Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 22

22 | GESELLSCHAFT GEDENKVERANSTALTUNG IN BERLIN Zahnärzteschaft bekennt sich zu ihrer Verantwortung in der NS-Zeit Mit einer Gedenkveranstaltung in Berlin hat die deutsche Zahnärzteschaft an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnert und sich zu ihrer historischen Verantwortung bekannt. Mit der Aufarbeitung der Vergangenheit gehe die Verpflichtung einher, sich auch künftig klar Antisemitismus, Ausgrenzung und Menschenverachtung entgegenzustellen. Höhepunkt waren die Schilderungen des 99-jährigen Holocaust-Überlebenden und Arztes Dr. Leon Weintraub, der extra aus Stockholm angereist war. Bei der Gedenkveranstaltung am 29. Oktober in Berlin betonten Vertreter der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) und der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) die Bedeutung einer offenen und selbstkritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Erstmals wurde der „Hans-TürkheimPreis“ für herausragende wissenschaftliche Arbeiten zur Zahnheilkunde im Nationalsozialismus verliehen. Zudem wurde das auf achte Bände angelegte Lexikon der Zahnärzte und Kieferchirurgen im „Dritten Reich“ und im Nachkriegsdeutschland vorgestellt. Vorausgegangen war ein Forschungsprojekt, in dem zwischen 2017 und 2019 die Verstrickungen der Zahnärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus umfassend wissenschaftlich aufgearbeitet worden waren. Die Ergebnisse dieser Untersuchung hatten BZÄK, KZBV und DGZMK 2019 vorgestellt. Nach den pandemiebedingten Einschränkungen sollte mit der Gedenkveranstaltung „ein würdiger Rahmen geschaffen werden, um der Opfer zu gedenken und Verantwortung für Schuld und Versäumnisse des Berufsstandes in der Vergangenheit zu übernehmen“, hieß es. „Der Berufsstand war tief verstrickt“ Martin Hendges, Vorsitzender des Vorstands der KZBV, bezeichnete die Ergebnisse des Forschungsprojekts als „erschütternd“. „Der Berufsstand war tief verstrickt, und diese Verstrickung setzte sich nach 1945 vielfach fort“, sagte Hendges. Die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt verstand er Dass sich die Zahnärzteschaft ihrer eigenen Verantwortung stellt, verdiene Respekt, sagte Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, in einer Videobotschaft. Fotos: DGZMK zm115 Nr. 22, 16.11.2025, (1872) LISA BITTERICH ERHÄLT HANS-TÜRKHEIM-PREIS „FORSCHUNG, DIE ERINNERUNG LEBENDIG HÄLT" Während der Veranstaltung wurde außerdem erstmals der Hans-Türkheim-Preis verliehen, den die DGZMK für herausragende wissenschaftliche Arbeiten zum Themenfeld „Zahnheilkunde und Zahnärzteschaft im Nationalsozialismus“ stiftet. Namensgeber des Preises ist der in Hamburg geborene, jüdische Hochschullehrer Hans Türkheim, der aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1936 nach Großbritannien fliehen musste und in London eine private Zahnarztpraxis eröffnete. DGZMK-Präsident Prof. Dr. Dr. Jörg Wiltfang und der Historiker Kay Lutze überreichten den Preis an Dr. Lisa Bitterich von der RWTH Aachen, die in ihrer kumulativen Promotion vier international beachtete Studien veröffentlichte – unter anderem über das Verhältnis zahnärztlicher Hochschullehrer zum Nationalsozialismus. Wiltfang würdigte die Preisträgerin und ihre Arbeit als wichtigen Impuls für die fortlaufende Auseinandersetzung mit der Geschichte des Berufsstandes: „Mit dem Hans-Türkheim-Preis ehren wir Forschung, die Erinnerung lebendig hält und Verantwortung im wissenschaftlichen Diskurs verankert. Frau Dr. Bitterich zeigt mit ihrer Arbeit, wie Aufarbeitung wissenschaftlich fundiert, kritisch und zugleich zukunftsweisend gestaltet werden kann."

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