zm115 Nr. 15-16, 16.08.2025, (1272) 14 | POLITIK Stange: Es müssen mehr Menschen Zugang zu präventiven zahnmedizinischen Angeboten erhalten, um Zahnerkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Dazu gehört eine stärkere Aufklärung über Mundhygiene, eine verbesserte zahnärztliche Betreuung von Kindern und Jugendlichen sowie eine gezielte Förderung von Gruppen mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko. Wo sehen Sie die größten Probleme der zahnärztlichen Versorgung und der Zahnärzteschaft und wie sollte man sie lösen? Müller: Wie bei sehr vielen anderen Berufsgruppen wird es immer schwieriger, Nachfolger zu finden. Die von der Zahnärzteschaft geforderte Entbudgetierung halte ich in Zeiten stetiger Beitragserhöhungen für ein gefährliches Unterfangen. Stattdessen würde ich bei Dingen anfangen, die nichts kosten, den beruflichen Alltag aber wesentlich erleichtern können. Damit meine ich beispielsweise eine deutliche Reduktion der Dokumentationspflichten bei der Verwendung von Medizinprodukten. Baum: Ausufernde Kontrollen binden sinnlos Arbeitskräfte. Wir brauchen wieder mehr Freiheit in allen Belangen der Praxisführung. QM und Verpflichtungen zu Weiterbildungen frustrieren, anstatt zu motivieren. Erbrachte Leistungen müssen auch bezahlt werden. Die Budgetierungen sind aufzuheben. Pantazis: Eine der größten Herausforderungen liegt in der Digitalisierung der zahnmedizinischen Versorgung. Sie kann Bürokratie abbauen und die Versorgungsqualität steigern. Diese Potenziale müssen wir konsequent nutzen – auch zur Entlastung der Zahnärzteschaft. Gleichzeitig bietet die Digitalisierung die Chance, die Versorgungsqualität und Erreichbarkeit für Patientinnen und Patienten spürbar zu verbessern. Grau: Ein zentrales Problem ist der zunehmende Fachkräftemangel. Wir setzen uns dafür ein, die Ausbildung zu stärken, bürokratische Hürden abzubauen und die Arbeitsbedingungen in den Praxen zu verbessern. Stange: Konzentration von Zahnärzten in Ballungsgebieten, fehlende staatliche Unterstützung bei ländlichen Praxen, mehr Leistungen seitens der Krankenkassen. Wie kann die zahnärztliche Versorgung flächendeckend sichergestellt werden? Müller: Eine Niederlassung würde attraktiver, wenn der enorme bürokratische Aufwand vereinfacht würde. Im Mittelpunkt sollten Diagnose und Behandlung stehen. Es müssen Rahmenbedingungen existieren, die die Berufsausübung erleichtern. Sonst wandern junge Zahnärztinnen und Zahnärzte in dieMVZab. Baum: Schwerpunkt inhabergeführte Praxen niedergelassener Ärzte. Minimierung des unternehmerischen Risikos durch finanzielle und organisatorische Niederlassungshilfen, zum Beispiel durch Bereitstellung vergünstigter Praxisräume. Erhöhung der Studienplätze und Arbeitsbedingungen, die die Absolventen im Land halten. Pantazis: Für eine flächendeckende Versorgung brauchen wir Anreize für ländliche Räume, flexiblere Strukturen und eine moderne Ausbildung. Digitalisierte Praxen ermöglichen effizientere Abläufe. Digitale Kompetenzen gehören zudem stärker in die zahnmedizinischen Lehrpläne. Grau: Attraktive Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sowie gezielte Förderprogramme für den ländlichen Raum sind essenziell. Wir müssen junge Zahnmedizinerinnen und Zahnmediziner gezielt unterstützen. Stange: Schaffung von Anreizen für Zahnärzte, sich auch in unterversorgten Gebieten niederzulassen. Dies könnte beispielsweise durch finanzielle Förderungen oder eine gezielte Unterstützung bei der Praxisgründung geschehen. Die Interviews führte Anne Orth. Anmerkung der Redaktion: Die Reihenfolge der Interviewantworten orientiert sich an der Fraktionsstärke der jeweiligen Partei im Bundestag. DR. CHRISTINA BAUM (AFD) Geboren am 21. März 1956 in Kleingrabe im Kreis Mühlhausen in Thüringen, studierte Baum Zahnmedizin in Leipzig und Erfurt. Im Juni 1989 reiste sie aus politischen Gründen aus der DDR aus. 1990 promovierte sie an der Universität Würzburg. Von 1992 bis 2024 führte sie gemeinsam mit ihrem Mann eine Zahnarztpraxis in Lauda-Königshofen. 2013 trat sie in die AfD ein. Von 2022 bis 2024 war sie Beisitzerin im AfD-Bundesvorstand. Seit 2021 ist sie Mitglied des Bundestags und des Gesundheitsausschusses. Foto: Büro Baum PROF. ARMIN GRAU (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Geboren am 18. März 1959 in Stuttgart, studierte Grau Politik, Germanistik und Geschichte und anschließend Medizin. Nach dem Staatsexamen 1987 arbeitete er bis 2003 an der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg, unterbrochen von einem Auslandsaufenthalt in Kalifornien. Seit 1997 ist er für das Fach Neurologie habilitiert. 2003 übernahm er die Leitung der Neurologischen Klinik am Klinikum Ludwigshafen. Von 2010 bis 2014 war er Ärztlicher Direktor des Klinikums. Seit 1984 ist Grau Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen, seit 2021 sitzt er im Bundestag. Im Februar 2025 zog er über die Landesliste Rheinland/Pfalz erneut in den Bundestag ein. Er ist Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales sowie stellvertretendes Mitglied im Gesundheitsausschuss und Umweltausschuss. Foto: Stefan Kaminski
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