54 | GESELLSCHAFT INTERVIEW MIT ANDREAS HAESLER „Und dann kam zum ersten Mal der Gedanke: Mach ein Museum draus!“ Die Geschichte des Dentalmuseums ist geprägt von einer Vielzahl an Zufällen und von Menschen, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufeinandertrafen. Und natürlich der treibenden Kraft von Andreas Haesler, der die Sammlung vor 25 Jahren ins Leben gerufen hat. Herr Haesler, wie wurde aus dem Zahntechniker Andreas Haesler der SelfmadeMuseologe? Andreas Haesler: Wahrscheinlich muss ich mit 1995 oder 1996 anfangen. Damals habe ich hobbymäßig zwei kleine Ausstellungen auf sechs oder sieben Quadratmetern organisiert. Das hat so großen Anklang gefunden, dass ich gemerkt habe: Das macht nicht nur mir Spaß. Aber dann war das für ein paar Jahre wieder ganz weit weg. Und dann klingelte im Dezember 1999 das Telefon. Die Frau eines Grimmarer Zahnarztes hatte ihm am Sterbebett versprochen, seine Sammlung irgendwo unterzubringen. Die habe ich mir dann angeschaut – und gleich gesehen: Wegwerfen ist keine Option, es war eine tolle Sammlung. Letztlich habe das ganze Zeug erst einmal zu mir geholt. Einen Monat später, im Januar 2000, kam dann der Anruf aus dem Nachbarort Döbeln: „Herr Haesler, meine Schwiegermutter ist gestorben, jetzt wird das Labor ausgeräumt.“ Das Labor war 1928 gegründet worden, 1975 war der Schwiegervater gestorben. Seitdem war es stillgelegt. Keiner hatte die Räume betreten dürfen. Das war wie eine Zeitreise. Da habe ich gesagt, ich hole es ab. Und plötzlich war die Garage voll. „Um Gottes willen“, dachte ich dann im Anschluss. „Das brauchst du privat nicht. Hau es weg.“ Offensichtlich gab es aber noch eine andere innere Stimme? Ich wollte es bewahren. Noch ohne weitere Gedanken! Einfach, weil es schade war, es wegzuwerfen. Und dann kam mir zum ersten Mal der Gedanke: „Mach ein Museum draus!” Wir hatten damals noch ein großes Labor und eigentlich hatte ich mehr als genug zu tun. Gleichzeitig beschäftigte mich ab da der Museumsgedanke. Dann bin ich auf das Schloss Colditz gekommen, dessen Räume damals leer standen. So erfuhr die Region: „Der Haesler macht ein Museum.“ Ein Dentalmuseum! Und dann kamen tolle Sammlungsstücke. War das die Geburtsstunde des Dentalmuseums? Im März oder April 2000 ging es los. Im September fand dann die Eröffnung des Dentalhistorischen Museums im Schloss Colditz statt. Für die Ausgestaltung der Museumsidee war kurz darauf die sogenannte Schlossweihnacht im Dezember 2000 ganz entscheidend: Die Schlosshöfe waren für zwei Tage geöffnet, es gab kleine Buden und ein bunt gemischtes Weihnachtsmarktpublikum. Wir haben das Museum für diese beiden Tage geöffnet. Was soll ich sagen: Die kleinen Räume waren proppenvoll, wir hatten mehr als tausend Besucher an zwei Tagen – und zu 99 Prozent waren es fachfremde Besucher! Die waren so begeistert, dass ich gesagt habe: Halt. Mir wurde schlagartig klar: Ich muss anders denken und handeln. Ich muss den Fokus weg von einem reinen Fachmuseum und hin zu einer 360-GradBetrachtung lenken. Das heißt, wir betrachten das Objekt Zahn nicht nur aus zahnärztlicher und zahntechnischer Sicht, sondern aus der Kultur allgemein. Aus allen Perspektiven, die ein Zahn bereitstellt. Das war die erste Erkenntnis. Eine der wichtigsten. Weil sie Ihre Herangehensweise geändert hat? Ja, dieser Dreh hat das Überleben des Museums überhaupt erst ermöglicht. Heute haben wir noch 65 Prozent fachfremde Besucher. Darunter sind viele zm116 Nr. 01-02, 16.01.2026, (2096) Zahntechnikermeister Andreas Haesler Foto: BZÄK Seit 2005 befindet sich das Dentalmuseum in Zschadraß nahe der Stadt Colditz im Landkreis Leipzig. Foto: zm_mg
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