Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 15-16

54 | ZAHNMEDIZIN TRAUMA-REAKTIVIERUNG AUF DEM ZAHNARZTSTUHL Wenn der Patient die Kontrolle verliert Bernhard Mäulen, Alex Wiessner Massive psychosomatische Reaktionen von Patientinnen und Patienten während einer zahnärztlichen Behandlung sind keine Seltenheit. Entschieden weniger oft kommen intensive Trauma-Reaktivierungen vor, die für die Betroffenen und das Behandlungsteam eine Herausforderung darstellen können. Welche körperlichen und emotional-inneren Reaktionen dabei ablaufen und wie Zahnärztinnen, Zahnärzte und ihre Teams mit betroffenen Patienten umgehen, erfahren Sie hier. Als Zahnärztin oder Zahnarzt hat man fast täglich Kontakt zu ängstlichen Patienten. Weltweit leiden etwa 15 Prozent der Menschen unter einer ausgeprägten Zahnarztangst, drei Prozent sogar unter einer sehr starken Phobie [Silveira et al., 2021]. Die Ursachen sind vielfältig, wobei vergangene, negative Erfahrungen und Erlebnisse eine erhebliche Rolle spielen. Studien zeigen, dass ein empfundenes Gefühl des Kontrollverlusts ein signifikanter Prädikator für Zahnarztangst ist [Scandurra et al., 2021]. Eine erhöhte Schmerzempfindung beziehungsweise schwierige Schmerzausschaltung tritt häufig bei putriden Entzündungen auf. In entzündlich verändertem Gewebe kommt es zu einer pH-Wert Absenkung, wodurch die Wirkung der Lokalanästhetika nachweislich reduziert wird. Ein entzündungsbedingtes Ödem führt zu verlängerten Diffusionswegen und zu lokaler Hypoxie. Der Sauerstoffunterversorgung bewirkt eine gesteigerte anaerobe Glykolyse und damit die vermehrte Bildung von Laktat. Diese Laktatazidose mit erniedrigtem pH-Wert führt wiederum zu einem erniedrigten Anteil der lipophilen Form des Lokalanästhetikums im Gewebe. So wird die Penetrationsfähigkeit des Lokalanästhetikums in die Nervenzellen und damit auch dessen Wirksamkeit vermindert. Trauma lässt sich aus dem Griechischen ableiten und bedeutet Wunde. Eine Traumatisierung bezeichnet eine seelische Verletzung oder eine starke psychische Erschütterung. Die Reaktivierung eines Traumas bewirkt ein Wiederaufleben des ursprünglichen traumatischen Ereignisses, ausgelöst durch bestimmte Reize (Schmerzen, Gerüche, sonstige situative Sensationen) – wobei in einer zahnärztlichen Praxis das Schmerzerlebnis meist die entscheidende Rolle spielt. Alte Traumata können durch schmerzhafte zahnärztliche Behandlungen wieder reaktiviert werden. Foto: Elnur - stock.adobe.com zm115 Nr. 15-16, 16.08.2025, (1312) ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=