3 Only bad news are good news? Außerdem beschäftigen wir uns in unserer Reihe „Fehlermanagement in der Praxis“ damit, wie man Fehler systematisch im Team analysieren kann. Unsere Expertinnen zeigen, wie die gemeinsame Suche nach Lösungen auch zum Erfolg führt. Zu den definitiv guten Nachrichten gehören auch immer wieder unsere Berichte über humanitäre Einsätze von deutschen Zahnärztinnen und Zahnärzten weltweit. In dieser Ausgabe berichtet die junge Zahnärztin Muminah Mohabbat über ihren Einsatz mit der Dentists without Limits Federation im afrikanischen Sambia. Ein Blick in Länder mit nur einer rudimentären (zahn-)medizinischen Versorgung lässt die Probleme, die wir in Deutschland haben, dann manchmal etwas kleiner erscheinen. Viel Spaß bei der Lektüre Sascha Rudat Chefredakteur Bereits in der letzten Ausgabe berichteten wir umfassend über die Ergebnisse der Sechsten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS • 6). Und diese waren zu großen Teilen mehr als erfreulich. Kurz zusammengefasst kann man sagen: Die Mundgesundheit der Menschen in Deutschland konnte in den vergangenen 30 Jahren auf vielen Ebenen deutlich verbessert werden – hier seien insbesondere die Karies-Prävalenz und die Zahnerhaltung genannt. Am 17. März wurde die DMS • 6 dann auch der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Echo in den Publikumsmedien war gut, aber auch nicht überragend. Einige Tageszeitungen berichteten, meist anhand von Agenturmaterial, auch Spiegel-Online stellte die Ergebnisse durchaus differenziert vor. Nun steht die Mundgesundheit in der breiten Bevölkerung nicht unbedingt im Fokus des Interesses – wir, die wir uns tagtäglich mit zahnmedizinischen und gesundheitspolitischen Themen beschäftigen, haben natürlich einen anderen Blick darauf. So muss man davon ausgehen, dass die DMS • 6 mit ihren vielen guten Botschaften keine weiteren größeren medialen Wellen schlagen wird. Wir sind in vielen Bereichen in der Mundgesundheit Weltspitze – na, und? Die Medien und die Bevölkerung sind inzwischen so auf schlechte Nachrichten getriggert, dass die guten, die leider in diesen Tagen oft zu selten sind, untergehen. Läuft etwas schlecht, wird nachgehakt: Warum ist das so? Wie konnte es dazu kommen? Was ist schiefgelaufen? Was muss getan werden? Gute Nachrichten werden hingegen leider oft schulterzuckend hingenommen. Aber auch hier könnte man fragen: Wie konnte es dazu kommen? Denn – um beim Beispiel der DMS • 6 zu bleiben – die Erfolge sind ja nicht vom Himmel gefallen, sondern durch langjährige intensive Bemühungen der Zahnärzteschaft um eine bessere Prävention entstanden. Hier würde es sich eigentlich lohnen zu schauen, was davon auf andere Bereiche der medizinischen Versorgung übertragen werden kann. Leider, leider bleibt dieser Schritt sowohl in den Medien als auch bei der Politik meist aus. Zu fixiert ist man auf die Dinge, die nicht gut laufen. Wir bei der zm versuchen dagegen immer, beide Bereiche zu beleuchten – was uns hoffentlich gelingt. Und Gutes kann man schließlich auch immer noch besser machen. So zum Beispiel die Behandlung von Kindern, der wir unsere Titelgeschichte widmen. Kinder sind keine einfachen Patienten. Um zu einem Behandlungserfolg zu kommen, sind Zahnärztinnen und Zahnärzte auf deren Kooperation angewiesen. Mit welchen individuellen Ansätzen und „Zaubertricks“ man die Behandlung für die kleinen Patienten so angenehm wie möglich machen kann, zeigen unsere Expertinnen und Experten. So viel sei hier schon verraten: Verhaltensführung ist der Schlüssel, um schnell, aber kindgerecht behandeln zu können. Foto: Lopata/axentis

4 | INHALT 34 Dentales Erbe Auf der Suche nach dem besseren Werkzeug – der Zahnschlüssel mit Papageienschnabel ist ein Exot in der dentalen Instrumentengeschichte. 16 Präsentation der DMS • 6 Am 17. März wurde die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie der Öffentlichkeit vorgestellt. MEINUNG 3 Editorial 8 Leitartikel 10 Leserforum POLITIK 16 Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie Prävention zeigt auf allen Ebenen Erfolge 32 Diskussionsrunde beim GKV-Spitzenverband Kassen leer, System in Gefahr? 44 FVDZ-Webtalk Die GOZ ist nur so schlecht, wie man sie anwendet! 53 Arbeitsprogramm der EU-Kommission Rücken die Freien Berufe wieder in den Fokus? 56 Datenschutzbeauftragter zu Doctolib Ärzte sind für datenschutzkonforme Verarbeitung verantwortlich 69 Sondervermögen KZBV pocht auf Investitionen in Prävention 76 Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft Was sich Unternehmer von einem Kanzler Merz wünschen 78 Studie des Deutschen Ärztinnenbundes Frauen besetzen jetzt 41 Prozent der Oberarztstellen ZAHNMEDIZIN 20 Schleswig-Holsteinischer Zahnärztetag 2025 Dem Trend entgegensteuern 26 Praxistipps mit Komposit – Teil 7 Kombinationstherapie aus indirekten und direkten Kompositveneers nach Zahntrauma 46 Aus der Wissenschaft Welche Folgekosten haben Implantate? 50 Relevanter Faktor bei der Pathogenese von Parodontitis Geschlechterunterschiede im oralen Mikrobiom 52 Freiburger Forscher publizieren Erstbeschreibung Aus „Radixoralia hellwigii“ wurde „Dentiradicibacter hellwigii“ 64 Der besondere Fall mit CME Enukleation einer nasopalatinalen Zyste und Augmentation des knöchernen Defekts TITELSTORY 36 Verhaltensführung in der Kinderbehandlung Die Macht der Fantasie 40 Interview mit Prof. Dr. Christian Splieth zu Kinderbehandlungen „Langeweile im Wartezimmer kann zu Stress bei Eltern und Kind führen“ Foto: KZBV/Nürnberger zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (510)

