Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 1

38 | TITEL FORTBILDUNG MOLAREN-INZISIVEN-HYPOMINERALISATION Nichtinvasive Therapie der MIH Nelly Schulz-Weidner, Constanze Uebereck Je nach Schweregrad der Erkrankung können bei der Behandlung der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) zunächst non-invasive Methoden zur Anwendung kommen. Wir stellen neben den Optionen für die Reduktion der Beschwerden bei vorliegenden Hypersensibilitäten auch Möglichkeiten für die ästhetische Rehabilitation im Frontzahnbereich vor. Die MIH ist eine systematisch bedingte Hypomineralisation im Kindes- und Jugendalter, die durch abgegrenzte Opazitäten, die an den ersten permanenten Molaren – mit oder ohne Beteiligung der bleibenden Inzisivi – auftreten, gekennzeichnet ist [Garot et al., 2022]. Die MIH tritt weltweit auf. In Deutschland sind es nach Angaben der Sechsten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS • 6) 15,3 Prozent der 12-Jährigen, die von einer MIH betroffen sind [Bekes et al., 2025]. Hypersensibilitäten Neben Opazitäten können auch posteruptive Schmelzeinbrüche sowie Hypersensibilitäten auftreten. Dabei scheint eine frühzeitige Porosität des Schmelzes zu einer Bakterieninvasion und einer chronischen Pulpainfektion zu führen [Rodd et al., 2007; Lygidakis et al., 2010]. Hypersensibilitäten liegen dabei vor allem bei mittelschweren und schweren Fällen vor, können aber auch bei leichten Formen auftreten [Raposo et al., 2019]. Die Überempfindlichkeiten sind für betroffene Kinder mit starken Beeinträchtigungen verbunden. Neben Einschränkungen in der Mundhygiene und bei der Nahrungsaufnahme – insbesondere bei kalten und heißen Lebensmitteln – kann auch die zahnärztliche Betreuung erschwert sein. So kann der Püster problematisch sein, da allein die auf den Zahn gerichtete Luft bereits Beschwerden verursacht. In vielen Fällen ist auch die Lokalanästhesie erschwert und beeinträchtigt dadurch die Behandlung [Lygidakis et al., 2022]. Darüber hinaus ist die Karieserfahrung bei Kindern und Jugendlichen mit MIH erhöht. So wiesen in der DMS • 6 8,2 Prozent der MIH-Betroffenen auch Karies auf [Bekes et al., 2025]. Dies zeigt neben der Notwendigkeit von etablierten strukturierten Therapien für hypomineralisierte Zähne und den damit möglichen verbundenen Hypersensibilitäten auch, dass die Kariesprävention zur Vermeidung einer zusätzlichen oralen Beeinträchtigung von Bedeutung ist. Non-invasive Interventionen Non-invasive Behandlungsmöglichkeiten im Rahmen der MIH-Therapie lassen sich gut anhand des „Würzburger Konzepts“ ableiten, das erstmals 2016 im deutschsprachigen Raum publiziert [Steffen et al., 2016; Bekes und Steffen, 2016] und 2023 aktualisiert wurde [Bekes et al., 2023]. Die Therapie differenziert nach Seitenzahn- und Frontzahngruppe, berücksichtigt mögliche Hypersensibilitäten und behandelt aktualisiert auch die betroffenen Frontzähne (Tabelle 1). Insgesamt sollte aber zudem die Patienten- und Praxisebene mit in das Betreuungskonzept eingebunden werden [Schmöckel et al., 2025]. Die begleitende Prophylaxe als Behandlungsoption flankiert dabei alle anderen Behandlungsmöglichkeiten. Prophylaxe (und/oder Regeneration) At-home-/In-office-Prophylaxe Aus kariesprophylaktischer Sicht umfasst die häusliche Prophylaxe zuallererst das klassische zweimalige tägliche Zähneputzen mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta (mindestens 1.450 ppm Fluorid). Ergänzend wird die häusliche Anwendung einer Casein-Phosphopeptid-amorphen Calciumphosphat (CPP-ACP)-Paste als Quelle für bioverfügbares Kalzium und Phosphat zur Unterstützung der Mineralisierung empfohlen [Bakkal et al., 2017]. So unterstützt CPP-ACP die positive Veränderung des Schmelzes in Bezug zm116 Nr. 01-02, 16.01.2026, (2080) NON-INVASIVE THERAPIE DER MIH (ANALOG MIH-TNI NACH BEKES ET AL.) Prophylaxe/Regeneration non-invasive Therapie Frontzähne und 6-Jahrmolaren Frontzähne 6-Jahrmolaren in office • Fluoridierung at home • Fluoridierung • Tricalciumphosphatpaste (TCP-Paste) • Caseinphosphat-Phosphopeptidamorphes Calciumphosphat (CPP-ACP)-Paste Bleaching Mikroabrasion Infilltration Etch-bleach-seal Fissurenversiegelung Glasionomerzement Tab. 1 Bekes et al., 2023

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