Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 15-16

zm115 Nr. 15-16, 16.08.2025, (1314) 56 | ZAHNMEDIZIN lung mit voller Wucht manifestieren können. Meist gelingt es Patientinnen und Patienten mit genügend Zeit und ruhiger Unterstützung das Erlebnis ablaufen zu lassen. Sie können dann gegebenenfalls verstehen, was passiert und nach und nach zu ihrer erwachsenen Stabilität und Handlungsfähigkeit zurückfinden. Zahnärztinnen und Zahnärzte sollten sich bewusst sein, dass traumatische Erfahrungen tiefgreifende Auswirkungen auf das Verhalten und die Emotionen eines Patienten haben können. Es ist wichtig, empathisch zu sein und den Patienten ernst zu nehmen. Eine klare und offene Kommunikation ist entscheidend. Der Zahnarzt sollte den Patienten vor und gegebenenfalls während der Behandlung über alle Schritte informieren und sicherstellen, dass er die Möglichkeit hat Fragen zu stellen. Dies kann helfen Ängste abzubauen und ein Gefühl der Kontrolle zu vermitteln. Die Zahnarztpraxis sollte eine einladende und beruhigende Umgebung bieten. Dies kann durch eine angenehme Raumgestaltung, freundliches Personal und eine ruhige Atmosphäre erreicht werden. Kleine Details wie das Angebot von Wasser oder Zeitschriften können ebenfalls dazu beitragen, allgemein den Stress der Patientin oder des Patienten zu reduzieren. Das sind konkrete Tipps für Zahnärztinnen und Zahnärzte, deren Patient plötzlich eine Trauma-Reaktivierung erlebt: n Ruhe behalten! Die meisten Patientinnen und Patienten mit TraumaReaktivierung durchlaufen einen längeren Prozess, der nicht unterbrochen werden sollte. n Zur Unterstützung und als Sicherheits-Anker sollte eine Person des zahnärztlichen Teams dauerhaft bei der Patientin oder dem Patienten bleiben. (Dabei ist auf eine ausreichende Belastungsfähigkeit des Personals zu achten. Die Begleitung des Trauma-lösenden Prozesses ist ein intensives Erleben, oft verbunden mit beachtlichen Gefühlen der Hilflosigkeit.) n Der Patientin oder dem Patienten kann kaltes/warmes Wasser angeboten werden, keine koffeinhaltigen Getränke. n Die Frage, ob die zahnärztliche Behandlung in der gleichen Sitzung zu Ende gebracht werden kann, muss offen bleiben. Dies ist grundsätzlich möglich, wenn es der klinische Zustand erlaubt, sollte aber nicht versucht werden, wenn das klinische Bild heftig ist und der Patient dissoziiert. nNach der eigentlichen Behandlung kann eine längere Zeit der „Abkühlung“ und Beobachtung erforderlich sein, zum Beispiel im Wartezimmer. n Zum besseren Verständnis darüber, was gerade passiert, kann dem Patienten von der Zahnärztin oder dem Zahnarzt der Mechanismus der Trauma-Reaktivierung vermittelt werden, verbunden mit dem Hinweis, dass es sich um „normale“ Reaktionen auf belastende Ereignisse handelt. n Nachhall-Effekte und Dissoziationen können noch Stunden nach der Trauma-Reaktivierung anhalten. Die betroffene Person sollte also nicht Auto fahren und den Rest des Tages durch eine vertraute Person begleitet werden. n Falls die Trauma-Reaktivierung zu stärkeren psychischen Beschwerden führt, sollte dem Patienten eine Psychotherapie empfohlen werden, trotz der erheblichen Wartezeiten. n Bei Patienten mit vorbekanntem Trauma sollte über den Einsatz von Angst-reduzierenden Verfahren (kognitive Verhaltenstherapie, medizinische Hypnose, Akupunktur) nachgedacht und gegebenenfalls auch der Einsatz von Kurznarkotika erwogen werden (siehe S3-Leitlinie „Zahnbehandlungsangst beim Erwachsenen“) [AWMF, 2019]. Wer sich ausführlicher mit der Behandlung von traumatischen Störungen auseinandersetzen will, dem sei die S3-Leitlinie „posttraumatische Belastungsstörung“ der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) empfohlen, die unter Mitwirkung verschiedener zahnärztlicher Fachgesellschaften angenommen wurde [AWMF, 2019]. Fazit Zahnärztinnen und Zahnärzte sollten auf eine Trauma-Reaktivierung im Zahnarztstuhl gefasst sein und sich und das Praxisteam darauf vorbereiten. Zu rechnen ist mit massiven emotionalen Äußerungen (Weinen, lautes Schluchzen), ausgeprägten physiologischen Reaktionen (Blutdruck, Puls, Schwitzen, Muskelzittern), gedanklicher Verwirrung, Desorientiertheit und Sprachlosigkeit. In der Regel klingt die heftige Reaktion nach ein bis drei Stunden ab, auch ohne äußere Einwirkung. Wichtig ist es, betroffene Patienten ruhig zu begleiten und Ihnen dabei zu vermitteln, dass sie nicht allein sind und die Erfahrung in der Sicherheit der Praxis machen können. Da schon die Begleitung von Menschen mit TraumaReaktion ein aufwühlendes Erlebnis sein kann, ist es wichtig, als Zahnärztin oder Zahnarzt auf die eigene Psychohygiene und Gesundheit zu achten [Mäulen, 2005 und 2013]. n Dr. med. Bernhard Mäulen Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie Institut für Ärztegesundheit 78050 Villingen-Schwenningen Foto: privat Dr. med. dent. Alex Wiessner Zahnarzt am Theater Vöhrenbacher Str. 6/2, 78050 Villingen-Schwenningen Foto: privat „Trauma is a fact of life. It does not, however, have to be a life sentence.“ aus: „Waking the Tiger“ von Peter Levine

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