INHALT | 5 64 Der CME-Fall Nach Entfernung einer nasopalatinalen Zyste gelingen die Augmentation des knöchernen Defekts und der spannungsfreie Wundverschluss. TITELSTORY 36 Die Macht der Fantasie Mal muss man einen versteckten Zahn suchen, mal den Pferdepulli loben – bei der Behandlung von (Klein-)Kindern braucht man eine gute Strategie, und manchmal auch ein paar Zaubertricks. PRAXIS 18 Nach Ablauf der Zehn-Jahres-Frist Vermeiden Sie die Umsatzsteuer auf die Praxismiete! 22 Fehlermanagement in der Praxis – Teil 3 Das besprechen wir im Team! 43 Richtige Entsorgung von TI-Altgeräten Wohin mit alten Konnektoren & Co? 48 Querschnittsbefragung der Zahnärzteschaft im Vereinigten Königreich Garantiert der Erfolg die Zufriedenheit im Job? 54 Interview mit Kommunikationstrainer Johannes Kochs „Seien Sie sich Ihrer Ausstrahlung bewusst“ 58 Die ePA in der Praxis (5) So steht es um die Datensicherheit MEDIZIN 70 Studie aus Österreich OP-Patienten nehmen zu lange Opioide ein 74 Neuer Therapieansatz Nikotinpflaster lindern Long-COVID-Symptome GESELLSCHAFT 34 Mit dem Dentalmuseum durch 2025 – Teil 6 Zwei in eins – der Papageienschnabel 62 Ausstellung im Wilhelm-Fabry-Museum „Kunst und Medizin III“ 72 US-Studie zu den Folgen der Pandemie-Maßnahmen Gerade kleine Kinder litten unter Schließung der Zahnarztpraxen 80 Mit Dentists without Limits Federation in Sambia Dieses Vertrauen ins Leben hat mich tief berührt! MARKT 84 Neuheiten RUBRIKEN 14 Ein Bild und seine Geschichte 25, 82 Bekanntmachungen 59 Formular 60 Termine 83 Impressum 98 Zu guter Letzt Titelfoto: Bjoern Bernhardt zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (511)

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Drei der fünf Parteien im neuen Bundestag beschreiben in ihren Wahlprogrammen die Prävention von Erkrankungen als den zentralen Baustein einer zukünftigen Gesundheitspolitik (CDU, Grüne, SPD). Was für manche ein Blick in die Zukunft sein mag, ist für die Zahnmedizin seit 35 Jahren gelebte Praxis. Die Auswirkungen unseres inhaltlichen Wandels wurden und werden regelmäßig durch die weltweit beste epidemiologisch-klinische Studie begleitet, die „Deutsche Mundgesundheitsstudie“ (DMS). Nunmehr liegt mit der DMS • 6 die sechste und neueste Version der deutschlandweit repräsentativen Studienreihe vor. Vergleicht man die Ergebnisse von der ersten DMS 1989 bis heute, dann sieht man, welch radikalen Aufstieg Deutschland von der Kreisklasse in der Weltliga der Mundgesundheit bis hin zur Weltspitze gemacht hat. Die Präventions-Lokomotive der deutschen Zahnmedizin läuft unter Volldampf! Dreimal „Wow!“: 1. Die zwölfjährigen Kinder sind auf Spitzenniveau stabilisiert – gleichzeitig wurde die soziale Schere weiter geschlossen. Besonders hervorzuheben ist dabei auch, dass sich die Zahnärztinnen und Zahnärzte in Deutschland um Kinder und Jugendliche in einem doppelten Ansatz kümmern: Die Gruppenprophylaxe findet in Kitas und Schulen statt und wird verstärkt durch die Individualprophylaxe in den Praxen. Sicher ein Grund dafür, dass sich die Zahl der Kinder, die kontrollorientiert in die Praxis kommen von 82% in 2014 auf 94% gesteigert hat. Wow! 2. Die jüngeren Erwachsenen (35 bis 44 Jahre) gaben in der DMS V (2014) noch Anlass zur Sorge. Sie schienen „zahnarztmüde“ und ihre Mundpflege hatte sich verschlechtert. Jetzt kommen 87 % kontrollorientiert in unsere Praxen und 79 % lassen regelmäßig eine PZR durchführen. Und schon sind die Erfolge da: Die Karieserfahrung bei den jüngeren Erwachsenen ist deutlich zurückgegangen und ihnen fehlt im Durchschnitt nur noch ein einziger Zahn, 39 % sind sogar vollbezahnt. Wow! 3. Die jüngeren Senioren (65 bis 74 Jahre) kommen zu 88 % kontrollorientiert in unsere Praxen und lassen zu 79 % regelmäßig eine PZR durchführen. Ihre Karieserfahrung ist zurückgegangen und gerade einmal 5 % sind noch vollständig zahnlos. 2005 waren das noch 23 %. Heute haben 95 % der jüngeren Senioren im Durchschnitt 20,5 natürliche Zähne. Wow! In der Paro konnten wir 2014 mit der DMS V den großen Erfolg feiern, dass seit 1989 die erste – und sogar deutliche – Verringerung der ParodontitisLast erkennbar wurde. Das war dann der Startschuss für die neue Paro-Leitlinie und die GKV-Paro-Strecke. Nicht so „Wow“ ist aber, dass wir in den 35 Jahren der DMS-Studien jetzt schon die dritte Bewertungssystematik erleben – CPI/ WHO, CDC/AAP, EFP/AAP. Hier wäre die Bitte an die Parodontologie, für epidemiologische Studien ein einfaches und langfristig anwendbares Bewertungs-Schema zu etablieren. Das ist auch deshalb so wichtig, weil uns die Politik bei der ParodontitisPrävention hängen lässt. Erst wurde so getan, als würde die neue Paro-Strecke von den Krankenkassen bezahlt, dann kam der radikale Budget-Deckel. Jetzt steht die Leistung immer weniger Menschen zur Verfügung. Gerade bei der Parodontitis ist das fatal, weil diese chronische Entzündung weit über den Mund hinaus wirkt und die allgemeine Gesundheit negativ beeinflusst. Auch dazu liefert die DMS • 6 Daten, die den Zusammenhang zwischen HerzKreislauf-Erkrankungen und einer Parodontitis bestätigen. Die Zahnmedizin kann für sich verbuchen, seit 35 Jahren auf dem richtigen Weg zu sein. Wir haben nicht nur von Prävention geredet, wir haben sie super erfolgreich umgesetzt. Wir haben das Klischee widerlegt, dass Prävention mehr kostet als Reparatur. Wir treiben nicht die Kosten im GKVSystem, stattdessen haben wir die Eigenleistung unserer Patientinnen und Patienten in Gesundheit verwandelt. Deshalb müssen wir diesen Appell an die Politik richten: Lasst die Zahnmedizin machen, weil wir wissen, was wir tun. Wer die Weichen ohne Sachverstand falsch einstellt, degradiert die Präventionsbekenntnisse in den Wahlprogrammen zu sinnleerem Bla-Bla. Prof. Dr. Christoph Benz Präsident der Bundeszahnärztekammer Unsere Präventions-Lokomotive läuft unter Volldampf Foto: Foto: Georg Johannes Lopata – axentis.de 8 | LEITARTIKEL

