PRAXIS | 25 zm115 Nr. 15-16, 16.08.2025, (1283) FALLBEISPIEL 1 Der Silvester-Patient Ein Patient wird bei einer Kollegin mit einer ausgefallenen Zahnhalsfüllung und Schmerzen vorstellig. Sie beseitigt die Ursache durch eine neue Zahnfüllung und beendet die Behandlung, als der Patient eine generelle Routinekontrolle für sein Bonusheft fordert. Am letzten Tag des Jahres! Ihm war offensichtlich „eingefallen“, dass er 364 Tage lang nicht die Zeit hatte zur Kontrolle zu gehen – vor dem Hintergrund, dass bei einjähriger Unterbrechung ja jeglicher Bonus aus den Jahren davor erlischt. Die Zahnärztin weigert sich: Im Wartezimmer sitzen noch andere Schmerzpatienten und das Team ist an diesem Tag nur reduziert besetzt. Daraufhin baut sich der Patient – ein großer, stämmiger Mann – vor ihr auf, schaut auf sie herab und droht: „Und wie du eine Kontrolle machst und mir den Stempel gibst!“ Die Kollegin ist mit ihrer Assistenz allein im Raum. Sie fordert ihn auf zu gehen und droht mit dem Sicherheitsdienst des Klinikums. Der Patient verlässt wutentbrannt den Notdienst. Die Kollegin hat geblufft – der Dienst hätte gar nicht so schnell zur Stelle sein können. Zum Teil war es Glück, dass der Bluff funktioniert hat, zum Teil war es ihr souveränes Auftreten, das den Patienten glauben ließ, Ärger zu bekommen. Einordnung Notdienste bergen häufig Konfliktpotenzial. Die Behandlung erfolgt in der Regel mit einer geringen Personalbesetzung, meist mit nur einer Zahnärztin und einer Assistenz. In der Klinik kann mögliche Hilfe durch weitere Klinikmitarbeiter oder eben die Security gerufen werden, in niedergelassenen Praxen sind Zahnarzt und Assistenz häufig auf sich allein gestellt – zu jeder Tages- und Nachtzeit. Diese Tatsache macht Notdienste vor allem bei Frauen sehr unbeliebt. Der Fall zeigt typische Verhaltensmuster: Der Patient ist körperlich überlegen und versucht, sein Gegenüber einzuschüchtern. Gewaltandrohung oder gar -anwendung passiert dann am häufigsten, wenn sich der Aggressor körperlich überlegen fühlt – klassisch: starker Mann gegen schwache Frau. Dabei handeln Patienten meistens nicht absichtlich bösartig. Sie haben oft eine gewisse Leidenszeit hinter sich und sind durch Schmerz und/oder Schlafmangel körperlich geschwächt. Das führt zu einer starken emotionalen Belastung und in der Folge auch mal zu impulsiven Handlungen. Je mehr und länger die Schmerzen andauern, desto stärker ist der Patient in seiner subjektiven Wahrnehmung gefangen und fixiert auf das Ziel, die Schmerzen endlich loszuwerden. So kommt es, dass er – wenn er schon mal da ist – die Chance nutzen will, alles „in einem Aufwasch“ zu erledigen, die Schmerzen und alles andere gleich mit. Er übersieht in seiner Ich-Bezogenheit, dass er in die Notversorgung gekommen ist – und sich eben nicht in einer normalen Behandlungssituation befindet. Er kreist um sich selbst und kann sich nicht in die Lage des Praxispersonals einfühlen. Tipps vom Profi n Das Telefon ist im Notdienst ohnehin schnell griffbereit. Am besten trägt es ein Praxismitglied am Körper, um direkt einen Notruf absetzen zu können. n Holen Sie sich nach Möglichkeit Unterstützung von einer männlichen Person, wenn Sie fürchten, nachts im Notdienst in Bedrängnis zu geraten. Gegebenenfalls kommt der Partner, der Bruder oder ein männlicher Freund mit in die Praxis. Er muss nichts weiter tun, als an der Rezeption (am besten in Praxiskleidung) zu sitzen, so dass ihn alle Patienten sehen, wenn sie hereinkommen. Ein aggressiver Patient überlegt sich sehr genau, mit wem er es aufnehmen kann. n Nutzen Sie die Behandlungsräume, die einen guten Fluchtweg bieten – das heißt nicht das Zimmer hinten links ums Eck, in dem der Chef alles zur Behandlung in seinen Schubladen hat, sondern lieber den etwas weniger gut ausgestatteten Prophylaxe-Raum direkt neben der Eingangstür – mit kurzem Weg nach draußen. n Im Behandlungszimmer sollte sich das Team so positionieren, dass der Fluchtweg nicht versperrt ist. Mögliche Hindernisse wie den Endo-Wagen mit den Kabeln, über die man gerne stolpert, sollten Sie so platzieren, dass der Weg zur Tür immer frei ist. Nutzen Sie eine Steckdose, bei der das Kabel nicht im Weg liegt. Versuchen Sie auch im Gespräch mit dem Patienten, ihn nie zwischen sich und die Tür zu lassen. Ein körperlich überlegener Mann darf nicht die Chance haben, den Weg nach draußen zu versperren. n Im Ernstfall gilt „flight before fight“: Sollte sich eine körperliche Auseinandersetzung anbahnen, steht an erster Stelle, dass Sie aus der Situation herauskommen. Wird im Gespräch klar, dass etwas hochkocht, kann man im Optimalfall unter dem Vorwand, noch etwas für die Behandlung holen zu müssen, den Raum verlassen. Dann können Sie Hilfe in Form der Polizei anfordern. Sollte eine „verdeckte“ Flucht nicht möglich sein, versuchen Sie dennoch zu flüchten. Sofern es baulich machbar ist, können Sie den Täter einschließen. Achtung: Glastüren bieten kein großes Hindernis, eine Feuerschutztür oder eine Haustür dagegen schon. Ein Sachschaden ist einem körperlichen Schaden immer vorzuziehen. n Wenn das nicht geht, bleibt nur die Auseinandersetzung. Als körperlich Unterlegene sollte Ihr oberstes Gebot sein, Abstand zu wahren. Im Behandlungszimmer können Sie etwa den Behandlungsstuhl oder den Endo-Wagen zwischen sich und den Patienten ziehen – alles, was eine Barriere ist. Ansonsten helfen nur Selbstverteidigungstechniken und eine Strategie für dasTeam. n Achtung: Schmerzpatienten kommen häufig in Begleitung. Das bedeutet, mit einem Patienten hat man womöglich schnell zwei oder mehr potenzielle „Angreifer“ in der Praxis. Sofern Antibiotika zum Einsatz kommen müssen, können Sie diese sehr gut als Vorwand für ein schnelles Verlassen der Praxis und die unverzügliche Vorstellung bei einer Notdienstapotheke nutzen. Foto: ii-graphics – stock.adobe.com
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