66 | ZAHNMEDIZIN EVOLUTION, ERNÄHRUNG UND ORALE GESUNDHEIT Sind Karies und Parodontitis Zivilisationskrankheiten? KurtW. Alt Sind Erkrankungen wie Karies und Parodontitis eine Folge zivilisatorisch veränderter Ernährungsgewohnheiten? Sind physiologische Abnutzungsvorgänge am alternden Gebiss wirklich pathologisch? Die Evolutionäre Orale Medizin (EOM) betrachtet diese Erkrankungen als Folge fehlender evolutionärer Anpassung an veränderte Ernährungsgewohnheiten. Wer die Biologie des Menschen und seine humanspezifischen Eigenschaften verstehen will, wozu Gesundheit und Krankheit gehören, muss in die Vergangenheit zurückblicken. Wie alle Säugetiere ist der Mensch ein Teil der Natur und hat das Erbe der Evolution in seinem Genom gespeichert. Innerhalb der Säugetierklasse, deren Ursprung 250 Millionen Jahre zurückreicht, entstanden vor 65 Millionen Jahren die Primaten. Stammesgeschichtlich trennten sich vor acht Millionen Jahren die Menschenaffen von der Linie, die zum heutigen Menschen führt. Mit der Gattung Homo begann vor circa drei Millionen Jahren in Afrika die eigentliche Menschheitsgeschichte. Der Ursprung von H. sapiens reicht etwa 300.000 Jahre zurück und entspricht etwa 12.000 Generationen [Hublin et al., 2017]. Nahezu 99 Prozent der Menschheitsgeschichte prägten voragrarische Gemeinschaften durch aneignende Sammeltätigkeit und gelegentliches Jagen [Hardy & Kubiak-Martens, 2016]. Über wissenschaftlichen Disziplinen hinweg besteht Konsens darüber, dass die Menschen während des Pleistozäns als mobile Wildbeuter die Lebensräume der Welt durchstreiften und physisch wie psychosozial optimal an die bestehenden Umwelt- und Lebensbedingungen angepasst waren [Haas et al., 2020]. Die Sesshaftigkeit beendete die nachhaltige Lebensweise Dieser nachhaltige Lebensstil änderte sich dramatisch mit Einführung der produzierenden Wirtschaftsweise und Sesshaftigkeit zu Beginn der aktuellen Warmzeit vor etwa 12.000 Jahren im Holozän. Das neue, auch Anthropozän bezeichnete Erdzeitalter, beschreibt den Zeitraum, in dem der Mensch zum dominierenden Einflussfaktor auf Umwelt und Klima der Erde geworden ist [Foley et al., 2013]. Kulturgeschichtlich prägt das Neolithikum eine Epoche, die als Meilenstein in der Menschheitsgeschichte gilt und beschreibt einen revolutionären Weg, einen point of no return. Neben vordergründig wirtschaftlichen Vorteilen (höhere Ertragslage) hatte der neue Lebensstil erhebliche Nachteile (fehlende genetische Anpassung, negative gesundheitliche Folgen; [Cordain, 1999]) und bewirkte radikale soziale, demografische und ökonomische Veränderungen. Das höhere Nahrungsangebot führte erstmals in der Geschichte zu einer Fertilitätssteigerung und Bevölkerungszunahme. Von etwa fünf Millionen Menschen zu Beginn des Neolithikums wuchs die Weltbevölkerung bis zur Zeitenwende auf circa 200 Millionen Menschen an [Roser et al., 2019]. Maßgeblich dafür war die Manipulation der natürlichen Umwelt mittels Technik und Kultur. Die Rekonstruktion des Ernährungsverhaltens in der Vergangenheit erfolgt transdisziplinär durch Archäobotanik, Archäozoologie, Bioarchäologie, Isotopenanalysen und Paläogenetik. Analysen stabiler Isotopenverhältnisse von Kohlenstoff (Kohlenstoff-13) und Stickstoff (Stickstoff-15) besitzen breites Anwendungspotenzial und generieren Ergebnisse auf Individual- und Kollektivebene, die über Subsistenzbedingungen und Ernährungsgewohnheiten unserer Vorfahren Auskunft geben [Alt et al., 2022]. Sie gestatten die Unterscheidung zwischen den Nahrungskategorien Fleisch und anderen tierischen Proteinen versus Pflanzennahrung, terrestrischen versus aquatischen Proteinquellen,C3- versusC4-Pflanzen, die den Speiseplan bestimmten. Mit der Ernährung verändert sich das orale Mikrobiom Zahnstein bleibt ähnlich wie Knochen und Zähne jahrtausendelang konserviert und enthält Biomoleküle aus allen Lebensbereichen, welche spezifische DNA-Sequenzen charakterisieren, die eine Identifizierung von Nahrungsquellen, dysbiotischen Mikrobiomen, opportunistischen Erregern, humanassoziierten Antibiotikaresistenzgenen und menschlichen und bakteriellen Proteinen ermöglichen [Warinner et al., 2014]. Durch Nachweis parodontalpathogener Keime wie Tannerella forsythia konnten Zusammenhänge zwischen Immunfaktoren des Wirts, Pathogenen des „roten Komplexes“ zm115 Nr. 23-24, 01.12.2025, (2012) Univ.-Prof. Dr. Kurt W. Alt Univ.-Prof. Dr. Kurt W. Alt Danube Private University Head of the Department Center of Natural and Cultural Human History Steiner Landstr. 124, A - 3500 Krems-Stein Foto: privat
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