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zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (516) Leserforum Foto: ©Federico Rostagno - stock.adobe.com FLUORIDDEBATTE Belastbare Studien sind nötig Zum Beitrag „Welchen Einfluss hat Fluorid auf den IQ von Kindern?“, zm 5/2025, S. 32–35. Taylor et al. [2025] berichten in ihrer Literaturauswertung über einen inversen statistischen Zusammenhang – eine Korrelation – zwischen pränataler systemischer Fluoridaufnahme und dem Intelligenzquotienten (IQ) von Kindern. Dabei lagen der Arbeitsgruppe nur beobachtende epidemiologische Studien vor, darunter Kohortenstudien. Bei diesen sieht das Studiendesign so aus, dass eine Gruppe stärker exponierter Personen mit einer Gruppe weniger exponierter verglichen wird. Die besseren der einbezogenen Studien kontrollierten statistisch IQ-Einflussfaktoren wie die Schulbildung der Eltern. Beobachtungsstudien erfassen die Teilnehmenden in ihrer normalen Lebensführung [Klemperer, 2020]. Aber die beobachteten Korrelationen können Kausalität, also eine Ursache-WirkungsBeziehung, nicht beweisen. Bei den beobachteten Gruppen können weitere Confounder (Störvariablen) vorliegen, die das Ergebnis verzerren. Damit ist es derzeit eine offene wissenschaftliche Frage, ob die Aufnahme von Fluorid im niedrigen Konzentrationsbereich beispielsweise der Trinkwasserfluoridierung den IQ des Kindes tatsächlich beeinflusst. Geklärt werden kann diese Unsicherheit durch experimentelle Studien, bei denen die Zuordnung zu Test- und Kontrollgruppe per Zufallsprinzip erfolgt und weder die Probandinnen noch die Untersuchenden die Zuordnung kennen (randomisierte kontrollierte verblindete Studien, RCTs). RCTs sind ethisch vertretbar, wenn es bislang keinen belastbaren Kausalbeweis gibt, und wenn die Risiken für die Teilnehmenden gerechtfertigt sind. Mittels RCTs wurde in Portugal [DeRouen et al., 2006] und den USA [Bellinger et al., 2008] geprüft, ob sich Amalgamfüllungen im Vergleich mit Kompositfüllungen auf neurologische Parameter oder den IQ auswirkten – das war nicht der Fall.

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zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (518) 12 | LESERFORUM Vor Kurzem wurde nach Auswertung einer ähnlichen Studie wie der von Taylor et al. festgestellt: „Fluorid und IQ von Kindern: die Evidenz für einen Kausalzusammenhang fehlt“ [Moore und Glenny, 2024]. Auch aus der Publikation von Taylor et al. lässt sich keineswegs schließen, dass Fluoridexposition „den IQ reduziert“. Ein aktueller Kommentar zur Publikation von Taylor et al. lautet: Die Metaanalyse zu Fluorid und Intelligenz ist irreparabel fehlerhaft und sollte zurückgezogen werden, um Schäden für die öffentliche Gesundheit und den wissenschaftlichen Diskurs zu vermeiden [Jané et al., 2025]. Dr. Harald Strippel, MSc in Dental Public Health Medizinischer Dienst Bund, Essen Literatur: Jané MB, David JH, Grimes R (2025): Taylor et al’s meta-analysis of fluoride and intelligence is irreparably flawed and should be retracted. OSF Preprints 2025, doi: 10.31219/osf.io/zhm54_v1.Bellinger DC, Trachtenberg F, Zhang A, Tavares M, Daniel D, McKinlay S (2008): Dental amalgam and psychosocial status: the New England Children's Amalgam Trial. J Dent Res. 87:470–474. doi: 10.1177/154405910808700504. DeRouen TA, Martin MD, Leroux BG, Townes BD, Woods JS, Leitão J, Castro-Caldas A, Luis H, Bernardo M, Rosenbaum G, Martins IP (2006): Neurobehavioral effects of dental amalgam in children: a randomized clinical trial. JAMA 295:1784–92. doi: 10.1001/ jama.295.15.1784. Klemperer, D: Sozialmedizin – Public Health – Gesundheitswissenschaften. 4. Aufl., Hogrefe Verlag 2020, S. 144. Moore D, Glenny AM (2024): Fluoride and children's IQ: evidence of causation lacking. Evid Based Dent 25:95–97. doi: 10.1038/s41432-024-01022-6. Taylor KW, Eftim SE, Sibrizzi CA, Blain RB, Magnuson K, Hartman PA, Rooney AA, Bucher JR (2025): Fluoride Exposure and Children’s IQ Scores. A Systematic Review and MetaAnalysis. JAMA Pediatr. 179:282-292. doi: 10.1001/jamapediatrics.2024.5542. Der Beitrag mit Kanye West auf der letzten Seite hat mich sehr gestört. Dem bekennenden Faschisten und Antisemiten auf diese Weise eine Plattform zu geben, noch dazu völlig frei von Kritik und als „witzigen“ Beitrag, trägt weiter zur Normalisierung dieser Inhalte und der Menschen, die sie vertreten, bei. Von der offiziellen Pressestimme der Bundeszahnärztekammer würde ich mir eine klare Haltung gegenüber menschenverachtenden Personen und Ideologien wünschen und nicht deren Darstellung als „Celebrities“. Dr. Cristina Eckert de Löwy Lörrach Anmerkung der Redaktion: Vielen Dank für Ihren Hinweis, den wir zum Anlass nehmen möchten, kurz über unsere Rubrik „Zu guter Letzt“ zu sprechen. Bei dieser Rubrik handelt sich um eine Glosse, die kuriose, absurde oder witzige Geschehnisse weltweit aufgreift und satirisch überspitzt weiterdreht. Dies fällt in einer in diesen Tagen an Absurditäten überreichen Welt nicht immer ganz leicht, denn häufiger ist die Wirklichkeit wahnwitziger als es Satire darzustellen vermag. Dass wir dem bekennenden Antisemiten Kanye West ein Forum zur Darstellung geboten hätten, kann man nicht wirklich behaupten, denn sonderlich gut kommt er dabei nicht weg. Wir halten unsere Leserinnen und Leser für so intelligent, dass sie sich selbst eine Meinung über diesen Menschen bilden können. Solche Personen machen sich doch häufig selbst so lächerlich, dass es keinen erhobenen Zeigefinger braucht. KRITIK AN „ZU GUTER LETZT“ Plattform für Antisemiten? Zur Glosse „Zu guter Letzt“ in zm 5/2025, S. 98. Die zm-Redaktion ist frei in der Annahme von Leserbriefen und behält sich sinnwahrende Kürzungen vor. Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch in der digitalen Ausgabe der zm und bei www.zm-online.de zu veröffentlichen. Bitte geben Sie immer Ihren vollen Namen und Ihre Adresse an und senden Sie Ihren Leserbrief an leserbriefe@zm-online.de oder an die Redaktion: Zahnärztliche Mitteilungen, Chausseestr. 13, 10115 Berlin. Anonyme Leserbriefe werden nicht veröffentlicht.

