Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 23

zm115 Nr. 23-24, 01.12.2025, (2014) 68 | ZAHNMEDIZIN heute nicht vollständig vollzogen, was sich in einer Vielzahl gesundheitlicher Herausforderungen manifestiert. Es sind nur 480 Generationen, seitdem wir uns von einer aneignenden auf eine produzierende Lebensweise eingelassen haben, und nur zehn Generationen, seitdem wir prozessierte und zunehmend hochprozessierte Nahrung zu uns nehmen. Wir entfernen uns zwangsläufig immer mehr von den natürlichen, evolutionär geschaffenen Lebensbedingungen (UrBakterien = 3,8 Milliarden Jahre). Wir besitzen noch alte biologische Patente und Konstruktionspläne im Genom, die sich in der Moderne, urbanen Gesellschaften, zu bewähren haben [Ganten et al., 2009]. Für die neo-kulturelle Welt, in der wir insbesondere seit der Industrialisierung leben, sind wir biologisch nicht geschaffen, das macht Menschen krank. Zwar haben wir viel erreicht, aber nur zum Preis chronischer Erkrankungen aufgrund unseres Lifestyles [Alt, 2020]. Der Ursprung dieses mismatch liegt im Neolithikum, als aus Jäger und Sammlern Bauern wurden. Wir befinden uns in einer evolutionsbedingten Schieflage, wenn nicht in einer Evolutionsfalle. Kulturelle Mechanismen, welche die Evolution triggern sind für die aktuelle Situation schädlich, wenngleich wir uns lange positiv entwickelten. 25.000 humane Gene sind das Ergebnis von mehr als drei Milliarden Jahren Evolution: von Elements of Life bis zum System Mensch. Die Humanevolution gründet auf etwa 200.000 Generationen und erfährt in jeder Generation Anpassung durch genetische Veränderung. Additiv verändern Lebensstil und Verhalten über epigenetische Mechanismen Generationen. Das mismatch zwischen Vergangenheit und Moderne besteht in fehlender Adaptation, denn „adaptation takes time“ [Nesse & Dawkins, 2010]. Die Medizin braucht eine evolutionäre Perspektive Die Evolutionäre Medizin (EM) beschäftigt sich intensiv mit der Betrachtung von Gesundheit und Krankheit aus einer evolutionären Perspektive. Dagegen hat sich die Medizin bisher nur zögerlich und ansatzweise mit dieser Thematik befasst. Noch fehlt der Medizin das notwendige Verständnis zur Akzeptanz fremder Leitlinien wie „Evolution: Medicine’s most basic science“ [Nesse & Dawkins, 2010]. Medizin und EM verfolgen konträre Ansätze. Medizinische Forschung fokussiert primär auf physiologische und molekulare Lebensprozesse, die Gesundheit und Krankheit modellieren. Sie stützt sich dabei auf proximate Mechanismen, um Erkrankungen zu diagnostizieren, zu behandeln und zu verhindern. Dagegen beschäftigt sich die EM mit den ultimaten Ursachen der Entstehung von Krankheiten, deren Ursprung häufig weit in der Vergangenheit des H. sapiens zu suchen ist [Alt & Pichler, 2025]. Die alternative Herangehensweise der EM, die Entstehung von Krankheiten zu erklären, generiert zahlreiche neue Erkenntnisse in der Medizin. Die Übertragung von Methoden und Denkweisen der EM in die Zahnmedizin ist in Einzelfällen erfolgt, aber institutionell noch kaum sichtbar. Die wachsende Auseinandersetzung mit einer Vielzahl an phylogenetisch relevanten oralen Fragestellungen im Kontext der Evolutionären Oralen Medizin (EOM) zeichnet sich seit Jahren ab. Die Community identifiziert sich mehr und mehr mit solchen Inhalten. In der oral geprägten Forschung dominiert die Beschäftigung mit Ernährungsfragen [Woelber & Tennert, 2022]. Zielgruppen sind vor allem Bereiche der konservierenden Zahnheilkunde und der Parodontologie. Im Mittelpunkt stehen der Biofilm und das orale Mikrobiom, die eine tragende Rolle für die Mundgesundheit spielen. Im Bereich der Funktionsdiagnostik und der Prothetik werden physiologische Abnutzungsvorgänge der Vergangenheit heute vielfach als pathologisch eingestuft, obwohl sie wahrscheinlich ein notwendiges Adaptationsgeschehen darstellen. Die Rückbildung der Kiefer mit Reduktion der Zahngröße ist einerseits eine Folge der biologischen, andererseits der kulturellen Evolution. Folgeerscheinungen sind Zahnengstände und vielleicht Schlafapnoe, die kieferorthopädische Maßnahmen erfordern. Der Exkurs zeigt, dass es überfällig ist, die Perspektiven der EOM fachspezifisch in der Zahnmedizin zu etablieren. Ein über ein Jahrzehnt existierender Arbeitskreis Ethno- und Paläozahnmedizin innerhalb der DGZMK rief zwar Interesse hervor, fand aber weder Zugang in die Ausbildung noch die Praxis. Es wäre enorm wichtig und wünschenswert, wenn es der 2024 neu gegründeten Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEZM) innerhalb der DGZMK gelingen könnte, die Kollegenschaft und die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit dem Thema Ernährung zu überzeugen. „ ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden. EHRENMEDAILLE DER DGZMK FÜR PROF. DR. KURT W. ALT „HERAUSRAGENDES ENGAGEMENT IM BEREICH DER ETHNO- UND PALÄOZAHNMEDIZIN“ Auf dem Deutschen Zahnärztetag 2025 wurde Prof. Dr. Kurt W. Alt mit der Ehrenmedaille der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) für seine besonderen Verdienste um die Zahnmedizin ausgezeichnet. Geehrt wurde Alt insbesondere „für sein herausragendes Engagement als Wissenschaftler im Bereich der Ethno- und Paläozahnmedizin und die Gründung und langjährige Leitung des Arbeitskreises in der DGZMK“. Dieser Beitrag ist die verschriftlichte und redaktionell leicht bearbeitete Fassung des Festvortrags, den Alt auf der jüngsten Jahrestagung der D-A-C-H Gesellschaft für Ernährungszahnmedizin e.V. (DGEZM) gehalten hat.

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