ZAHNMEDIZIN | 67 Spanisch-deutsches Ausgrabungsteam der Universität Valladolid, Spanien, und der Universität Krems, Österreich, das in den hohen Pyrenäen über ein Jahrzehnt in der Höhle Els Trocs archäologisch und anthropologisch die Überreste einer Gruppe früher Bauern ausgegraben hat, die dort im Sommer ihre Herden weideten und von einer Jäger/Sammler-Gruppe außerhalb der Höhle getötet wurden. Deren Leichen wurden anschließend in der Höhle „entsorgt“ [Alt et al. 2020]. Anhand zahlreicher naturwissenschaftlicher Studien wurden die Herkunft und die Lebensweise dieser Menschen rekonstruiert. Fotos: Kurt Alt und Parodontalerkrankungen erkannt werden [Warinner et al., 2016]. So ermöglicht Zahnstein historischer Bestattungen beispielsweise die Rekonstruktion des oralen Mikrobioms und dessen pathogenen Potenzials, der Erreger- und Wirtsaktivität sowie des Ernährungsverhaltens [Weyrich et al., 2017]. Lebensweise und Ernährung des modernen Menschen unterscheiden sich, geprägt durch zwei Zäsuren, fundamental von derjenigen seiner frühen Vorfahren. Aufgrund des aktiven Lebensstils und der ausgewogenen Ernährung litten altsteinzeitliche Jäger und Sammler noch nicht an den Zivilisationskrankheiten der Gegenwart [Eaton et al., 1988]. Die neolithische Revolution markiert die erste Zäsur und einen fundamentalen Lebenswandel. Mit der Sesshaftigkeit nahm die Bevölkerungsdichte zu und durch den engen Kontakt zu Nutztieren kam es zu einem Anstieg von Zoonosen. Die getreidedominierte Ernährung führte zu Mangelerscheinungen, Wachstumsstörungen und Immunschwächen [Larsen, 2006]. In den Epochen bis zur Antike änderte sich wenig, außer dass sich soziale Hierarchien etablierten, die sich auch in der Ernährung widerspiegeln. Die Oberschicht konsumierte Fleisch, Fisch und importierte Delikatessen, während sich die rurale Bevölkerung primär von Getreidebrei, Hülsenfrüchten und Gemüse ernährte. Ein kontinuierlich steigender Konsum niedermolekularer Kohlenhydrate veränderte step by step die Zusammensetzung der oralen Mikrobiota [Warinner et al., 2015], die Pathogenität des oralen Biofilms [Woelber et al., 2022] und die Prävalenz von Karies und Parodontitis [Alt et al., in press]. Industrielle Revolution bringt Zucker und Fertigprodukte Einen weiteren radikalen Meilenstein in der Menschheitsgeschichte bildet die Industrielle Revolution Ende des 18. Jahrhunderts. Nach dem Massenexodus auf dem Land strömte die Bevölkerung in die Städte und Zentren und musste dort ernährt werden. Männer, Frauen und Kinder arbeiteten in Fabriken. Die Entkoppelung von Wohn- und Arbeitsstelle führte zu Veränderungen im Alltag (lange Arbeitszeiten). Zum Anbau eigener Nahrungsmittel und deren Zubereitung fehlte nun die Zeit. Mit der Einführung der Kartoffel setzte eine weitere Bevölkerungsexplosion ein, die Herstellung von Industriezucker bediente nun alle Schichten der Bevölkerung. Durch die Mechanisierung konnte die Produktion gesteigert werden, so dass dieser Zeitpunkt den Beginn der Nahrungs- und Genussmittelindustrie darstellt. Seither gelangten noch mehr hochverarbeitete, energiedichte Nahrungsmittel in den Alltag, so dass Fertigprodukte heute die Ernährungsgrundlage für zahlreiche Menschen sind [Alt et al., 2022]. Risikofaktoren wie Fehlund Mangelernährung, Bewegungsmangel, Störungen der Entwicklung des Immunsystems, physiologische und psychische Dysfunktionen und zahlreiche Zahnerkrankungen sind die Folgen dieser Lebensweise. Für die neo-kulturelle Welt sind wir biologisch nicht geschaffen Die evolutionäre Biologie ist mit den kulturellen Veränderungen nur bedingt kompatibel, was das pandemische Ausmaß nichtübertragbarer Krankheiten (NCDs) in der Welt widerspiegelt. Bewegungsmangel, Überernährung und Dysbiosen sind zentrale Faktoren, die mit modernen Lebensstilen in Verbindung stehen. Neben den schon lange als Risikofaktoren geltenden HerzKreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und chronisch respiratorischen Erkrankungen hat die WHO 2017 mentale Erkrankungen und 2023 Karies und Parodontopathien unter die sechs global wichtigsten chronischen Erkrankungen der Gegenwart subsumiert [Alt et al., in press]. Was die oralen Erkrankungen betrifft, gibt es weltweit etwa 3,5 Milliarden Betroffene. Was hat dazu geführt? Die kulturell erworbenen Lebensbedingungen und die Lebensqualität erscheinen heute besser denn je – doch physiologisch und psychosozial haben wir die Umstellung unseres Lebensstils bis zm115 Nr. 23-24, 01.12.2025, (2013)
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