EIN BILD UND SEINE GESCHICHTE zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (520) 14 | GESELLSCHAFT Alles begann im Dezember vergangenen Jahres mit einer Routine-Behandlung. Ein 83-jähriger Mann mit starken motorischen Einschränkungen betrat die Praxis „Neighborhood Dental and Implants“ von Dr. Taylor Ross in Pueblo West, Colorado. Schnell war klar, dass eine umfangreiche PZR nötig ist. „Also haben wir Fotos gemacht und anschließend die Zähne gereinigt. Eigentlich Routine, oder?“, berichtete Ross dem Lokalblatt „Pueblo Chieftain“. „Humana, die Zahnversicherung des Patienten, versprach, diese Kosten vollständig zu übernehmen.“ Ad acta. Dann aber lehnte Humana plötzlich die Erstattung ab, Begründung: Für die Reinigung gebe es „keine Beweise“. Ross wurde sauer, er entschied, sich zu wehren, und veröffentlichte die Fotos, die Humana nicht als Beweise gelten lassen wollte, auf seiner praxiseigenen LCDWerbetafel am Straßenrand von Highway 50 – im Wechsel mit dem Namen des Humana-CEO Bruce Broussard und dessen Jahresgehalt von 16,3 Millionen US-Dollar. „Ich will das nicht kritisieren, aber es ist so ungeheuerlich falsch, diese Forderung zu bestreiten“, argumentierte Ross. „PZRs sind sehr kleine Posten, die zwischen 80 und 200 Dollar liegen, je nach Umfang der durchgeführten Arbeiten.“ In der jüngeren Vergangenheit, erklärte Ross, sei es vonseiten der Versicherer immer häufiger zu Erstattungsverweigerungen gekommen, vor allem, weil das System zur Bearbeitung von Ansprüchen immer mehr automatisiert werde. „Manchmal gibt es keine Person mehr, die sich die Röntgenaufnahmen oder Bilder ansieht, und das System ist so programmiert, dass es automatisch erst einmal Ablehnungen erstellt.“ Ein Vorgehen, das in den USA besonders zulasten vulnerabler Patienten gehe, mahnt Ross. Knapp drei Monate nach Beginn seiner Aktion lenkte Humana ein und wendete sich an Ross, „um die Angelegenheit zu klären“. Der zeigte sich zufrieden – und will die verspätete Erstattung nun dem Dentalhygieneprogramm des örtlichen Community College spenden. „

16 | POLITIK SECHSTE DEUTSCHE MUNDGESUNDHEITSSTUDIE Prävention zeigt auf allen Ebenen Erfolge Karies und Zahnlosigkeit sind in Deutschland weiter auf dem Rückzug. 78 Prozent der Zwölfjährigen sind inzwischen kariesfrei, bei den jüngeren Erwachsenen hat sich die Karieserfahrung seit 1989 halbiert. Und nur noch fünf Prozent der 65- bis 74-Jährigen sind zahnlos. „Luft nach oben“ gibt es allerdings bei der Behandlung von Parodontalerkrankungen. Das ergab die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie. Seit 1989 erforscht das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) die Mundgesundheit der Bevölkerung in Deutschland. Gemeinsam mit der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) und der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) hat das IDZ Mitte März in Berlin die sogenannte DMS • 6 vorgestellt. Für die umfassende Studie wurden von 2021 bis 2023 an 90 Untersuchungszentren in Deutschland rund 3.400 Menschen aus verschiedenen Altersgruppen und sozialen Gruppen in einer repräsentativen Erhebung befragt und zahnmedizinisch-klinisch untersucht. Dabei ging das IDZ der Frage nach, wie es um die Mundgesundheit in Deutschland insgesamt steht, wie sich die Prävalenzen von Karies und Parodontalerkrankungen entwickelt und inwieweit sich bisherige Therapiekonzepte bewährt haben. Prof. Dr. Rainer A. Jordan, Wissenschaftlicher Direktor des IDZ, präsentierte die wichtigsten Ergebnisse der Studie. Diese zeige, dass Karies bei älteren Kindern seit Einführung der Gruppen- und Individualprophylaxe Ende der 1990er-Jahre um 90 Prozent zurückgegangen sei. Nur noch 22 Prozent der Zwölfjährigen haben demnach Karies oder eine Füllung, 78 Prozent sind kariesfrei. „Das ist ein fast einmaliger Erfolg in der primären Prävention chronischer Erkrankungen“, sagte Jordan. Prophylaxe von klein auf zahlt sich aus Risikofaktoren für eine erhöhte Karieslast bei Kindern sind ihm zufolge ein niedriger familiärer Bildungsstatus oder eine Migrationserfahrung. Die Studie habe aber auch ergeben, dass von der Präventionsorientierung der vergangenen Jahrzehnte im Hinblick auf kariesfreie Gebisse besonders Kinder aus der niedrigen Bildungsgruppe profitiert haben. Als besonders beeindruckend bezeichnete der IDZ-Direktor die Kariesergebnisse bei jüngeren Erwachsenen zwischen 35 und 44 Jahren. Diese Altersgruppe habe als erste bereits im Kindesalter vollständig von der Individual- und Gruppenprophylaxe profitiert. „Jetzt sehen wir die nachhaltigen Ergebnisse, die über Jahrzehnte Bestand haben: Prävention wirkt!“, betonte Jordan. Zahnlosigkeit komme in dieser Altersgruppe praktisch nicht mehr vor; erstmalig seien fast sieben Prozent dieser Altersgruppe kariesfrei. Die jüngeren Senioren zwischen 65 und 74 Jahren dagegen seien zwar nicht „in der Ära der Prävention groß geworden“, hätten aber von der Sekundärprävention profitiert. Im Ergebnis fehPräsentierten die DMS • 6 in Berlin: KZBV-Pressesprecherin Vanessa Hönighaus, KZBV-Vorstandsvorsitzender Martin Hendges, BZÄK-Präsident Prof. Dr. Christoph Benz und IDZ-Direktor Prof. Dr. Rainer Jordan (v.l.). Foto: zm/S. Rudat zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (522)

