Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 1

GESELLSCHAFT | 55 Wiederholungstäter, die immer, wenn sie Besuch von außerhalb haben, hierherkommen. Ich habe mir also gesagt: „Kein reines Fokus-Museum, du musst dich erneuern. Du brauchst Publikumsverkehr und musst gleichzeitig ein Fundament für ein Wissenschaftszentrum legen, das ist dein Grundstock. War das im Schloss Colditz möglich? Jein. Im Schloss haben wir jedes Jahr eine neue Etage ausgebaut, neue Räume gestaltet, um immer neue Ausstellungen zu machen. Dadurch kamen immer neue Dinge hinzu. Ich brauchte Platz, um die Objekte unterzustellen. Das ging weder zu Hause noch im Labor. Schließlich habe ich über eine OnlineAuktion im Nachbarort eine Kneipe ersteigert, um mehr Platz zu haben. „Zum ersten, zum zweiten, zum dritten – Glückwunsch, Herr Haesler!” Ich habe meine Sachen reingestellt und zack, war der Raum fast voll. Das war von Anfang an nur eine provisorische Lösung. Zeitgleich ist Schloss Colditz in Landeshand übergegangen und plötzlich war alles eingerüstet. Eine Perspektive für die Idee einer 360 Grad Betrachtung und für ein Wissenschaftszentrum gab es nicht. Also habe ich mir gesagt: „Ich gehe.” So sind Sie nach Zschadraß gekommen. Genau. Ich habe mit dem Chef der Diakonie und dem Bürgermeister gesprochen. „Wollen wir das Dentalmuseum nicht hierher bringen? Wir haben doch hier ein paar leere Häuser.“ Das war im Jahr 2005. Aber ich hatte keine Förderung und auch kein Geld, weshalb wir schließlich bei einer Miete von 10 Euro landeten. Ich wollte einen Vertrag über 99 Jahre, der Diakonie-Chef wollte nur einen über ein Jahr. Wir einigten uns auf zehn Jahre. Eine Woche später eröffneten wir die erste Ausstellung. Zwei Jahre später bekam die Diakonie neue Chefs. Das waren …, also die kann man als Heuschrecken bezeichnen. Wieder zerplatzte die Museumsidee, der Aufbau des Wissenschaftszentrums. Was blieb mir übrig? Ich nahm mir einen einfachen Plastik-Campingstuhl, setzte mich ins Grünzeug draußen und dachte: „Was machst du jetzt? Hörst du auf?” Heute wissen wir: Haben Sie nicht. Nein. Ich bin stattdessen in die Offensive gegangen. Ich habe mir vorher überlegt, was die Ideallösung wäre: ein Museum, eine Bibliothek, ein Technikum und ein Wissenschaftshaus. Dann bin ich zum Diakonie-Chef gegangen und habe gesagt: „Ich habe kein Geld, ich will vier Häuser!“ Wir haben erst einmal herzhaft gelacht und dann tatsächlich einen Deal gemacht: 30.000 Euro für vier Häuser. Als der Kaufvertrag unterschrieben werden sollte, musste ich gestehen, dass ich ein Jahr als Zahlungsziel brauche, um das Geld zusammenzubekommen. Zunächst gab es natürlich ein Riesentheater, aber ich blieb so hartnäckig, dass sie mir schließlich zähneknirschend zustimmten: „Okay, wir schreiben das noch mit rein.“ Die Spendenaktion mit 1743 Briefen hat ein Jahr gedauert, dann hatten wir die Summe beisammen und die Häuser gehören seitdem dem Verein. Das bietet die größte Sicherheit für die Sammlung und das Museum. Wo steht das Dentalmuseum heute? Kurz gesagt: Wir stehen ganz am Anfang, verfügen aber über eine perfekte Grundlage, die wir in den vergangenen 20 Jahren geschaffen haben! Wir haben die Objekte, die Räumlichkeiten und die Digitaltechnik in Form von Computern und Servern. Somit können wir die Geschichte der Zahnheilkunde auf einer breiten Basis in jedem einzelnen Thema erarbeiten. Und wir haben die Literatur. Exponate und Literatur ergänzen sich gegenseitig und erweitern das Verständnis. Was brauchen Sie, um die nächsten Schritte zu gehen? Helfende. Und Geld. Helfende, um die Objekte aufzuarbeiten. Hier kann jeder sein eigenes Thema finden, sich einarbeiten und seinen Namen in die Geschichte der Zahnheilkunde einbringen. Dann könnte die gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte der Zahnheilkunde hier im Dentalmuseum richtig durchstarten. Und es fehlt die finanzielle Unterstützung. Die Situation war ja meistens prekär, 25 Jahre Glatteis. All die Jahre bewegt man sich auf einem ganz glatten Untergrund und versucht, etwas zu bewegen und immer weiterzuentwickeln, um das alles bewahren zu können. Muss man also schon ein bisschen verrückt sein? Na ja, ist es denn verrückt? Sicher, bei vielem sagt man, es sei verrückt. Aber es ist ja ein Versuch, etwas für die Wahrheit zu erhalten und unsere Geschichte zukünftig richtig erzählen zu können. Ich habe zumindest den Versuch gestartet und in den letzten 25 Jahren ist ja auch etwas gelungen, was weltweit einzigartig ist. Das Gespräch führten Markus Brunner und Marius Gießmann. Eine Langfassung des Interviews finden Sie im Archiv zm1-2/2026 auf zm-online.de. zm116 Nr. 01-02, 16.01.2026, (2097) DIE GESCHICHTE VON HAESLERS LIEBLINGEN ERKLÄRT Wir wollten Geschichte(n) erzählen mit einzelnen Ausstellungsstücken. Darum unternahmen die zm im vergangenen Jahr einen Streifzug durchs Museum und veröffentlichten pro Ausgabe einen Schatz. „Das sind die Maybachs!“, sagt Museumsleiter Haesler. Seine Expertise bestimmte die Auswahl: Mal war es die historische Bedeutung, mal der abenteuerliche Weg ins Museum und mal die einzigartige Darstellung, die den Ausschlag gaben. Der QR-Code führt zu den Geschichten aller 21 erklärten Exponate. Foto: zm_mg

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