Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 1

72 | PRAXIS INTERVIEW MIT DR. DANIEL ENGLER-HAMM ZUR GESUNDHEITSPRÄMIE IN SEINER PRAXIS „Wir wollten mehr Fairness schaffen“ Um den hohen Krankenstand in seiner Praxis zu reduzieren, hat der Münchener Zahnarzt Dr. Daniel Engler-Hamm vor zwei Jahren eine nicht unumstrittene Maßnahme eingeführt: Mitarbeitende mit stabiler Anwesenheit erhalten eine zusätzliche Gesundheitsprämie. „Die Maßnahme soll nicht Krankheit sanktionieren, sondern die Leistung derjenigen sichtbar würdigen, die häufig Mehrarbeit leisten”, so die Idee dahinter. Über seine Erfahrungen und die Reaktionen seines Teams berichtet er hier. Was war Ihre Motivation, eine Gesundheitsprämie einzuführen? Dr. Daniel Engler-Hamm: In unserer Praxis hatten wir 2023 einen stark erhöhten Krankenstand von durchschnittlich 23,9 Fehltagen pro Mitarbeiter – deutlich mehr als der bundesweite Schnitt von etwa 15 bis 20 Tagen. Diese vielen kurzfristigen Ausfälle haben den Praxisablauf massiv belastet: Termine mussten verschoben werden, Patienten wurden unzufrieden und die anwesenden Mitarbeiter waren überlastet. Meine Motivation war es daher, aktiv gegenzusteuern, um Fairness und Stabilität im Team wiederherzustellen. Wir wollten einerseits die verlässliche Anwesenheit belohnen und sichtbar machen, andererseits niemanden für Krankheit bestrafen. Wichtig war uns, ein positives Anreizsystem zu schaffen, mit einer freiwilligen, zusätzlichen Gesundheitsprämie als Wertschätzung und ohne in die gesetzliche Lohnfortzahlung einzugreifen oder die soziale Absicherung anzutasten. Dabei geht es uns nicht um Sanktion oder Druck, sondern um Fairness gegenüber der Mehrheit im Team – also den 80 bis 90 Prozent der Kollegen, die auch bei leichten Beschwerden zuverlässig zur Arbeit erscheinen und oft spontan für erkrankte Kollegen einspringen. Wenn alle gleich behandelt werden, egal wie engagiert oder präsent sie sind, entsteht leicht das Gefühl von Ungerechtigkeit und das kann auf Dauer die Motivation und sogar den Krankenstand der stärker belastbaren Mitarbeitenden negativ beeinflussen. Solche Prämienmodelle verstehen wir deshalb als Ausgleich für diese stille Mehrarbeit oder den Fleiß der Vielen, die durch Ausfälle anstrengendere Arbeitstage bewältigen müssen. Wir wollen das, was oft im Hintergrund passiert und nicht gesehen wird, nämlich die zusätzliche Belastung durch Ausfälle, wertschätzen. Wie sind Sie dann vorgegangen? Wir haben die Gesundheitsprämie Anfang 2024 schrittweise eingeführt. Zunächst haben wir klare Kriterien festgelegt: Die Prämie entspricht einer Sonderzahlung von etwa 3 bis 7 Prozent des Jahresgehalts, wobei ein Mitarbeiter die volle Prämie erhält, wenn er maximal zwei Krankentage pro Quartal aufweist. Die Ausschüttung erfolgt immer am Quartalsende. Das ist wichtig, da kurzfristige Boni besser motivieren und dadurch jeder Mitarbeiter mit jedem Quartal einen neuen Anreiz erhält. Ab dem dritten Krankentag pro Quartal reduziert sich der Bonus. Diese Regeln haben wir arbeitsrechtlich einwandfrei in die Arbeitsverträge aufgenommen und von Anfang an transparent kommuniziert. Die Maßnahme muss freiwillig und fair sein – alle Kollegen sollen die Bedingungen verstehen und als gerecht empfinden. Wir haben also im Vorfeld mit dem Team offen über das Konzept gesprochen und sichergestellt, dass es breite Akzeptanz findet. Außerdem haben wir ausdrücklich betont, dass Kranksein selbstverständlich erlaubt bleibt und niemand aus Angst um die Prämie krank zur Arbeit kommen soll. Für besondere Fälle, wie chronisch kranke Mitarbeiter, Verunfallte oder Schwangere, haben wir individuelle Kulanzlösungen besprochen, damit niemand benachteiligt wird. Kurz gesagt: Eine saubere rechtliche Grundlage, Transparenz, Rücksicht auf Sonderfälle und eine offene Kommunikation im Team sind die Schlüsselfaktoren bei der Einführung. Wie hat die Belegschaft darauf reagiert? Die Reaktionen im Team waren überwiegend positiv. Natürlich gab es anfangs Fragen. Jeder wollte genau verstehen, wie das System funktioniert und was es für den Einzelnen bedeutet. Nachdem wir offen kommuniziert haben, dass niemand Nachteile befürchten muss und dass die Prämie als zusätzliche Wertschätzung gedacht ist, hat sich schnell Zustimmung entwickelt. Viele Mitarbeiter fanden es fair, dass verlässliche Anwesenheit nun anerkannt wird. Gerade Kollegen, die selten krank sind, fühlten sich durch die Prämie endlich gesehen. Und diejenigen, die krankheitsbedingt ausfielen, wussten dank unserer Kommunikation, dass ihnen kein Vorwurf zm116 Nr. 01-02, 16.01.2026, (2114) Dr. Daniel Engler-Hamm ist Spezialist für Parodontologie und Implantologie. Gemeinsam mit Dr. Sophie von Seutter leitet er die Praxis „Zahnspezialisten Theatiner” mit rund 35 Mitarbeitern an drei Standorten in München. Foto: Engler

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