POLITIK | 17 len den 65- bis 74-Jährigen laut Studie heutzutage durchschnittlich nur noch 8,6 Zähne; 1997 waren es noch 17,6. Diesen Rückgang nannte Jordan „unerwartet“. Über viele Jahrzehnte hatte etwa jeder Fünfte der 65- bis 74-Jährigen keine eigenen Zähne mehr. Erst in der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie vor zehn Jahren hatte sich der Anteil zahnloser jüngerer Seniorinnen und Senioren auf zwölf Prozent halbiert. Und nun habe sich dieser Anteil erneut halbiert, so dass heute nur noch fünf Prozent dieser Altersgruppe zahnlos sind. „Das ist – auch weltweit betrachtet – ein absoluter Spitzenwert“, sagte Jordan. Mehr Zähne in der Mundhöhle erhöhten aber gleichzeitig das Risiko für andere altersbedingte orale Erkrankungen. Dies betreffe vor allem die Wurzelkaries und Parodontalerkrankungen. Aktuell weisen demnach 85 Prozent der jüngeren Seniorinnen und Senioren in Deutschland eine Parodontalerkrankung auf, sagte Jordan. Eine bessere Mundgesundheit senkt Kosten „Der Paradigmenwechsel von der kurativen zur präventiven Versorgung ist ein Erfolg. Die Ergebnisse der DMS • 6 zeigen, dass unsere konsequent auf Prävention ausgerichteten Versorgungskonzepte, die aus dem eigenen Berufsstand heraus entwickelt worden sind, wirken", betonte Martin Hendges, Vorsitzender des Vorstands der KZBV. Dies führe nicht nur zu einer verbesserten Mundgesundheit von Millionen von Menschen in Deutschland, sondern habe auch den Anteil an den Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für vertragszahnärztliche Leistungen in den vergangenen Jahren um mehr als 30 Prozent gesenkt. Die Ergebnisse belegen Hendges zufolge aber auch, dass Parodontitis immer noch eine Volkskrankheit und ein wesentlicher Einflussfaktor bei der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. 2021 habe die KZBV mit der präventionsorientierten Parodontitisbehandlungsstrecke eine Therapie in die Versorgung gebracht, die auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. „Dieser wichtige Ansatz wurde durch politische Entscheidungen in Form des GKV-Finanzstabilisierungsgesetzes mit seiner strikten Budgetierung schwer beschädigt“, kritisierte Hendges. Dem Kampf gegen Parodontitis sei so ein herber Rückschlag versetzt worden, der eine nachhaltige Behandlung nun deutlich erschwere. Er forderte die neue Bundesregierung auf, die Leistungen für die präventionsorientierte Parodontitistherapie als gesetzliche Früherkennungs- und Vorsorgeleistungen zu verankern und für die Versorgung die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. „Um die bislang erreichten Erfolge im Hinblick auf die Mundgesundheit zu erhalten und weiter auszubauen, benötigen die Praxen endlich wieder angemessene Rahmenbedingungen für ihre Arbeit“, betonte Hendges. Parodontitistherapie gesetzlich verankern „Heute ist ein schöner Tag für die Zahngesundheit“, ergänzte BZÄK-Präsident Prof. Dr. Christoph Benz. Die Ergebnisse der DMS • 6 seien ein Grund zur Freude für die Patienten- und die Zahnärzteschaft. Sie zeigten, wie nachhaltig die Kombination aus Gruppen- und Individualprophylaxe für eine gute Mundgesundheit sorge. „In allen Altersgruppen konnten die guten Daten gehalten oder sogar verbessert werden“, hob Benz hervor. Gerade bei Seniorinnen und Senioren bedeuteten weniger fehlende beziehungsweise mehr funktionstüchtige Zähne eine gesteigerte Lebensqualität. Die Studie zeige zudem erstmals, dass HerzKreislauf-Erkrankungen nicht nur mit Parodontitis, sondern auch mit Zahnlosigkeit zusammenhängen. Dies sei ein Auftrag für weitere interdisziplinäre Forschung in diesem Feld. Die DMS • 6 habe allerdings auch ergeben, dass von der zahnmedizinischen Prävention noch nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen profitieren. Menschen in sozial schwierigen Lebenslagen würden von den Maßnahmen weniger gut erreicht. „Dies stellt eine Aufgabe für die Zahnärzteschaft dar, diese Gruppe noch mehr in den Fokus zu nehmen“, sagte Benz. ao zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (523) Fotos: DMS • 6, zm/S. Rudat

18 | PRAXIS NACH ABLAUF DER ZEHN-JAHRES-FRIST Vermeiden Sie die Umsatzsteuer auf die Praxismiete! Bernhard Fuchs, Marcel Nehlsen In der Praxis erleben wir immer wieder, dass Vermieter auch nach Ablauf der Zehn-Jahres-Frist weiter Umsatzsteuer auf die Praxismiete berechnen, obwohl das nicht mehr erforderlich ist. Auch Zahnärzte, die Mieter sind, zahlen diese Steuer oft weiterhin, ohne das zu hinterfragen – und verschenken so viel Geld. Zahnärzte, die für ihre Praxisräume eine Miete plus Umsatzsteuer zahlen, können diese 19 Prozent in der Regel nur in geringem Umfang als Vorsteuer geltend machen. Denn das gilt nur für den Anteil der Miete, der auf eine umsatzsteuerpflichtige Laborabteilung entfällt. Dennoch haben wir in der Praxis immer wieder Fälle, in denen Zahnärzte seit Jahren ohne Not Umsatzsteuer auf die Miete zahlen. Auch in Mietangeboten taucht regelmäßig die Forderung nach Umsatzsteuer auf die Miete auf. Wie ist die rechtliche Lage? Grundsätzlich ist die Vermietung von Immobilien umsatzsteuerfrei. Der Vermieter darf jedoch Umsatzsteuer verlangen, sofern der Mieter ausschließlich umsatzsteuerpflichtige Umsätze erzielt. Bei Zahnärztinnen und Zahnärzten ist das jedoch nicht der Fall. Eine Ausnahme besteht, wenn der Bau einer Praxisimmobilie vor dem 11. November 1993 begonnen und vor dem 1. Januar 1998 fertiggestellt wurde. In diesem Fall darf der Vermieter von der Option der Umsatzsteuer Gebrauch machen. Der Hauptgrund für eine Umsatzsteueroption liegt im Vorsteuerabzug. Hat der Vermieter beim Bau der Immobilie Umsatzsteuer gezahlt, kann er sich diese vom Finanzamt erstatten lassen, sofern er umsatzsteuerpflichtig vermietet. Rechenbeispiel:DieHerstellungskosten der Praxisimmobilie belaufen sich auf 1.000.000 Euro netto. Die Umsatzsteuer von 19 Prozent beträgt also 190.000 Euro, somit ergibt sich eine Gesamtinvestition von 1.190.000 Euro. Was bringt dem Vermieter die Umsatzsteuer? Bei einer umsatzsteuerpflichtigen Vermietung kann sich der Vermieter die 190.000 Euro vom Finanzamt zurückholen. Im Gegenzug muss er jedoch 19 Prozent Umsatzsteuer auf die Miete berechnen und ans Finanzamt abführen. Das ist wirtschaftlich nur sinnvoll, wenn der Mieter die gezahlte Umsatzsteuer als Vorsteuer abziehen kann. Damit der Vorsteuerabzug dauerhaft gesichert ist, muss die Immobilie mindestens zehn Jahre lang umsatzsteuerpflichtig vermietet werden. Danach kann die Immobilie umsatzsteuerfrei vermietet werden, ohne dass der Vermieter den Vorsteuerabzug verliert. In der Praxis erleben wir jedoch öfter, dass Vermieter auch nach Ablauf der Zehn-Jahres-Frist die Umsatzsteuer weiter berechnen. Zahnärzte zahlen diese Steuer oft weiterhin und verschenken so erhebliche Summen. Bei Neuabschlüssen oder Verlängerungen von Mietverträgen wird die Umsatzsteuer oft ebenfalls ohne Prüfung akzeptiert – selbst wenn die Option zur Umsatzsteuer gar nicht mehr zulässig ist. Es lohnt sich, die Umsatzsteuer auf die Miete zu prüfen und bestenfalls zu eliminieren. Foto: kunakorn - stock.adobe.com zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (524)

