Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 15-16

PRAXIS | 27 man darauf mit einem Praxisverweis, drohten die Patienten mit negativen Google-Rezensionen, einem schlechten Leumund oder scharfen E-Mails. All diese Erfahrungen machte auch Klingert. Nun ist der 37-Jährige ein groß gewachsener Mann, der seit vielen Jahren Ving Tsun (Wing Chun) trainiert – eine Kampfkunst des Kung Fu, bei der es mehr um Selbstverteidigung als um den Wettkampf geht und bei der man den Angreifer mit kleinen gezielten Bewegungen unter Kontrolle bringt. Ving Tsun habe ihm geholfen, ein Gespür für bestimmte Situationen zu entwickeln, eine „Situational Awareness“, erzählt Klingert: „Man erkennt irgendwann anhand von Körpersprache, Gestik, Mimik und Verhaltensmustern gewisse Absichten und kann Konflikte gleichsam vorhersagen. Das Wissen um die eigenen körperlichen Fähigkeiten trägt zu einer gewissen Ausstrahlung bei, die konfliktabweisend wirken kann.“ Da er abseits vom Training in seiner zehnjährigen Berufserfahrung oft zm115 Nr. 15-16, 16.08.2025, (1285) FALLBEISPIEL 2 Der berauschte Patient Ein Schmerzpatient stellt sich erstmals in einer niedergelassenen Praxis vor, offensichtlich alkoholisiert und/ oder unter Drogen. Bereits an der Rezeption kommt es nach der Aufforderung, die Krankenkassenkarte vorzulegen und den Anamnesebogen auszufüllen, zur Eskalation. Der Patient ist unkooperativ, wird unverzüglich laut und verbal aggressiv. Nachdem er die ZFA lautstark als „türkische Fot…“ tituliert und androht, sie nach Feierabend vor der Praxis abzupassen, alarmiert diese den Chef. Er schafftes,den Patienten der Praxis zu verweisen. Die bedrohte und beleidigte Angestellte wiederum stellt Anzeige bei der örtlichen Polizei. Der pöbelnde Patient ist dort kein Unbekannter. Einordnung Niemand weiß vorher, wer in die Praxis kommt und mit welcher Vorgeschichte. Der Patient in diesem Beispiel hat offensichtlich schwerwiegendere Probleme als Zahnschmerzen. Anders als bei speziellen Abteilungen in der Klinik, spezialisierten Facharztpraxen oder dem OP-Bereich in einer Klinik, in die in der Regel nur eine vorsortierte Klientel vordringt, steht der Besuch beim Zahnarzt oder in der Notaufnahme jeder Person ohne jegliche Überweisung offen. Das heißt umgekehrt nicht, dass nicht auch in solchen Praxen oder Klinikbereichen etwas vorfallen kann, aber die Wahrscheinlichkeit ist geringer. Ein Endokrinologe in der Praxis wird sehr wahrscheinlich wenig akute Traumafälle oder Schmerzpatienten behandeln. Verbale Gewalt beginnt häufig subtil, ist aber schon im Ansatz zu ersticken. Unterschwellige Bemerkungen wie „Was wollen Sie denn jetzt noch alles von mir?“ oder „Wie oft soll ich das jetzt noch erklären?“ können bereits Rückschlüsse auf die Verfassung eines Patienten zulassen. Täter verwenden übrigens nicht selten Redewendungen mit Bezug auf das Geschlecht, die Herkunft, die Ehre oder das Aussehen. Beispiele hierfür sind hinlänglich bekannt: „türkische Schlampe!“ oder „Was guckst du so dumm?“. Das sind plumpe und inhaltslose Aussagen, die aber bei einem körperlich überlegenen, womöglich stimmgewaltigen Aggressor sehr einschüchternd wirken können. In diesem Fall wurde keine Behandlung durchgeführt, da es bereits an der Rezeption zur Eskalation kam. Gründe für ein solches Benehmen gibt es viele – sei es Frust aufgrund von Schmerzen, eine abgelehnte Behandlung, Kostenpläne, Alkohol- oder Drogenprobleme, Ausländerfeindlichkeit, ... Tipps vom Profi n Sofern verbale oder körperliche Gewalt im „offenen Raum“ (Eingangsbereich oder Wartezimmer) möglich scheint, sollte der Aggressor nicht weiter in die Praxis vordringen können. Eskaliert die Situation, sollten Sie Verstärkung holen, einen Notruf absetzen und die anderen Patienten so gut wie möglich schützen. Achten Sie auf Abstand. Die Rezeption ist dafür eine gute Barriere. n Halten Sie den Eingangs- und Wartebereich möglichst „waffenfrei". In Rage werfen Täter zur Machtdemonstration häufig mit herumliegenden Dingen und zerstören Gegenstände. Missbraucht werden können dafür Informationsständer oder bewegliche Dekorationsartikel wie Vasen an der Rezeption. n Generell gilt: Selbstschutz geht vor! Wie bei Erste-Hilfe- oder Zivilcourage-Aktionen sollte der eigene Schutz an erster Stelle stehen. Sobald der Schutz für Sie und das Team gewährleistet ist, sollten Sie Unbeteiligte aus der Gefahrenzone bringen. Sperren Sie den Angreifer ein oder aus, sofern das möglich ist. Wenn dessen Isolation nicht möglich ist, kann man auch sich selbst (und andere Unbeteiligte) ein-/aussperren, beispielsweise auf der Toilette oder im Labor. In jedem Fall Notruf absetzen. n Gewalt kann „untergründig" beginnen. Deshalb macht es Sinn, bereits beim Verdacht einer Eskalation tätig zu werden und sich Unterstützung zu holen. Dann gilt es, klare Grenze aufzuzeigen und diese deutlich zu kommunizieren. Bleiben Sie stets beim „Sie“ in der Anrede. n Hier kann zur Schulung und Vorbereitung auch ein Selbstverteidigungskurs oder ein Deeskalationstraining mit Techniken wie Körpersprache und Augenkontakt helfen. Foto: Igor – stock.adobe.com

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