zm115 Nr. 15-16, 16.08.2025, (1306) 48 | POLITIK das stimmte oft auch“, bestätigt er. In der Berufspolitik sei eben immer etwas zu tun. Er denkt dabei unter anderem an die hitzigen Diskussionen der 1990er-Jahre um das Korb-Modell, das die kollektive Rückgabe der Kassenzulassung von Zahnärzten und damit deren Ausstieg aus der GKV forderte. „Damals hat es im Bundesvorstand richtig Krach gegeben. Die meisten Kammerpräsidenten fanden die Idee nicht gut“, erinnert sich Herbert. „Mir war klar: Im Osten funktioniert das nicht. Wir haben alle gerade frisch Kredite aufgenommen, um unsere Praxen zu finanzieren. Hätten wir unsere Zulassung zurückgegeben, hätte die Bank die Kredite zurückgefordert.“ Das Korb-Modell sei dann ja auch krachend gescheitert und der Konflikt innerhalb der Zahnärzteschaft Ende der 1990erJahre beigelegt worden. Hitzige Diskussionen gehören aus Herberts Sicht zur Berufspolitik dazu: „Ich bin der Meinung, man kann sich auch mal streiten. Aber man sollte sich nur so viel streiten, dass man danach noch ein Bier zusammen trinken kann. Alles andere bringt nichts.“ Kaum Gefahr, unterschiedlicher Meinung mit seinen Kolleginnen und Kollegen zu sein, lief Herbert beim Thema Telematikinfrastruktur. „Damit ging es 1998 los“, erzählt er. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich das an meine Nachfolgerin übergeben werde. Aber: Das Thema ist nach wie vor zum Weglaufen.“ Wesentlich lieber ruft sich Herbert dagegen den Umzug der Bundeszahnärztekammer nach Berlin ins Gedächtnis, auf den er als ein Highlight seiner Amtszeit zurückblickt. „Ich fand diesen Schritt extrem wichtig und habe mich damals sehr dafür eingesetzt.“ Im Nachhinein war das eine Schnapsidee! Der scheidende Kammerpräsident zieht ein selbstbewusstes Fazit seiner Amtszeit: „Ich habe auch manchmal falsch gelegen, aber das waren keine wichtigen Sachen.“ Wobei – räumt er dann doch ein – eine Sache gebe es da vielleicht doch: „Wir haben uns damals sehr gefreut, dass wir die Niederlassungsbeschränkung für Zahnärzte weggekickt haben. Der Hintergedanke war ja, dass die Kolleginnen und Kollegen dann nicht mehr zwingend mit 67 Jahren in den Ruhestand gehen müssen, sondern länger praktizieren können. Das war ein Pyrrhussieg, muss man im Nachhinein sagen. Denn jetzt gehen die Leute früher in Rente und die KZVen haben keine Möglichkeit mehr, steuernd einzugreifen.“ Mit Blick auf den Fachkräftemangel bezeichnet Herbert das im Nachhinein als „Schnapsidee“ und fügt an: „Man wird klüger mit der Zeit.“ Hilft das auch dabei, den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg zu finden? Herbert drückt es so aus: „Anfang der 1990er-Jahre war ich der jüngste Kammerpräsident. Ich habe immer gesagt: 'Wenn ich einmal der älteste bin, dann höre ich auf.'“ Wäre er diesem Vorsatz gefolgt, hätte allerdings schon deutlich früher Schluss sein müssen. Aber, so Herberts Begründung, er sei geblieben, weil niemand sonst das arbeitsintensive Amt übernehmen wollte. Jetzt sei jedoch ein neues Vorstandsteam gefunden, das noch mitten im Berufsleben stehe. „Und das gestalten sie aus diesem Grund vielleicht doch besser als ich“, sagt Herbert schmunzelnd. Er räumt ein: „Als die Entscheidung aufzuhören stand, hat das richtig ‚plumps‘ gemacht, so sehr ist mir eine Last von den Schultern gefallen. Das hatte ich vorher nicht so erwartet.“ Herbert, dem seine Kammer den Titel des Ehrenpräsidenten verliehen hat, wird gemeinsam mit seiner Frau in der Praxis weiterarbeiten. Wie lange noch? „Naja“, verrät Herbert, „ich habe meiner lieben ZFA Eva, die seit 1982 mit uns arbeitet, versprochen, dass ich bleibe, bis sie abzugsfrei in Rente gehen kann. Bis dahin ist es noch ein Weilchen.” Einen Teil seiner Zeit wird er jedoch in ein anderes Projekt stecken: Vor ein paar Jahren hat er ein Hotel an der Ostsee gekauft, das er zusammen mit einem Freund betreibt. An seinen freien Tagen wird er ab sofort, so oft es geht, Seeluft schnuppern. Und vielleicht schließt er das Kapitel Berufspolitik ja doch nicht komplett ab. Denn, so gibt er im Gespräch bei den zm zu Protokoll, für projektbezogene Aufgaben stehe er der Kammer auch in Zukunft zur Verfügung. sth „Als die Entscheidung aufzuhören stand, hat das richtig ‚plumps‘ gemacht, so sehr ist mir eine Last von den Schultern gefallen. Das hatte ich vorher nicht so erwartet.“ Jürgen Herbert Grillen war für Jürgen Herbert immer Chefsache. Foto: privat Im April 2024 begrüßte Herbert bei der Immatrikulationsfeier den ersten Jahrgang Zahnmedizin an der Medizinischen Hochschule Brandenburg. Foto: Andreas Kunow
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