PRAXIS | 19 Sobald die Zehn-Jahres-Frist abgelaufen ist, hat der Vermieter keinen finanziellen Vorteil mehr durch die Umsatzsteueroption, es sei denn, es stehen größere Reparaturen an. Da laufende Unterhaltskosten nur mit geringer Umsatzsteuer belastet sind, spielt der Vorsteuerabzug sonst nur eine untergeordnete Rolle. Fazit Wenn Sie eine Praxis-Immobilie mieten, die älter als zehn Jahre ist, sollten Sie prüfen, ob die Umsatzsteueroption noch erforderlich ist. In vielen Fällen kann die Umsatzsteuer auf die Miete herausverhandelt werden. Ein Ansatzpunkt ist etwa, dem Vermieter eine um zum Beispiel drei Prozent erhöhte Kaltmiete anzubieten. Dadurch erhält der Vermieter eine höhere Netto-Miete, ohne die Umsatzsteuer an das Finanzamt abführen zu müssen. Auch dazu ein Rechenbeispiel: Beträgt die jährliche Miete 48.000 Euro, können durch den Wegfall der Umsatzsteuer von 19 Prozent im Jahr 9.120 Euro Miete gespart werden. Eine Erhöhung der Kaltmiete um 3 Prozent dagegen wären plus 1.440 Euro. Somit ergäbe sich eine Ersparnis für den Zahnarzt als Mieter von 7.680 Euro pro Jahr. Über 20 Jahre wären das 153.600 Euro Ersparnis. Es lohnt sich, die Umsatzsteuer auf die Miete zu hinterfragen und gegebenenfalls zu eliminieren. Das kann langfristig erhebliche finanzielle Vorteile bringen. „ Bernhard Fuchs Kanzlei Fuchs & Stolz, Volkach Steuerberater Zahnärzteberatung Foto: privat Marcel Nehlsen Steuerberater, Diplom-Finanzwirt & Fachberater für das Gesundheitswesen Kanzlei Laufenberg Michels und Partner, Köln Foto: privat © 2025 Ultradent Products, Inc. All rights reserved. ULTRADENTPRODUCTS.COM de.ultradent.blog Die Systemlösung für Restaurationen von Ultradent Products kombiniert einige unserer beliebtesten Produkte – für langlebige und ästhetische Restaurationen. Das Rundum-System für Ihre HOCHWERTIGEN RESTAURATIONEN ULTRADENTPRODUCTS.COM/ RESTORATIVE

20 | ZAHNMEDIZIN SCHLESWIG-HOLSTEINISCHER ZAHNÄRZTETAG 2025 Dem Trend entgegensteuern Kein Kongressmanagement, kein ausgefeiltes Eventmarketing: Die KZV Schleswig-Holstein kümmert sich weiterhin um alles selbst – „vom digitalen Einlassticket über den Flyer bis hin zur Moderation“ betonte ihr Vorstandsvorsitzender Dr. Michael Diercks in seiner Begrüßungsrede zum Zahnärztetag in Neumünster. Diercks zeichnete die jüngste Entwicklung in der PA-Behandlung nach. Mit dem Inkrafttreten der PAR-Richtlinie im Juli 2021 sei es zu einem regelrechten Boom an Parodontalbehandlungen gekommen. „Die Neuanträge schnellten in die Höhe, die Punktmengen verdoppelten sich und darüber hinaus in den Jahren 2022 und 2023. Die Praxen stellten sich auf einen hohen PA-Behandlungsumfang ein, räumlich, instrumentell, personell. Mit dem GKV-Finanzstabilisierungsgesetz vom November 2022 wurde dann die Umkehr eingeleitet." In Schleswig-Holstein sei man zwar vergleichsweise gut aufgestellt gewesen – für 2023 gab es keine HVM-Grenzen, in 2024 nur eine „sanfte Steuerung“, aber der Trend zeige nach unten und auch in SchleswigHolstein seien die Fallzahlen zurückgegangen, berichtete Diercks. Diesem Trend wollte man mit dem Kongressthema „Update Parodontologie“ entgegenwirken. Insgesamt 19 Vorträge, die sich mit verschiedenen Aspekten der Parodontologie befassen – der Prävention, der Entstehung, den Behandlungsmöglichkeiten, den Wechselwirkungen zwischen allgemeinen und parodontalen Erkrankungen, aber auch der Abrechnung der Leistungen –, standen auf dem Programm. „Wir wollen Ihnen und Ihren Mitarbeitern mit diesem Zahnärztetag wieder Lust auf PA machen. Wir wollen, dass die Fallzahlen wieder steigen“, sagte KZV-Chef Diercks. Die Lupenbrille war der Gamechanger Im wissenschaftlichen Programm stellten die Referentinnen und Referenten anhand zahlreicher Fälle aus der Praxis die Therapiemöglichkeiten der Parodontitis in den vier aufeinander aufbauenden Stufen vor. Dabei betonten sie, dass die Risikofaktoren stark patientenabhängig seien. Ein „echter Gamechanger“ bei der Behandlung Rund 1.000 Zahnärztinnen und Zahnärzte und über 1.300 Praxismitarbeiterinnen kamen am 15. März in die Holstenhallen in Neumünster. Fotos: Thomas Eisenkrätzer zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (526) Die Prävention der Periimplantitis beginnt bereits mit der kritischen Prüfung der Indikation für eine Implantatversorgung im parodontal kompromittierten Areal, sagte Prof. Dr. Christian Graetz (Kiel).

