Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 1

e a c d b Fotos: Norbert Krämer TITEL | 45 Vor dem Hintergrund des erhöhten Kariesrisikos dieser Zähne (Abbildung 2) muss durch die Maßnahmen eine Kariesprogression vermieden werden. Als mögliche Maßnahme steht eine Abdeckung der Defekte mittels konventioneller Glasionomerzemente (GIZ) zur Verfügung. Vorteil der Materialien ist die schnelle und einfache Applikation der Zemente. Bei MIH-Molaren werden diese in der Regel mittels der sogenannten ART-Technik (Atraumatic Restorative Treatment) eingesetzt [Grossi et al., 2018]. Dabei wird lediglich mit einem Handinstrument die Zahnoberfläche gereinigt und gegebenenfalls Karies exkaviert. Anschließend wird die Kavität unter relativer Trockenlegung mit dem GIZ aufgefüllt. Der Vorteil der Methode ist, dass die betroffenen Zähne auch ohne Lokalanästhesie und Präparation versorgt werden können. Die temporäre Versorgung ermöglicht es, die Patienten an die zahnärztliche Behandlung zu gewöhnen. Häufig führt diese temporäre Versorgung auch zu einer Reduktion der Hypersensitivität der MIH-Zähne. Nachteil der GIZ-Versorgung ist das Risiko einer Füllungsfraktur oder eines vollständigen Verlusts der Füllung (Abbildung 4). Aktuelle Erhebungen bestätigen eine Erfolgsrate von über 80 Prozent nach einem bis zwei Jahren [Durmus et al., 2021; Mahfouz et al., 2025]. Der Behandlungsfall (Abbildung 4d) veranschaulicht die Schwächen des Verfahrens. Wird das Angebot der regelmäßigen Kontrollen nicht wahrgenommen, so droht bei Verlust der Füllung die Kariesprogression. In dem vorliegenden Fall konnte jedoch eine endodontische Maßnahme vermieden und durch die selektive Kariesentfernung die Zahnhartsubstanz weitestgehend erhalten werden. Mit der Einführung von Silberdiamminfluorid (SDF) als 38-prozentige Lösung wurde ein Verfahren vorgestellt, welches die Kariesprogression stoppt und zusätzlich zur Desensibilisierung überempfindlicher Zähne beiträgt [Seifo et al., 2020]. Seifo et al. beschrieben in einer Übersichtsarbeit, dass silberionenhaltige Präzipitate die freiliegenden Dentintubuli verschließen zm116 Nr. 01-02, 16.01.2026, (2087) Abb. 5a: Der sechsjährige Junge zeigt eine altersgerechte Gebissentwicklung. An den Zähnen 36 und 46 ist schon im OPG deutlich der Einbruch der okklusalen Schmelzoberfläche zu sehen. Es zeigt sich an beiden Zähnen eine ausgeprägte Dentinschicht über der Pulpa. Abb. 5c: Der MIH-Zahn 46 wurde in einem ersten Schritt mit der SMART-Technik behandelt. Dazu wurde der Zahn mit Watterollen getrocknet, der Biofilm mit Schaumstoffpellets entfernt, SDF für eine Minute appliziert, anschließend mit Watterollen getrocknet und direkt im Anschluss ein dünnfließender GIZ platziert. Die Füllung ist hier bereits sechs Monate nach dem Legen zu sehen. Abb. 5d: Der MIH-Zahn 46 zwei Jahre nach dem Legen der Füllung. Die Füllung deckt den SDF-behandelten Bereich komplett ab. Der Zahn war nicht mehr hypersensibel. Abb. 5e: Im Anschluss konnte der MIHZahn 46 mit Komposit unter Lokalanästhesie (Leitungsanästhesie in Kombination mit intraligamentärer Anästhesie mit 40 mg/ ml Articainhydrochlorid und 1:200.000 Epinephrinhydrochlorid) versorgt werden. Um die Schwarzverfärbung weitgehend abzudecken, wurde ein weiß-opakes Komposit verwendet. Abb. 5b: Im Durchbruch befindlicher MIH-Zahn 46 mit typischen Symptomen der MIH: weiß-braune Opazität, Oberflächeneinbruch, Überempfindlichkeit schon auf Berührung mit der Zahnbürste. Eine Reinigung des Zahns war daher nur schwer möglich. In diesen Fällen ist auch die Lokalanästhesie erschwert.

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