22 | ZAHNMEDIZIN AUS DER WISSENSCHAFT Wie gut sind Lithiumdisilikat-Kronen? Florian Beuer Lithiumdisilikat hat sich als fester Bestandteil für anspruchsvolle Restaurationen in der Praxis etabliert – ästhetisch, belastbar und CAD/CAM-bearbeitbar. Es gilt als das erfolgreichste und klinisch am besten dokumentierte vollkeramische Material und wird für ein breites Indikationsspektrum eingesetzt. Doch wie gut sind die klinischen Ergebnisse belegt? Seit der Markteinführung Ende der 1990er-Jahre gilt Lithiumdisilikat als eine der wichtigsten Glaskeramiken in der restaurativen Zahnmedizin. Die Kombination aus hoher Biegefestigkeit, natürlicher Transluzenz und digitaler Verarbeitung (Press- und CAD/CAM-Technik), begleitet von einer hervorragenden wissenschaftlichen Dokumentation, führte zur weiten klinischen Verbreitung. Dennoch fehlte bislang eine konsolidierte Bewertung der zahlreichen systematischen Übersichtsarbeiten zu ihren klinischen Ergebnissen. Untersuchungsdesign Eine Forschergruppe um Prof. Martin Rosentritt von der Universität Regensburg hat nun in einer umfassenden Übersicht 28 systematische Reviews mit über 35.000 Einzelkronen ausgewertet – und liefert damit das bislang umfassendste Bild zur klinischen Performance dieses Materials. Die Studienautoren durchsuchten fünf Datenbanken (MEDLINE, Embase, Cochrane, Trip, Epistemonikos) ohne Zeit- oder Sprachbeschränkung. Eingeschlossen wurden 28 systematische Reviews aus den Jahren 2007 bis 2024 mit 65 Primärstudien zu Zahn- und implantatgetragenen Lithium(disilikat)-Einzelkronen (LiSi₂-SCs). Bewertet wurden die Überlebensraten, technische und biologische Komplikationen, die ästhetischen Ergebnisse, der Antagonistenverschleiß und die methodische Qualität (AMSTAR-2, GRADE). Ergebnisse Die Überlebensraten lagen für zahngetragene Kronen im Kurz- und Mittelfristbereich bei 95 bis 100 Prozent, für implantatgetragene Kronen bei 98 Prozent (95 bis 100 Prozent). Damit erreicht Lithiumdisilikat das Niveau metallkeramischer Systeme. Langzeitdaten (> 5 Jahre) sind allerdings immer noch sehr wenige verfügbar. Technische Komplikationen (Frakturen, Chipping, Retentionsverluste) traten selten auf, insbesondere bei monolithischen Restaurationen. Biologische Komplikationen wie Sekundärkaries, endodontische Probleme oder periimplantäre Entzündungen blieben auf niedrigem Niveau. Der Verschleiß der Antagonisten war vergleichbar mit natürlichem Schmelz – vorausgesetzt, die Oberfläche wurde sorgfältig poliert. Vergleicht man diesen mit dem Verschleiß verursacht durch metallkeramische Systeme, fiel er niedriger oder ähnlich aus. Die Verarbeitung des Materials Lithiumdisilikat im CAD/ CAM- oder Pressverfahren hatte keinen Einfluss auf das Überleben oder die Komplikationsrate der Restaurationen. Die methodische Qualität der einbezogenen Reviews war jedoch heterogen: Nur vier von 28 erreichten ein „mittleres“ Qualitätsniveau, die Mehrheit wurde als „niedrig“ oder „kritisch niedrig“ eingestuft. Die meisten klinischen Daten bezogen sich auf ein einziges Produkt (IPS e.max Press oder CAD, Ivoclar, Schaan/Liechtenstein), was die Übertragbarkeit auf andere Systeme einschränkt. Diskussion Die Übersicht bestätigt die exzellente Kurz- und MittelfristPerformance von Lithiumdisilikat-Kronen, weist aber auf gravierende methodische Lücken hin: unzureichende BiasAnalysen, heterogene Auswertungskriterien und die Überrepräsentation einzelner Produkte. Dabei muss natürlich bedacht werden, dass Lithiumdisilikat patentgeschützt war und erst nach dem Auslaufen der 20-Jahres-Frist andere Hersteller das Material in ihr Portfolio aufnehmen konnten. Für neuere, abgewandelte Varianten (zum Beispiel mit Zirkonoxid-Anteil) fehlen noch belastbare Langzeitdaten. Zudem fordern die Autoren eine kritischere Bewertung von Metaanalysen mit hoher Heterogenität (I² > 80 Prozent) und Abb. 1: Okklusal verschraubte implantatgetragene Kronen aus Lithiumdisilikat haben einen hervorragenden Ruf. Doch wie gut sind die klinischen Ergebnisse wirklich? zm115 Nr. 23-24, 01.12.2025, (1968)
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