Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 23

POLITIK | 63 Bereich Zahngesundheit besondere Aufmerksamkeit zukommen sollte. Menschen mit Unterstützungsbedarf gibt es über den Kinder- und Jugendbereich hinaus, zum Beispiel in Gemeinschaftseinrichtungen wie Werkstätten der Eingliederungshilfe, Wohn- oder Pflegeheimen für Ältere und Menschen mit Behinderung. Diese Gruppen verbinden Defizite in der Mundgesundheitskompetenz und in der Inanspruchnahme von Präventionsangeboten, wie auch die aktuelle DMS • 6 zeigt. Als BZÖG sehen wir uns in der Pflicht, zur Mundgesundheit dieser Menschen beizutragen. Was unternehmen Sie bereits in diese Richtung? Gottstein: Im vom Bundesgesundheitsministerium initiierten „Aktionsbündnis für ein barrierefreies Gesundheitswesen“ konnte der BZÖG sich im letzten Jahr einbringen. Bei der vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales getragenen Bundesinitiative Barrierefreiheit haben wir unser Know-how über die Mundgesundheit und den Präventionsbedarf speziell von Menschen, die kognitiv eingeschränkt sind, gerade aktuell in einer Expertenanhörung eingebracht. Ein weiteres Positionspapier zu diesem wichtigen Thema ist in Abstimmung. Welche anderen Projekte gibt es derzeit? Schäfer: Neben dem Kinderschutz und der Verbesserung der Zahngesundheit von Menschen mit pflegerischem Unterstützungsbedarf arbeiten wir auch an der ersten S3-Leitlinie zu bevölkerungsorientierten Strategien des öffentlichen Zahngesundheitsdienstes zur zahnmedizinischen Prävention, Gesundheitsförderung und Stärkung der Mundgesundheitskompetenz. Diese ist ganz bedeutend, um die Individualprophylaxe durch unsere Erfahrungswerte zu ergänzen. Es braucht beide Expertisen, um die Mundgesundheit in Deutschland zu stärken. Sie haben gesagt, dass die Ansprache junger Menschen komplexer wird. Inwiefern? Schäfer: Jugendliche und Kinder haben heutzutage ein stärkeres Bedürfnis nach Autonomie. Sie möchten beteiligt und nicht belehrt werden. Außerdem werden sie durch digitale Medien stark geprägt, was die Aufmerksamkeitsspanne verändert. Multimediale Kommunikation über Memes, Emojis oder Videos ersetzt zunehmend klassische Gesprächsformen. Darauf müssen wir uns im ÖGD einstellen. Gleichzeitig müssen wir großen sozialen Unterschieden und vielfältigen kulturellen Prägungen Rechnung tragen. Auch sie beeinflussen, wie Kinder angesprochen werden sollten. Hier spielt sensible Sprache, die niemanden ausschließt oder stigmatisiert, eine entscheidende Rolle. Gottstein: Diesen neuen Kommunikationserfordernissen versuchen wir gerecht zu werden, indem wir unseren Mitgliedern praxisorientierte Schulungen und Fortbildungen anbieten. Dies haben wir auch beim Fachtag thematisiert. Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen? Gottstein: In den vergangenen Jahren stand der ÖGD – vor allem wegen der Pandemie – sehr im Rampenlicht. Stichwort „Pakt für den ÖGD“. Inzwischen merken wir, dass die politische Aufmerksamkeit gewaltig abflaut. So wurde zum Beispiel im Zuge der Neustrukturierung des BMG die erst neu etablierte Abteilung für Öffentliches Gesundheitswesen wieder aufgelöst und die Ansprechpartner auf verschiedene Referate verteilt. Wir versuchen dazu, ins Gespräch mit dem BMG zu kommen, aber es ist schwierig. Unsere Befürchtung ist: Sollte der Pakt für den ÖGD auslaufen, könnte wieder ein Stellenabbau einsetzen. Mit welcher Strategie geht der BZÖG in die Zukunft? Gottstein: Wichtig wird sein, immer wieder zu betonen, dass die zahnmedizinische Gruppenprophylaxe ein Präventionsprogramm ist, das seit Jahrzehnten Erfolge erzielt, aber deshalb noch lange kein Selbstläufer ist. Die im ÖGD bestehenden Strukturen der Prävention und Gesundheitsförderung müssen gestärkt und ausgebaut werden. Unser Ziel ist es, kontinuierlich präsenter zu werden und uns weiter mit anderen Organisationen und Akteuren im Gesundheitswesen zu vernetzen. Das Gespräch führte Susanne Theisen. zm115 Nr. 23-24, 01.12.2025, (2009) DER BZÖG UND SEINE GESCHICHTE 31. Oktober 1949: erste Versammlung der Jugendzahnärzte nach dem Zweiten Weltkrieg und Bildung eines vorläufigen Ausschusses zur Gründung eines „Verbandes der beamteten und angestellten Zahnärzte“ 15. Februar 1951: Der „Verband der beamteten und angestellten Zahnärzte“ (Vaudebezett) gründet sich. 26. Februar 1955: Delegiertenversammlung des Vaudebezett beschließt die Neugründung als Bundesverband der Zahnärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BZÖG) Oktober 1971: Die erste Ausgabe der Verbandszeitschrift „Zahnärztlicher Gesundheitsdienst“ erscheint. 1975: Fachgebiet „Öffentliches Gesundheitswesen“ wird für Zahnärzte anerkannt 1993: Positionspapier des BZÖG zum § 21 SGB V zur Gruppenprophylaxe 2008: Positionspapier „Eine zahnärztliche Betreuung der Bevölkerung durch einen Zahnärztlichen Öffentlichen Gesundheitsdienst (ZÄD) ist unverzichtbar“ 2011: Konzept zur Behinderten- und Seniorenbetreuung 2017: Positionspapier zur Prävention der frühkindlichen Karies 2023: Gründung der AG Kinderschutz und Vorlage eines Grundlagenpapiers Die zahnmedizinische Gruppenprophylaxe erzielt seit Jahrzehnten Erfolge, ist deshalb aber noch lange kein Selbstläufer. Die im ÖGD bestehenden Strukturen müssen gestärkt und ausgebaut werden. Dr. Ilka Gottstein, Vorsitzende des BZÖG

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