Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 1

zm116 Nr. 01-02, 16.01.2026, (2116) 74 | PRAXIS gemacht wird, sondern dass weiterhin ihre Gesundheit an erster Stelle steht. Insgesamt hat die Maßnahme eher den Teamgeist gestärkt. Wir haben eine neue Motivation und Wertschätzung festgestellt. Das Klima entwickelte sich konstruktiv, weil alle verstanden haben, dass die Prämie im Grunde jedem zugutekommt: Weniger Ausfälle bedeuten letztendlich weniger Stress für die Anwesenden. Was hat die Prämie bewirkt? Wir konnten tatsächlich einen deutlichen Rückgang der Krankentage verzeichnen. Konkret ist der durchschnittliche Krankenstand von etwa 23,9 Tagen pro Mitarbeiter im Jahr 2023 auf rund 17,4 Tage im Jahr 2024 gesunken. Das ist eine Reduktion um etwa 30 Prozent. Mit der Zeit erwarten wir einen weiteren Besserungstrend. Besonders bemerkenswert: In klassischen Erkältungsmonaten wie dem Oktober fiel der Krankenstand dramatisch – zum Beispiel von 3,26 Tagen pro Mitarbeiter im Oktober 2023 auf nur noch 0,45 Tage im Oktober 2024. Diese Zahlen haben wir aus unseren internen Personalstatistiken erhoben, indem wir die gemeldeten Krankheitstage pro Monat und Mitarbeiter vor und nach Einführung der Prämie verglichen haben. Weil wir außer der Prämie keine anderen Änderungen im Praxisablauf vorgenommen haben, können wir den Effekt ziemlich eindeutig auf das neue Anreizsystem zurückführen. Zur Validierung haben wir uns neben den Durchschnittswerten den Median der Krankentage angeschaut. Dabei zeigte sich, dass extreme Ausreißer nach Einführung der Prämie ausblieben. Das heißt, es gab keine Monate mehr, in denen große Teile des Teams gleichzeitig krank waren, die Ausfälle verteilten sich gleichmäßiger und moderater. Gemessen haben wir all das schlicht anhand der Arbeitsunfähigkeitsdaten, die wir sowieso führen. Wie erklären Sie sich den signifikanten Rückgang der Krankentage? Ein finanzieller Anreiz schafft Bewusstsein: Unsere Angestellten überlegen jetzt genauer, ob sie bei leichten Beschwerden vielleicht dennoch arbeiten können oder, ob sie zum Beispiel Arzttermine auf einen freien Tag legen können, um keinen Fehltag zu verursachen. Wichtig ist: Niemand schleppt sich krank zur Arbeit. Das haben wir klar untersagt und glücklicherweise auch nicht beobachtet. Vielmehr achten die Mitarbeiter präventiv besser auf ihre Gesundheit, nutzen zum Beispiel freiwillig unsere kostenfreien Grippeschutzimpfungen und halten sich an Hygieneregeln, um gar nicht erst zu erkranken. Außerdem fühlen sie sich durch die Prämie anerkannt und motiviert, was psychologisch viel ausmacht. Wenn Anwesenheit wertgeschätzt wird, steigt die Bereitschaft, sich für das Team einzusetzen. Hinzu kommt ein positiver Kreislauf: Weil weniger Kollegen fehlen, muss seltener improvisiert oder Arbeit umverteilt werden, was den Stress für alle reduziert – und weniger Stress bedeutet wiederum oft weniger Krankheitsanfälligkeit. Insgesamt hat die Prämie also eine Art Hebelwirkung: Sie stärkt die Eigenverantwortung jedes Einzelnen und gleichzeitig die TeamStabilität, was zusammen zu deutlich niedrigeren Fehlzeiten geführt hat. Und wie gehen Sie persönlich damit um, wenn ein vormals häufig kranker Mitarbeiter auf einmal zu fast 100 Prozent wieder da ist? Zunächst freue ich mich natürlich, wenn ein Mitarbeiter, der früher oft krankheitsbedingt gefehlt hat, jetzt kerngesund und voll präsent ist. Vielleicht hat sich seine gesundheitliche Situation verbessert oder er fühlt sich durch die Prämie zusätzlich motiviert. Ich gehe so etwas mit Fingerspitzengefühl an: Sollte mir so eine drastische Veränderung auffallen, suche ich im Rahmen eines lockeren Gesprächs den direkten Austausch. Dabei frage ich vorsichtig nach, ob alles in Ordnung ist und ob sich vielleicht die Umstände geändert haben. Wichtig ist mir, Anerkennung, Empathie und Fürsorge zu zeigen, nicht Misstrauen. Ich könnte zum Beispiel sagen: „Schön zu sehen, dass Sie in letzter Zeit so fit sind! Ich hoffe, Ihnen geht es gut damit. Bitte denken Sie daran: Wenn es Ihnen mal nicht gut geht, ist es völlig in Ordnung, sich krank zu melden – Ihre Gesundheit steht immer an erster Stelle.“ So vermittle ich, dass ich die verbesserte Anwesenheit wahrnehme und wertschätze, ohne Druck aufzubauen. Bisher habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Mitarbeiter das zu schätzen wissen. Einige haben mir rückgemeldet, dass sie tatsächlich ihr Wohlbefinden steigern konnten – etwa durch bewussteres Gesundheitsverhalten – und deshalb weniger ausfallen. Die Gesundheitsprämie ist eine durchaus umstrittene Maßnahme. Uns ist absolut klar, dass Krankheit kein Fehlverhalten ist und niemand absichtlich krank wird. Daher ist die Gesundheitsprämie auch kein Abbau sozialer Absicherung: Die gesetzliche Lohnfortzahlung im Krankheitsfall bleibt vollständig unangetastet. Vielmehr handelt es sich um eine freiwillige Zusatzleistung – ein Bonus, der Anwesenheit und Verlässlichkeit positiv würdigt, ohne jemanden unter Druck zu setzen oder krankheitsbedingte Abwesenheit zu sanktionieren. Wichtig war uns, dass niemand benachteiligt wird. Mitarbeiter mit chronischen Erkrankungen oder Schwangere sollen ausdrücklich geschützt sein. Unser Jurist hat uns in diesem Zusammenhang empfohlen, Sonderregelungen oder Kulanzlösungen in Einzelfällen abzusprechen, damit das Modell auch mit den Vorgaben des AGG vereinbar bleibt. Außerdem wies er darauf hin, dass solche Anwesenheitsprämien grundsätzlich zulässig sind, sofern sie klar geregelt sind, die Lohnfortzahlung unangetastet bleibt und die Kürzung der Anwesenheitsprämie nur in einem engen, rechtlich zulässigen Rahmen erfolgt. Eine Kultur der Angst oder des Drucks wollen wir in keinem Fall fördern. Präsentismus – also das Arbeiten trotz Krankheit – lehnen wir ausdrücklich ab und sprechen das auch regelmäßig offenan. Das Gespräch führte Laura Langer. „Wichtig ist mir, Anerkennung, Empathie und Fürsorge zu zeigen – und nicht Misstrauen.“ Dr. Daniel Engler-Hamm

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