ZAHNMEDIZIN | 21 sei die Vergrößerung durch die Lupenbrille, erklärte Prof. Dr. Adrian Kašaj, leitender Oberarzt für PAR und Zahnerhaltung der Universität Mainz. Prof. Dr. Henrik Dommisch, Direktor der Abteilung für Parodontologie, Oralmedizin und Oralchirurgie an der Charité –Universitätsmedizin Berlin, hob die Bedeutung der aktuellen S3-Leitlinie zur Behandlung der Parodontitis der Stadien I bis III heraus: „Mit dieser Leitlinie haben wir einen guten Fahrplan.“ Im seinem Vortrag zur chirurgischen und regenerativen Parodontaltherapie zeigte Dommisch anhand zahlreicher Fallbeispiele, wie vertikale Knochendefekte nach chirurgischer Parodontitistherapie unter Anwendung von Biomaterialien regenerieren können. Einschränkend nannte er Faktoren, die als unbedingte Voraussetzung für die Planung eines regenerativ-chirurgischen Eingriffs gelten: zum Beispiel eine optimale häusliche Mundhygiene und Rauchfreiheit sowie bei Diabetes mellitus eine optimale Blutzuckereinstellung. Zudem müssten die Therapiestufen 1 und 2 erfolgreich abgeschlossen worden sein. Bei der chirurgischen Intervention (Stufe 3 der Therapie) selbst komme es darauf an, möglichst minimal-invasiv zu operieren, so dass eine maximale Stabilität des Weichgewebes aufrechterhalten werden kann. Vertikale Knochendefekte könnten so mit Membranen oder Schmelz-Matrix-Proteinen, auch in Kombination mit knöchernen Ersatzmaterialien, vorhersagbar regenerativ behandelt werden. Wenn die erzielten Therapieergebnisse dauerhaft aufrechterhalten werden sollen, dann sei die regelmäßige Durchführung der unterstützenden Parodontitistherapie (Stufe 4 der Therapie) unverzichtbar, sagte Dommisch. Bei einer Implantatversorgung den Worst Case vermeiden Der Titel „Worst Case Periimplantitis – Risikofaktoren, Prävention und Therapieoptionen“ des Vortrags von Prof. Dr. Christian Graetz (Kiel) war aus gutem Grund gewählt: Periimplantitis ist tatsächlich der gar nicht so seltene Worst Case einer Implantatversorgung. Auch heute existiere noch „kein zuverlässiges und gut untersuchtes Therapiekonzept bei Periimplantitis“, betonte Graetz. Deshalb sollte eine voreilige Extraktion parodontal erkrankter Zähne zum Zweck der nachfolgenden Implantatversorgung unterbleiben. Studien zufolge hätten Patienten mit einer Parodontitishistorie zudem ein höheres Risiko für mehr Knochenabbau am Implantat und Periimplantitis. Die Prävention der Periimplantitis beginne deshalb bereits mit der kritischen Prüfung der Indikation für eine Implantatversorgung im parodontal kompromittierten Areal, sagte Graetz. Dennoch sei die Parodontalhistorie keine Kontraindikation für die Implantatversorgung. Wenn durch eine adäquate Nachsorge im Rahmen der unterstützenden periimplantären Therapie (UPT) gegengesteuert wird, müsse dies nicht mit einem höheren Implantatverlust verknüpft sein, sagte Graetz und verwies auf Langzeitstudien aus seiner Kieler Klinik. Allgemein müsse jedoch bei ersten Anzeichen einer periimplantären Mukositis möglichst schnell gehandelt werden, das heißt die Elimination klinischer Entzündungszeichen (ST≤5mm, BOP≤1und kein Pus am Implantat). Graetz verwies auch auf die Bedeutung einer guten Abstimmung im Praxisteam, da zum Beispiel niedrigabrasive Pulver-Wasserstrahltechniken zwar sehr gute Reinigungserfolge als Monotherapie sowohl in der nichtchirurgischen als auch in der nichtrekonstruktiven chirurgischen Periimplantitistherapie erzielen könnten, aber nach derzeitigem Verständnis umsichtig nachfolgend zu einer mechanischen Instrumentierung mit Küretten oder maschinellen Scalern aufgrund eines erhöhten Risikos der Emphysembildung erfolgen sollten. Abrechnungsfehler kosten Zeit (undGeld) Auch wenn die PAR-Richtlinie seit nunmehr über dreieinhalb Jahren in Kraft ist, kommt es weiterhin zu zahlreichen Abrechnungsfehlern und zunehmend auch zu Berichtigungsanträgen seitens der Krankenkassen. „Abrechnungsfehler kosten Zeit und Geld – Ihr Geld“, darauf wies Diercks in seinem Vortrag zum Thema hin. Wichtig sei, die Reihenfolge der Leistungen und ihre zeitlichen Abstände einzuhalten. Fehlende Leistungen könnten in der Regel nicht nachgeholt werden und führten zu Honorarverlusten und gegebenenfalls auch zum Behandlungsabbruch. Der Unterschied zwischen einem Abrechnungsfehler und einem Richtlinienverstoß war Dierchs in seinem Vortrag besonders wichtig. So sei beispielsweise die Abrechnung einer Beratung (Ä1) mit den Leistungen MHU, ATG oder BEV abgegolten und gemäß Abrechnungsbestimmungen nicht zusätzlich in der gleichen Sitzung berechenbar. Ein solcher Abrechnungsfehler führe daher zur Korrektur und Absetzung der Leistung, habe aber keine Auswirkungen auf die weitere Behandlungsstrecke. Anders verhalte es sich bei einem Richtlinienverstoß, wie zum Beispiel dem Fehlen eines aktuellen Röntgenbildes am Beginn der PAR-Behandlung. Die Röntgenaufnahme sei Grundlage für Befund, Diagnose und Therapie und ohne Röntgenaufnahme könne in der Regel ein korrekter Behandlungsplan nicht erstellt werden, da sie für ein „grading“ und „staging“ grundsätzlich erforderlich sei. Das Fehlen eines Bildes führe daher zum Verlust der ganzen Abrechnung und gegebenenfalls zum Abbruch der Behandlung. Der Patient habe nämlich Anspruch auf eine richtliniengemäße Behandlung und der Zahnarzt sei zu dieser auch verpflichtet. br zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (527) KZV-Chef Dr. Michael Diercks konnte in diesem Jahr ein Allzeithoch an Teilnehmern verkünden.

22 | PRAXIS FEHLERMANAGEMENT IN DER PRAXIS – TEIL 3 Das besprechen wir im Team! Anke Handrock, Maike Baumann, Annika Łonak Treten bestimmte Fehler regelmäßig und dabei nicht nur bei ein und derselben Person auf, macht es Sinn, die Sache mit dem gesamten Team systematisch zu analysieren. Das hat mehrere Vorteile. Denn so wird dabei die Aufmerksamkeit der gesamten Gruppe auf den fehleranfälligen Prozess gelenkt und weg von der fruchtlosen Suche nach den Schuldigen auf die gemeinsame Lösungsfindung gerichtet. Die Prozessveränderung kann dann über einen längeren Zeitraum beobachtet und ausgewertet werden, so dass sich die neuen Verhaltensweisen bei allen Teammitgliedern einspielen. Ein Beispiel: In einer Praxis sollen die Informationen über geplante Folgebehandlungen zur Terminvergabe an die Rezeption übermittelt werden. Dazu wurden sogenannte „Tauben“ elektronisch an die Rezeption geschickt, sobald die Patienten nach Abschluss der Sitzung auf dem Weg dorthin waren. Das erwies sich als wiederkehrende Fehlerquelle, da die „Tauben“ unterschiedlich vollständig waren und manchmal sogar vergessen wurden. Dann ging eine Rezeptionistin ins Behandlungszimmer und fragte in Gegenwart des nächsten Patienten nach den fehlenden Details zur Terminvergabe. Das störte die laufende Behandlung und hatte schon mehrfach zu Unmut, Diskussionen und Schuldzuschreibungen im Team geführt. Im Team suchen alle gemeinsam nach einer Lösung Die Zahnärztin beschloss daher, in einer Team-Sitzung eine systematische Fehleranalyse durchzuführen. Dafür bat sie die Mitarbeiterin von der Rezeption, die Folgen der fehlenden Informationen bei der Terminvergabe und Trainings zur Fehlervermeidung zeigen, wie man Prozesse standardisiert, Checklisten einführt und Mitarbeitende schult. Solche Maßnahmen sind effektiv, um die Fehlerhäufigkeit zu senken und sicherzustellen, dass alle die korrekten Prozessabläufe kennen. Foto: BullRun-stock.adobe.com zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (528)

