Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 15-16

28 | PRAXIS zm115 Nr. 15-16, 16.08.2025, (1286) die Taktiken der Kampfkunst anwenden musste, beschloss er schließlich, sich an seinem Arbeitsplatz selbst um die Gefahren- und Gewaltprävention zu kümmern. „Aus dem Internet angeeignetes zahnmedizinisches Halbwissen, kulturelle Unterschiede und eine gesunkene Hemmschwelle für Gewalt sind einige der Gründe für die entstandene Problematik“, führt Klingert aus. Zusammen mit seinem Kampfkunsttrainer Sigung Markus Hering, der seit vielen Jahren Behörden zur Deeskalation bei aggressivem Verhalten und Gewalt schult, entwickelte er ein praxisnahes Konzept. So entstand KITT: Konflikt, Intervention, Team und Taktik. KITT schult das Team in seiner „Situational Awareness“. Konkret helfen Klingert und sein Partner dabei, Strategien zu entwickeln, um Auseinandersetzungen und Spannungen souverän zu aufzulösen – im Optimalfall vor dem eigentlichen Konflikt, im Notfall auch mit effektiven Selbstverteidigungstechniken. „Ving Tsun eignet sich dafür besonders gut, weil es von einer Frau entwickelt wurde und explizit Techniken für Schwächere gegen Stärkere verwendet“, erläutert Klingert. „Gewaltprävention mithilfe von Ving Tsun ist eine Kombination aus körperlicher Selbstverteidigung, mentaler Stärke und der Vermittlung von Strategien zur Vermeidung von Konflikten. Ziel ist auch hier, Gewalt zu verhindern oder zu verringern.“ Das Training findet idealerweise in den Praxen selbst und mit dem gesamten Team statt, denn jede Praxis ist anders aufgestellt und hat individuelle Räumlichkeiten, die Vor- oder Nachteile haben bezüglich Fluchtwege und Schutz. Das Team als „Stroke Unit“ Wichtig ist Klingert, dass das gesamte Team einbezogen wird – damit sich jeder mit den möglichen Gefahrensituationen auseinandersetzt und im Fall der Fälle jeder weiß, welche Aufgabe er oder sie hat, und die Mannschaft möglichst besonnen und koordiniert reagiert. „Das ist wie bei einer Erste-HilfeSchulung oder einer Stroke-Unit in der Klinik: Jeder weiß, was zu tun ist und alles ist vorbereitet“, so der Zahnarzt. Praxen, die schon einmal Aggressionen und Gewalt durch Patienten erlebt haben, rät Klingert unbedingt, den Vorfall im Team zu besprechen. „Die Aufarbeitung ist ganz wichtig, quasi wie eine Art Manöverkritik. Dabei dürfen die Mitarbeitenden auch von ihren Ängsten und Unsicherheiten offen erzählen“, betont Klingert. „Die Praxisführung sollte ihre Hilfe anbieten und, wenn nötig oder möglich, auch professionelle Unterstützung hinzuziehen. Wichtig ist, zum Abschluss immer auch die Stärken des Teams, den Zusammenhalt und die Dankbarkeit dafür, die Mannschaft führen zu dürfen, hervorzuheben. Das stärkt das Team im Zusammenhalt und macht es unbesiegbar.“ LL Versuchen Sie, trotz Ärger freundlich und bestimmt aufzutreten und immer einen Fluchtweg zu haben. Foto: Dr. Klingert SO BLEIBEN SIE SOUVERÄN n Bleiben Sie beim „Sie“ und verwenden Sie keine herablassende Sprache – auch bei geistiger Überlegenheit: „Du Piesepampel“ rutscht schneller heraus als „Sie Piesepampel“. n Versuchen Sie freundlich, aber bestimmt zu sein: „Gerne kümmern wir uns um Ihr Anliegen. Nehmen Sie bitte so lange im Wartezimmer Platz“. Sie bestimmen den Ort der Konfrontation! n Halten Sie Blickkontakt, ohne zu starren. Richten Sie den Blick auf den Bereich zwischen Augen und Mund. Spitzt sich die Situation zu, richten Sie den Blick auf Augenhöhe und Stirn, nicht aber unterhalb der Augenhöhe. n Halten Sie Abstand, mindestens eine Armlänge, und nehmen Sie die Arme tendenziell nach oben. Lassen Sie so niemals das Eindringen in Ihren persönlichen Bereich zu. Treten Sie, wenn nötig, einen Schritt zurück oder hinter die Rezeption. Lassen Sie auch im Gespräch die Arme und Hände nicht unter Brusthöhe fallen. Somit sind die Hände immer bereit für den Schutz des Kopfes – oder für einen Angriff. n Hören Sie bei jeglichen Warnzeichen auf Ihr Bauchgefühl. Das ungute Gefühl in bestimmten Situationen oder mit Personen ist instinktgesteuert, also angeboren, und liegt zumeist richtig. Intervenieren Sie direkt oder alarmieren Sie Hilfe.

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