ZAHNMEDIZIN | 55 Traumatische Erlebnisse bedrohen die physische und/oder psychische Integrität des Menschen derart, dass sie in besonderer Weise verdrängt und abgespeichert werden. Dies ermöglicht uns bedrohliche Erlebnisse zu bewältigen, einen inneren Zusammenbruch zu vermeiden und weiter handlungsfähig zu bleiben, zum Beispiel bei einem Autounfall oder einem Überfall. Doch dieses Überlebensmuster hat bei einem Viertel der Betroffenen den Preis dauerhafter innerer Anspannung, wiederkehrender unerwünschter Rückerinnerungen (flashbacks), gesteigerter Ängste und massiver vegetativer Reaktionen, unter anderem mit Schwitzen, Blutdrucksteigerung, Schlafstörung, unwillkürlichem Muskelzittern. Halten solche Symptome längere Zeit an, kann es zu einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen. Kernsymptom vieler Betroffener ist eine Dissoziation, bei der Patienten sich wie neben sich stehend erleben, gering oder gar nicht auf Ansprache reagieren, kaum äußere Sinnesreize (Geräusche, Töne, Gerüche) registrieren, in ihrer Motorik verlangsamt oder wie „eingefroren“ wirken. Wie entsteht die TraumaReaktivierung? Wie entsteht nun aber die TraumaReaktivierung in der zahnärztlichen Praxis? Kurz gesagt: indem ein oder mehrere Reize bei der zahnärztlichen Behandlung die abgespeicherten Trauma-Erinnerungen anstoßen. In der Folge kommt es zu massiven, nicht unterdrückbaren Körpersignalen und oft zu starken, mitunter überwältigenden Emotionen. Mögliche Auslöser beziehungsweise Trigger in der zahnärztlichen Behandlung sind dabei: n das „Eingeklemmt sein“ auf dem Zahnarztstuhl n eine Positionierung in Rückenlage mit möglichem Erlebnis des Ausgeliefertseins n das Eindringen des Zahnarztes in den unmittelbaren leiblichen Nahraum n Berührung, Manipulation, Schmerzauslösung im Gesicht und in der Mundhöhle n Wiederholung eines zahnbedingten erheblichen Schmerzreizes Auslöser können demnach alle Sinneserfahrungen sein, die einer Patientin oder einem Patienten signalisieren, dass eine ähnliche Gefahr „wie damals“ droht. Bei einer Trauma-Reaktivierung reagieren Körper und Seele so, als ob die lang zurückliegende bedrohliche Situation erneut im Hier und Jetzt abläuft. Es kommt zu einer massiven Reaktion im Gehirn, genauer in den Mandelkernen (Amygdala), wo Angst, Bedrohungsgefühle, Kampf versus Fluchtverhaltensweisen und vieles mehr in kürzester Zeit ausgelöst werden und vom Bewusstsein der Großhirnrinde schwer oder gar nicht einzugrenzen sind. Das Broca-Sprachzentrum wird vermindert durchblutet, so dass Betroffene vorübergehend sprachlos sind und eine sprachliche Verarbeitung nicht zeitnah erfolgen kann [Van der Kolk, 2023]. Das (unwillkürliche) Muskelzittern ist eine Reaktion, die vielen Säugetieren nach einer Gefahrensituation hilft, mit dem Schockerlebnis fertig zu werden und es körperbezogen zu integrieren. Aus dieser Beobachtung heraus hat Dr. Peter Levine eine eigene Traumatherapie entwickelt, in der bewusst herbeigeführtes Muskelzittern heilend eingesetzt wird [Levine, 1997]. Was können Zahnärzte tun? In aller Regel ahnen weder der Patient noch der Zahnarzt ob, wann und wie stark die Trauma-Reaktivierung ausgelöst wird. Umso wichtiger ist das Wissen, dass sich solche massiven emotional-physiologischen Erfahrungen plötzlich unter der Behandzm115 Nr. 15-16, 16.08.2025, (1313) ERFAHRUNGSBERICHT EINER TRAUMA-REAKTIVIERUNG „ICH FÜHLTE SCHAM WEGEN DES KOMPLETTEN KONTROLLVERLUSTS“ „Nach einigen Tagen und schlaflosen Nächten mit schlimmen Zahnschmerzen ging ich schließlich zum Zahnarzt meines Vertrauens. Im Bereich der Oberkieferschneidezähne musste ein Abszess, der sich immer weiter ausgebreitet hatte, eröffnet werden. Erwartet hatte ich nach der analgesierenden Spritze eine weitgehend schmerzarme Behandlung – doch das Gegenteil war der Fall. Bereits die Injektion war unerwartet schmerzintensiv, die Schmerzstillung als solche verebbte nach wenigen Minuten. Die Behandlung musste trotzdem bis zur Abszessdrainage fortgesetzt werden. Die Dauer und die Intensität dieses Schmerzerlebnisses überwältigten mich komplett. Mir kamen spontan die Tränen, es folgte ein nicht zu unterdrückendes, tiefes Schluchzen, begleitet von einem heftigen Muskelzittern. Emotional fühlte ich eine Scham wegen des kompletten Kontrollverlusts. Mental war ich verwirrt, unfähig zu begreifen, was sich da – scheinbar autonom gesteuert – in mir ereignet hatte; für eine Viertelstunde fand ich keine Worte, um dem zahnärztlichen Team verständlich zu machen, was mit mir passierte. Spontan tauchte eine Erinnerung an die erste massive Verletzung eines oberen Schneidezahns im sechsten Lebensjahr auf. Damals war ich auf einer Granittreppe gestürzt und der Zahn frakturiert. Nach und nach ordnete sich mein Denken, ich begriff, dass der starke Schmerz die jahrzehntelang verschüttete Erinnerung getriggert hatte – und der damalige Schock und die damit verbundene kindliche Hilflosigkeit mich jetzt mit überwältigender Wucht trafen. Nach ungefähr einer halben Stunde gelang es mir immerhin (weiter schluchzend), dem zahnärztlichen Team kurz zu erklären, was da in mir ablief und dass es noch eine Weile so weitergehen könne, bis sich mein Inneres beruhigt. Sehr hilfreich war, dass über die ganze Erfahrung von rund 45 Minuten entweder der Zahnarzt selbst oder eine seiner Mitarbeiterinnen bei mir blieben, dass ich ein Glas Wasser bekam und niemand mit Fragen oder gar Anweisungen 'mich zusammenzunehmen' den eigengesetzlich ablaufenden Vorgang unterbrach. Schlussendlich konnte ich, wenn auch in noch immer extrem vulnerabler Verfassung, nach Hause gehen, wo meine Frau mich weiter emotional auffing.“ Der Patient, der hier seine Erfahrung schildert, ist selbst Zahnarzt.
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