PRAXIS | 23 Exklusiv für DS Core® Abonnenten*: SureSmile® Rabattaktion sichern. *Dentsply Sirona Preisvorteile zzgl. gesetzlicher MwSt. gültig für Bestellungen ab 01.01.2025 bis 30.06.2025 in Deutschland und Österreich, es ist ein kostenpflichtiges DS Core®-Abonnement (Light oder höher) erforderlich. Mehr erfahren Dr. med. dent. Anke Handrock Praxiscoach, Lehrtrainerin für Hypnose (DGZH), NLP, Positive Psychologie, Coaching und Mediation, Speakerin und Autorin Foto: Sarah Dulgeris der Terminbuchoptimierung exakt zu beschreiben. Auf die sofort einsetzende Diskussion mit Schuldzuweisungen, Rechtfertigungen und Ausflüchten reagierte die Zahnärztin, indem sie mehrfach klar sagte, dass sie daran kein Interesse habe. Sie betonte, dass es ihr ausschließlich darum gehe, das Problem für die Zukunft zu lösen. Anschließend bat sie das Team, bis zur nächsten Besprechung Ideen zu entwickeln, wie alle gemeinsam sicherstellen können, dass die Rezeption die Informationen rechtzeitig und vollständig erhält. In der folgenden Besprechung wurden verschiedene Vorschläge diskutiert. Den „Zuschlag“ erhielt am Ende ein Textbaustein, der in der Patientenakte nun jeweils den Abschluss der Dokumentation bildet und der eine strukturierte Vorgabe für alle relevanten Dipl.-Psych. Maike Baumann Psychotherapeutin und Mediatorin, Coach, Autorin und Dozentin Foto: Sarah Dulgeris Annika Łonak Fachärztin für Radiologie und Neuroradiologie, Oberärztin Universitätsspital Basel Foto: Sarah Dulgeris

24 | PRAXIS zm115 Nr. 07, 01.04.2025, (530) Informationen enthält. Wenn Einträge wieder vergessen werden, wird der Name des betroffenen Patienten in einer Liste eingetragen, damit anschließend eine Auswertung erfolgen kann. Wann ein Vier-Augen-Gespräch besser ist Die Chefin setzte anschließend eine Testphase von drei Wochen an, nach der eine Auswertung in einer weiteren Team-Besprechung stattfand. Dabei wurde der Textbaustein noch einmal optimiert. Die vergessenen Eintragungen wurden dadurch deutlich weniger, die Qualität der Informationen stieg und die Reibereien zwischen Rezeption und Behandlungszimmer reduzierten sich auch. Danach kam das Thema bei den Besprechungen jedes Quartal auf Wiedervorlage, um ein längerfristiges Monitoring zu gewährleisten. So vorzugehen ist aber nur sinnvoll, wenn es sich um Abweichungen handelt, die viele Personen im Team betreffen. Wir stellen immer wieder fest, dass es vielen Führungskräften schwerfällt, Fehler, die von Einzelpersonen verursacht wurden, direkt im Einzelgespräch anzusprechen. Oft scheint es einfacher, das Thema allgemein in der Gruppe zu behandeln. Das kann jedoch negative Auswirkungen haben – für den Einzelnen wie für das Team. Kommen einzelne Mitarbeitende beispielsweise öfter zu spät und das Thema Pünktlichkeit wird in der Gruppe thematisiert, können sich die unpünktlichen Personen indirekt bloßgestellt fühlen. Auch bei den anderen wächst die grundsätzliche Sorge, vor der gesamten Gruppe in Fehlersituationen beschämt zu werden. Zusätzlich fühlen sich die pünktlichen Personen ungerechtfertigterweise mit beschuldigt. Darüber hinaus haben derartige allgemeine Ansprachen in der Regel keine längerfristige Wirkung auf das unerwünschte Verhalten. Daher gilt die Grundregel: Was einzelne Personen betrifft, wird mit denen in Einzelgesprächen unter vier Augen besprochen. Das ist zielgerichtet, fair und schützt die Team-Atmosphäre. Fazit Wer die Regel beherzigt, Fehler, die im ganzen Team relevant sind, in der Gruppe zu bearbeiten, und Fehler von Einzelpersonen direkt mit ihnen konstruktiv auszuwerten, hat ein Team, das sich weiterentwickelt und offener wird. Wenn Mitarbeitende über einen längeren Zeitraum gute Erfahrungen mit konstruktivem Fehlermanagement sammeln, sprechen sie auch eigene Fehler immer offeneran. In dieser Situation erlebt das gesamte Team, dass ein konstruktiver Umgang mit Fehlern von der Chefin wirklich wertgeschätzt wird. Solche Situationen prägen die Gruppe nachhaltig. Wenn Mitarbeiter erfahren, dass Fehler nicht bestraft, sondern systematisch als Anlass zur Verbesserung genutzt werden, wandelt sich die Kultur. Fehler verlieren ihren Schrecken und werden zu einer Ressource für Lernen und Entwicklung. „ DAS FALSCHE IMPLANTAT Eine Mitarbeiterin kommt zu ihrer Chefin und informiert sie darüber, dass sie beim Vorbereiten einer Implantation für den folgenden Tag bemerkt hat, dass sie Implantate falsch bestellt und einsortiert hat. Die geplanten Implantate für die Operation am kommenden Tag fehlen also. Die Chefin beschließt daraufhin, den Eingriff zu verschieben. Die Praxis kann dem Patienten noch Bescheid geben. Die Chefin reagiert auf diese Situation, indem sie einerseits ihre Emotionen transparent und klar benennt und sich andererseits bei der Mitarbeiterin für die Offenheit bedankt. Sie sagt: „Also, das ist natürlich wirklich ärgerlich! Ich bin Ihnen aber auch dankbar, dass Sie direkt zu mir gekommen sind und mir das sofort gesagt haben. So haben wir noch die Chance, den Patienten zu erreichen und die OP zu verlegen.“ Am folgenden Tag kommt die Mitarbeiterin erneut zu der Zahnärztin und sagt, dass es ihr wichtig sei, diese Situation im OP-Team einmal gemeinsam zu besprechen. Sie hätte über die gesamte Situation nochmal genau nachgedacht und wisse, wie der Fehler entstanden sei. Ursache sei eine Verwechslung, und das sollten im OP-Team möglichst alle wissen, damit derartige Situationen in Zukunft vermieden werden können. Die Zahnärztin fragt die Mitarbeiterin daraufhin, wie sie das gerne hätte – ob sie das Thema selbst im Team ansprechen möchte. Alternativ bietet sie ihr an, den Fehler neutral und ohne Namen zu beschreiben. Diese antwortet daraufhin: „Nein, das möchte ich schon selbst sagen! Das ist mir passiert, und ich kann den anderen auch die Hintergründe und Probleme am besten erklären.“ Die Zahnärztin bedankt sich nochmal und eröffnet das Thema in der Besprechung mit den Worten: „Frau Müller hat mich gestern angesprochen, dass es einen Verwechslungsfehler gegeben hat. Über den möchte sie Sie jetzt informieren. Ich bin ihr für ihr Vertrauen und ihre Offenheit ausgesprochen dankbar und denke auch, dass es am besten ist, wenn sie Ihnen die Thematik selbst erläutert.“ DREITEILIGE SERIE FEHLERMANAGEMENT IN DER PRAXIS „ Teil 1: Das Prinzip der psychologischen Sicherheit „ Teil 2: Fehlerbesprechung mit einzelnen Mitarbeitern „ Teil 3: Fehlerbesprechung mit dem Team

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