Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 1

TITEL | 33 zm116 Nr. 01-02, 16.01.2026, (2075) ten, werden sie auch als posteruptive Schmelzeinbrüche bezeichnet. Sie sind häufig im Bereich der Kauflächen beziehungsweise Höcker der Molaren zu finden, führen zur Dentinexposition und damit einhergehend zu ausgeprägten Hypersensitiven insbesondere bei Kindern, deren Zähne gerade erst durchgebrochen sind [Linner et al., 2021]. Frontzähne sind seltener von MIHbedingten Schmelzeinbrüchen und Hypersensitivitäten betroffen.Vonden posteruptiven Oberflächeneinbrüchen sind präeruptive Defekte abzugrenzen. Diese Zähne brechen bereits mit einem vorhandenen Oberflächendefekt in die Mundhöhle durch. Bei post- beziehungsweise präeruptiven Oberflächendefekten ergibt sich in einigen Fällen die Indikation zur Restauration dieser MIH-Zähne. Unter Verweis auf die Lokalisation von MIHbedingten Hypomineralisationen außerhalb der typischen Kariesprädilektionsstellen – zum Beispiel okklusale Fissuren und Grübchen oder Approximalflächen – werden diese als „atypische Restaurationen“ (engl.: „atypical restoration“, Abbildung 6) klassifiziert. Als ein weiteres Erkennungsmerkmal gilt die Präsenz von Hypomineralisationen im Bereich der Restaurationsränder. MIH- und kariesbedingte Restaurationen können und sollten sicher voneinander abgegrenzt werden. Neben dem skizzierten klinischen Erscheinungsbild, bestehend aus abgegrenzten Opazitäten, Schmelzeinbrüchen und atypischen Restaurationen, ist das Vorliegen von Hypersensibilitäten charakteristisch für eine MIH. Diese treten mit dem Zahndurchbruch auf und verhindern mitunter eine reguläre Nutzung der Zähne und schränken die Lebensqualität ein [Linner et al., 2021]. Ursächlich ist die qualitativ veränderte Schmelzstruktur mit erhöhter Porosität. Dadurch ist das sensible Dentin nicht ausreichend vor thermischen oder chemischen Reizen geschützt, was häufig zu Einschränkungen bei der Getränke- und Nahrungsaufnahme sowie zu einer eingeschränkten Mundhygiene insbesondere im Seitenzahnbereich führt. Dadurch ist auch die immer wieder dokumentierte Kariesanfälligkeit von MIH-Zähnen begründet [Americano et al., 2017; Ben Salem et al., 2023; Mazur et al., 2023; Villani et al., 2023]. MIH-typische Befunde finden sich aber nicht nur an ersten bleibenden Molaren oder bleibenden Frontzähnen, sondern prinzipiell an allen Zähnen im bleibenden Gebiss als auch in der Milchzahndentition. Da Hypomineralisationen im Milchgebiss vornehmlich an den zweiten Milchmolaren festzustellen sind, werden diese als Milchmolaren-Hypomineralisation (MMH), Decidous-Molar-Hypomineralisation (DMH) oder Second-Primary-MolarHypomineralisation (SPMH) bezeichnet. Obwohl die Namenswahl darauf hindeutet, dass es sich um eine eigene Erkrankungsgruppe handelt, ist davon auszugehen, dass diese Krankheitsbilder zum Formenkreis der MIH gehören. Diagnostik und Klassifikation Für die Dokumentation und Klassifikation der MIH wurden verschiedene Systeme vorgeschlagen. Als historisch und veraltet gilt der (modifizierte) DDE-Index. Demgegenüber haben die Kriterien der EAPD – abgegrenzte Opazitäten (Abbildung 3 und 4), Schmelzeinbrüche (Abbildung 5), atypische Restaurationen (Abbildung 6) – mittlerweile die weiteste Verbreitung gefunden. Diese wurden 2003 erstmals zur Beschreibung der MIH auf empirischer Basis publiziert [Weerheijm et al., 2003] und den Jahren 2010 und 2022 im Rahmen der damaligen MIH-Workshops bestätigt [Lygidakis et al., 2010; 2022]. Mit dem Ziel, MIH-bedingte Zustandsbilder und Hypersensitivitäten mit etwaigen Therapiemaßnahmen zu verknüpfen, haben Steffen et al. [2017] das Würzburger Konzept entwickelt und publiziert. Ein Update wurde von Bekes et al. [2023] veröffentlicht. Der vorgeschlagene MIH-Treatment-Need-Index (MIH-TNI) berücksichtigt dabei die Hypersensitivität der Zähne und kombiniert diese mit dem Vorhandensein eines Zahnhartsubstanzdefekts (Tabelle 1). Der MIH-TNI kann im Milchund bleibenden Gebiss verwendet werden und ist nicht auf Indexzähne beschränkt. Die Anwendung des MIH-TNI erfordert in der Praxis sowohl die Objektivierung von Hypersensitivitäten als auch die metrische Einschätzung der Defektausdehnung, was in der intendierten Präzision möglicherweise nicht immer exakt gelingt. Die auf dem MIH-TNI basierenden Therapieempfehlungen ermöglichen dem Praktiker eine Orientierung zur Versorgung der MIH-Zähne [Bekes et al., 2023]. Allerdings wird die Kooperationsbereitschaft der Betroffenen nicht berücksichtigt, so dass im Einzelfall individuelle Behandlungskonzepte konsentiert werden müssen. Obwohl die Diagnostik mit den verfügbaren klinischen Systemen in der Regel gut gelingt, werden im Praxisalltag immer wieder diagnostische Unsicherheiten bei der Erkennung und Klassifikation von MIH-bedingten Hypomineralisationen beobachtet. Zur Diagnoseunterstützung ist seit Kurzem ein auf künstlicher Intelligenz (KI) beruhendes Diagnostik-Tool verfügbar, das MIH-bedingte Hypomineralisationen und Oberflächeneinbrüche neben Karies automatisiert auf intraoralen Fotografien erkennen und kategorisieren kann [Felsch et al., 2023]. Auf der Webseite (https://demo.dental-ai.de, Abbildung 7), können selbst erstellte Bilddateien dem KI-basierten Algorithmus vorgelegt werden. Im Anschluss an die Bildanalyse gibt der Algorithmus das Evaluierungsergebnis dem Nutzer zurück. Differenzialdiagnostik Obwohl das klinische Erscheinungsbild der MIH in vielen Fällen typische Merkmale aufweist, kann die Differenzialdiagnostik und Abgrenzung zu anderen Strukturstörungen der Zahnhartsubstanzen für den Zahnarzt herausfordernd sein. Obwohl die MIH heute als die häufigste Strukturstörung an Zähnen einzuordnen ist, gibt es eine Reihe weiterer Zustandsbilder, die dazu abzugrenzen sind. Hier können das klinische Erscheinungsbild, die Lokalisation, sowie die Anzahl und das Verteilungsmuster der betroffenen Zähne wertvolle Hinweise liefern, ob ein erworbener Zahnhartsubstanzdefekt, wie Karies, oder eine entwicklungsbedingte Strukturstörung vorliegt. Die häufigste und relevanteste Differenzialdiagnose sind kariöse Läsionen. Dies trifft vor allem für kariesak-

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