36 | TITEL tersucht und diskutiert. Als umwelttoxikologische Agenzien wurden bereits in den 1990er Jahren Dioxine oder Bisphenol-A (BPA) identifiziert [Alaluusua et al., 1996; 1999]. Die finnische Arbeitsgruppe um Prof. Alaluusua konnte damals bei Kindern mit Hypomineralisationen der Zähne eine erhöhte Dioxinkonzentration als verursachend ausweisen und zusätzlich einen positiven Zusammenhang zwischen längerem Stillen und Schmelzdefekten erkennen. Dieser Effekt war allerdings in anderen Untersuchungen nicht erkennbar [Jälevik et al., 2001; Whatling et al., 2008]. Das finnische Team veröffentlichte später Studienergebnisse, die signalisierten, dass es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen einer mütterlichen Dioxinexposition und einer MIH gibt [Laisi et al., 2008]. Jüngere, tierexperimentelle Untersuchungen dokumentierten strukturelle Veränderungen in der Zahnhartsubstanz nach einer BPA-Exposition an Ratten [Jedeon et al., 2013]. In der viel zitierten Tierversuchsstudie, in der trächtige Ratten definierte BPAMengen mit der Nahrung aufnahmen, entwickelten die Jungtiere der MIH ähnliche Hypomineralisationen. Darüber hinaus untersuchte die französische Forschungsgruppe den Einfluss endokriner Disruptoren auf die Ameloblastenproliferation sowie endokrine Signalwege [Houari et al. 2016]. Unabhängig von der nachgewiesenen Anfälligkeit der Ameloblasten gegenüber Umwelttoxinen erscheinen hierzu weitere Untersuchungen erforderlich. Insbesondere müssen mögliche BPAQuellen, Expositionswege und potenziell schädliche Aufnahmemengen abgeschätzt werden. Frühkindliche Erkrankungen In der Diskussion spielen auch Erkrankungen im Kindesalter eine wichtige Rolle. Deren Einfluss auf eine mögliche MIH-Entwicklung in den ersten Lebensjahren wurde vielfach untersucht. Dennoch lieferten die verfügbaren Studien keine eindeutigen Ergebnisse [Crombie et al., 2009; Alaluusua, 2010; Silva et al., 2016; Fatturi et al., 2019; Garot et al., 2023]. Aus dem Kreis der frühkindlichen Erkrankungen wurden erhöhte MIH-Häufigkeiten beispielsweise für Atemwegserkrankungen, Mittelohrentzündungen und Fieber dokumentiert. Den Übersichtsarbeiten zufolge gibt es jedoch eine Vielzahl weiterer Erkrankungen, die für eine MIH verantwortlich sein könnten. Hierzu zählen zum Beispiel Windpocken, Masern und Röteln, gastrointestinale Erkrankungen, Allergien, Herz- und Nierenerkrankungen, Lymphome, Zöliakie, Mukoviszidose, HIV, Lippen-Kiefer-GaumenSpalten und verschiedene Syndrome. Allerdings deuten die aktuellen Daten eher auf eine Negativ-Assoziation hin. Die kontroversen Studienergebnisse legen indes auch nahe, dass weitere Untersuchungen erforderlich sind und Erkrankungen des Kindesalters in zukünftigen Studien möglichst detailreich registriert werden sollten. Die Mehrzahl der zuvor genannten Erkrankungen beziehungsweise Infektionen können medikamentös therapiert werden. Daher ist neben der Erkrankung selbst auch deren Therapie als potenziell MIH-verursachend zu betrachten. Im Fall von Infektionen sind daher Wechselwirkungen zwischen einer Antibiotikaeinnahme und dem MIHAuftreten zu erörtern. Antibiotika Antibakterielle Wirkstoffe kommen seit mehr als einem halben Jahrhundert auch in der Pädiatrie zum Einsatz und sind daher als potenziell MIH-verursachend zu sehen, da diese sich bei der systemischen Einnahme im gesamten Körper verteilen. Zudem haben Studien eine Positiv-Assoziation sowohl im Tierversuch als auch in kindlichen Kohortenstudien dokumentiert [Laisi et al., 2009; Wuollet et al., 2016]. Im Tierversuch griffen Antibiotika in den Ameloblasten-Stoffwechsel dahingehend ein, dass ein beschleunigtes Prismenwachstum vonstatten ging, ohne dass parallel dazu offensichtlich eine reguläre Kristallisation stattfand. Im Ergebnis lag eine qualitativ minderwertige Schmelzbildung vor [Laisi et al., 2009]. Zudem scheinen neben der Antibiotikagruppe auch der Zeitpunkt und die Häufigkeit der Einnahme relevant zu sein. Eine höhere Anzahl von Antibiotika-Zyklen in den ersten Lebensjahren erhöhte die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer MIH. Nach Ghanim et al. [2013] ist das MIHzm116 Nr. 01-02, 16.01.2026, (2078) CME AUF ZM-ONLINE MIH – klinisches Erscheinungsbild, Diagnostik, Ätiologie Für eine erfolgreich gelöste Fortbildung erhalten Sie zwei CME-Punkte der BZÄK/DGZMK. DARSTELLUNG DER KRITERIEN DES MIH-TREATMENT-NEED-INDEX (MIHTNI) Score Kriterienbeschreibung 0 Gesund, keine MIH vorhanden 1 MIH ohne Zahnhartsubstanzverlust, ohne Hypersensitivität 2 MIH mit Oberflächeneinbruch, ohne Hypersensitivität/ 2a < 1/3 Defektausdehnung 2b ≥1/3 bis ≤ 2/3 Defektausdehnung 2c ≥2/3 Defektausdehnung oder/und Defekt in Pulpanähe oder Extraktion oder atypische Restauration 3 MIH ohne Oberflächeneinbruch, mit Hypersensitivität/ 4 MIH mit Oberflächeneinbruch, mit Hypersensitivität 4a < 1/3 Defektausdehnung 4b ≥1/3 bis ≤2/3 Defektausdehnung 4c ≥2/3 Defektausdehnung oder/und Defekt in Pulpanähe oder Extraktion oder atypische Restauration
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