ZAHNMEDIZIN | 69 plikation ist allerdings die Extrusion in die periapikalen Gewebe [Sajjan et al., 2014]. Prävention Der NaOCl-Unfall entsteht ausschließlich iatrogen. Es spielen aber verschiedene prädisponierende Faktoren eine Rolle, die schließlich zu einem höheren Risiko beitragen, zum Beispiel die Perforation des Wurzelkanals, ein offener Apex, Wurzelfrakturen, laterale Kanäle oder periradikuläre Läsionen, die eine verringerte Knochendichte verursachen [Rai et al., 2016]. Auch die Anwendung von übermäßigem Druck während der Spülung, das Festhalten der Nadel in einer konstanten Position, das Platzieren der Nadelspitze bis zur Arbeitslänge oder die Verwendung von Nadeln mit kleineren Durchmessern können zur Einbringung des Spülmittels in die periapikalen Gewebe führen [Crincoli et al., 2008]. Um dies zu vermeiden, werden folgende Maßnahmen empfohlen [Raftery, 2023; Gamal-AbdelNaser et al., 2024]: n Verwendung passiver und sanfter Spültechniken mit seitlich belüfteten Nadeln zur Vermeidung der Extrusion von Spüllösung n Die Nadel sollte einen kleinen Durchmesser haben (optimal 30 Gauge) und ein bis zwei Millimeter vor der Arbeitslänge positioniert sein. n Kontinuierliche Bewegung der Nadel während der Spülung, um eine Verstopfung im Kanal zu verhindern n zusätzliche sichere Geräte sind EndoActivator, Ultraschallgeräte und Vibringe Management und Behandlung Sollte dennoch ein NaOCl-Unfall auftreten, sind folgende Therapieeinsätze – je nach Intensität – notwendig: Als Sofortmaßnahme wird eine negative Aspiration direkt nach den ersten akuten Schmerzen empfohlen [Nasiri und Wrbas, 2023]. Seitens des Behandlers und des Teams sollten Ruhe bewahrt und Hektik vermieden werden. Die Beruhigung und die Aufklärung des Patienten nach dem unerwarteten Ereignis sind wichtig. Dem Patienten sollte erklärt werden, dass die Schmerzen und die Schwellung vorübergehend sind und durch lokale Maßnahmen gelindert werden können. Eine Infiltrationsanästhesie könnte allerdings den Gewebedruck und dementsprechend den Schmerz erhöhen. Daher sollte eher eine Leitungsanästhesie (im Oberkiefer infraorbital) gewählt werden. Nachdem die Sofortmaßnahmen durchgeführt wurden, sollte die Wurzelkanalbehandlung abgebrochen sowie lokal gekühlt werden [Guivarc’h et al., 2017]. Die Spülung beziehungsweise Verdünnung mit Kochsalzlösung ist in der Literatur umstritten, da sie die primäre Drainage von NaOCl verhindern und den Druck im Gewebe und die Schmerzen erhöhen kann [Kanagasingam und Blum, 2020]. Einige Artikel berichten über eine Verschlechterung der klinischen Situation nach einem zu frühen Verschluss des Zahnes. Das Offenbelassen der Wurzelkanäle ist dementsprechend besser geeignet, um den Abfluss der Spüllösung zu ermöglichen. Zur Infektionsprävention sollte eine orale Antibiose verordnet werden [Behrents et al., 2012]. In etwa einem Drittel der Fälle wurden eine stationäre Behandlung und intravenöse Analgetika, Antibiotika sowie Kortikosteroide zur Entzündungshemmung eingesetzt. Falls notwendig, können eine Inzision und Drainage sowie die Entfernung des nekrotischen Gewebes, gegebenenfalls in Intubationsnarkose, erfolgen [Ahmed et al., 2022; Nasiri und Wrbas, 2023]. Die Behandlung variiert je nach Gewebetrauma zwischen konservativ und chirurgisch. Eine konservative Behandlung durch lokale Kühlung, orale Medikation, lokale Wundpflege und engmaschige Kontrollen führt in vielen Fällen zu einer Besserung der Symptome und zur Heilung der Defekte innerhalb von circa zwei Monaten. Neurologische Defizite können mehrere Monate andauern [Gamal-Abdel Naser et al., 2024]. Bei ausgedehnter Nekrose oder starker Lockerung der Zähne kann eine chirurgische Entfernung des betroffenen Gewebes oder des Zahnes erforderlich sein. Eine Wundschutzplatte kann bei schwieriger primärer Deckung angefertigt und eingesetzt werden [Guivarc’h et al., 2017; OrtizAlves et al., 2022]. Selbst bei ausgedehnten Knochennekrosen könnte eine konservative Therapie helfen, indem sich ein Sequester durch allmählich entstandenes unterliegendes Granulationsgewebe vom Kieferknochen trennen lässt. Ein spontaner Ausfall des Sequesters ist im Intervall möglich [Bachmann et al., 2024]. In manchen Fällen wird eine Low-Level-Lasertherapie (LLLT) zur Förderung der Wundheilung angewendet [Yamamoto-Silva et al., 2019]. Derzeit gibt es keine Leitlinien zur Behandlung dieser Komplikation, daher ist eine Kenntnis der aktuellen Literatur empfehlenswert. n zm115 Nr. 15-16, 16.08.2025, (1327) FAZIT FÜR DIE PRAXIS n Wurzelkanalbehandlungen sind häufig durchgeführte, zahnmedizinische Eingriffe, bei denen seltene, aber schwerwiegende Komplikationen in Form von Nekrosen auftreten können. n Da die Versorgung einer Gewebenekrose meistens durch chirurgische Kollegen erfolgt, ist eine unmittelbare, ausführliche und direkte Kommunikation zwischen dem Zahnarzt und den Oral- beziehungsweise MKG-Chirurgen entscheidend für eine optimale Patientenbehandlung. n Zahnärzte und Zahnärztinnen sollten alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen treffen, um Schäden während der Wurzelkanalbehandlung zu minimieren. n Eine strikte, verlängerte postoperative Mundhygiene mit antiseptischer Spülung ist essenziell zur konservativen Behandlung oraler Ulzerationen infolge von NaOCl-Unfällen. n Die psychische Belastung der Patienten muss nach dem Auftreten von Spülunfall berücksichtigt werden, insbesondere dann, wenn Zähne entfernt werden müssen. Dies kann zur Ablehnung zukünftiger Wurzelkanalbehandlungen führen. n Prävention bleibt die beste Behandlung eines Spülunfalls.
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