GESELLSCHAFT | 51 einigen Fällen ergaben sich im Verlauf der Recherche Gespräche mit Angehörigen. Die durch den Herbert-Lewin-Preis entstandene Aufmerksamkeit für ihr Projekt werfe ein Licht auf die Konsequenzen, die eine faschistische Diktatur für Menschen haben könne, die als andersartig und fremd angesehen würden, sagte die Preisträgerin in ihrer Dankesrede. Sie hob hervor, dass die Zeugnisse der Betroffenen lange Zeit nicht gehört worden und unerforscht geblieben seien: „Diese Menschen erlangten keine neue Identität als Überlebende, die es ihnen ermöglicht hätte, Geschichte zu verkörpern. Ihre Unsichtbarkeit resultiert aus der anhaltenden Stigmatisierung und Marginalisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen.“ Mit ihrer akribisch recherchierten Arbeit habe Münch Neuland betreten und in anrührender und zugleich spannender Weise den damaligen Alltag in der Psychiatrie beleuchtet, begründete die Jury ihre Entscheidung. Besonders beeindruckend sei die tiefgehende und plastische Skizzierung der insgesamt fünf Patientinnen und Patienten. Diese hatten, wie die Forschungsarbeit herausfand, großes Leid durch Elektroschockkuren und andere Behandlungen erfahren müssen oder seien durch ihre Erfahrungen in Tötungslagern der Nazis traumatisiert worden. Die Medizinstudentinnen ließen sich oft instrumentalisieren Den zweiten, mit 5.000 Euro dotierten Preis erhielt Dr. Dana Derichs für ihre Promotionsarbeit „Die Medizinstudentinnen der Universität Erlangen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus“. Die Kardiologin stellte darin ausführlich dar, wie sich das Frauenmedizinstudium in Erlangen nach der Zulassung von Frauen zu bayerischen Hochschulen entwickelte. Besonderes Augenmerk legte sie darauf, mit welchen gesellschaftlichen Widerständen die Studentinnen zu kämpfen hatten. Ein eigenes Kapitel widmete Derichs den Erfahrungen jüdischer Medizinstudentinnen und Ärztinnen in der Weimarer Republik und dem an der Medizinischen Fakultät grassierenden Antisemitismus. Die Forschungsarbeit geht auch der Frage nach, wie die Medizinstudentinnen in Erlangen auf den Nationalsozialismus reagierten. „Die Affinität zwischen Medizin und Nationalsozialismus tritt in Hinblick auf die Erlanger Medizinstudentinnen in mehrfacher Hinsicht zu Tage“, schreibt Derichs in ihrem Fazit. So wie die medizinische Wissenschaft im „Dritten Reich“ ihre ethischen Grundsätze verließ und ein Instrument des Nationalsozialismus wurde, hätten sich die Medizinstudentinnen häufig zu dessen Zwecken benutzen lassen. So habe es beispielsweise keine Solidarisierung mit jüdischen Kommilitoninnen und Kolleginnen gegeben. Allerdings, merkte Derichs an, ließen sich die individuellen Handlungsspielräume der Medizinstudentinnen – wie für Frauen im Nationalsozialismus allgemein geltend – nicht in jedem Bereich scharf abgrenzen. Die Jury zeigte sich beeindruckt, wie detailreich die Kardiologin die Lebenswege und Karrieren der Medizinstudentinnen und Ärztinnen in Erlangen nachgezeichnet habe, insbesondere die Anfeindungen, denen jüdische Medizinstudentinnen im betrachteten Zeitraum ausgesetzt waren. Alle Einzelschicksale seien plastisch rekonstruiert und hervorragend in den historischen Kontext eingebettet worden, lobte die Jury. sth zm116 Nr. 01-02, 16.01.2026, (2093) JURYMITGLIED PROF. DR. DOMINIK GROẞÜBER DIE ARBEITEN: „DIE BEIDEN AUTORINNEN SIND METHODISCH HERVORRAGEND VORGEGANGEN!“ Herr Prof. Groß, Sie haben wieder die Zahnärzteschaft in der Jury für den Herbert-Lewin-Preis vertreten. Was zeichnet die prämierten Forschungsarbeiten aus? Prof. Dr. Dominik Groß: Wir als Jury haben uns für diese Einreichungen entschieden, weil sie wissenschaftlich mit Abstand am fundiertesten waren. Methodisch sind die beiden Autorinnen hervorragend vorgegangen und haben umfassend geforscht. Aus diesem Grund – das war etwas Besonderes dieses Jahr und ist so in der Geschichte des Herbert-Lewin-Preises noch nicht vorgekommen – fiel die Entscheidung der Jury einstimmig aus. Welche Bedeutung hat der Herbert-Lewin-Preis aus Ihrer Sicht? Zum einen ist er die in Europa am höchsten dotierte Auszeichnung für dieses Forschungsgebiet. Der Herbert-LewinPreis ist außerdem bedeutend , weil sich für ihn alle gewichtigen Organisationen aus dem deutschen Gesundheitswesen zusammengefunden haben. Dieser Schulterschluss ist ein Bekenntnis zur Verantwortung der Gesundheitsberufe, sich ihrer Geschichte während der Zeit des Nationalsozialismus' zu stellen. Wie soll sich der Herbert-Lewin-Preis in Zukunft weiterentwickeln? Bisher stammen die meisten ausgezeichneten Arbeiten aus dem Bereich Humanmedizin. Es wäre schön, wenn uns mehr Beiträge aus anderen Gesundheitsberufen, zum Beispiel dem Hebammenwesen, der Physiotherapie, aber auch der Zahnmedizin, erreichten. Der Herbert-Lewin-Preis steht Vertreterinnen und Vertretern aller medizinischen Disziplinen offen. Das Gespräch führte Susanne Theisen. Medizinhistoriker Prof. Dr. Dominik Groß vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen Foto: UK Aachen
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=