52 | PRAXIS INTERVIEW MIT DER ZAHNÄRZTIN UND YOGALEHRERIN JOHANNA LEMCKE „Die Arbeit am Behandlungsstuhl erfordert dringend einen körperlichen Ausgleich“ Die Hamburger Zahnärztin Johanna Lemcke hat selbst erlebt, welche körperlichen Auswirkungen Stress und Fehlhaltung am Stuhl haben können. Als zusätzlich ausgebildete Yogalehrerin und Heilpraktikerin weiß sie, was gegen Rückenschmerzen, Verspannungen und Stress hilft. Hier erzählt sie auch, wie Praxisinhaberinnen und -inhaber ein betriebliches Gesundheitsmanagement einfach und niedrigschwellig in ihrer Praxis etablieren können. Frau Lemcke, Sie bieten seit 2012 für die Zahnärztekammer Hamburg eintägige Yogakurse an. Der Titel Ihrer nächsten Veranstaltung lautet „Ein Weg zum eigenen Ausgleich und zur entspannten Behandlungssituation.“ Klingt, als ginge es nur am Rande um körperliche Effekte. Johanna Lemcke:DasWortYogabedeutet „Verbindung“ – zum Beispiel zwischen Körper, Geist und Seele. Yoga ist eine ganzheitliche Übungsmethode, die zu mehr Gesundheit, Beweglichkeit, Ruhe und Ausgeglichenheit führen kann. Ein sanfter Weg zu mehr Fitness und einem besseren Körpergefühl, der einen anderen Ansatz verfolgt, als wir ihn aus Sportprogrammen kennen, und ohne Leistungsdruck. Nach einiger Übungspraxis wächst die Bewusstheit für die körperlichen und geistigen Bedürfnisse – es entsteht die Möglichkeit, rechtzeitig Verspannungen entgegenzusteuern und Stresssituationen im (Behandlungs-)Alltag zu mildern und die eigene Propriozeption weiter zu entwickeln. Dies geschieht durch Körperübungen, die zum Beispiel am Stützapparat arbeiten, also an den Muskeln, Sehnen, Bändern und Faszien – gleichzeitig auch an den Drüsensystemen, den Organen und der Psyche. Einen wesentlichen Anteil an der Wirkung hat auch die Atmung. Der Wechsel zwischen Entspannung und Aktivität löst Verspannungen, der Atem als verbindendes Element kombiniert alle Systeme. Gerade für Zahnärztinnen und Zahnärzte, die in ihrem Beruf stark gefordert sind und sich in permanenter körperlicher Nähe zu anderen Menschen – und somit in deren Energiefeld – befinden, ist es wichtig, achtsam in der Behandlung zu agieren und eine gute ArztPatienten-Beziehung aktiv zu gestalten. Indem ich lerne, mich selbst als Mensch und Behandelnde oder Behandelnder bewusster wahrzunehmen, meine Haltung und meine Atmung zu spüren, mich immer mehr zu zentrieren, nehme ich auch den Patienten auf einer anderen Ebene wahr. Ich kann empathischer und neutraler agieren und reagieren, wodurch sich selbst fordernde Behandlungssituationen für alle Seiten – auch für die Assistenz – entspannter gestalten lassen. Den Spaß an der Arbeit nicht verlieren, sich regenerieren mit kleinen, einfachen Maßnahmen und Übungen sowie Mikropausen einbauen, um nach Feierabend nicht völlig erschöpft zusein. Mein Kurs ist ein „Hands-on-Kurs“ ist ein Schnupperkurs, um Yoga durch das eigene praktische Tun auszuprobieren – denn nur so können wir die Wirkung des Yogas erfahren. Wie sind Sie selbst zum Yoga gekommen? Und wie sieht heute Ihre persönliche Yogapraxis aus? Ich bin zum Yoga letztlich durch den eigenen Leidensdruck gekommen – durch die in unserem Beruf so weit verbreiteten Rückenschmerzen. Auch, um mir einen Ausgleich zu schaffen und abzuschalten. Schon während des Staatsexamens haben mir meine Yogaübungen geholfen, ruhiger durch die Prüfungen zu gehen. Heute bin ich eigentlich jeden Tag „auf der Matte“, je nach Tagesprogramm mal kürzer, mal länger. Durch die langen Berufsjahre am Behandlungsstuhl bleibt ein gewisser struktureller Verschleiß sicherlich nicht aus, aber um möglichst lange beweglich zu bleiben, ist eine regelmäßige Übungspraxis notwendig. Welche Effekte bemerken Sie in Ihrem Behandlungsalltag? In meinem Behandlungsalltag versuche ich, eine möglichst neutrale Haltung einzunehmen, innerlich wie äußerlich. Professionalität und Gelassenheit auszustrahlen. Bin ich ruhig im Moment und habe eine zentrierte Basis in mir, so überträgt sich das auf den Patienten. Besonders bei Kindern und sehr ängstlichen oder sehr fordernden Klienten gelingen der Zugang und der Kommunikationsaufbau besser aus der Sicherheit von innen heraus. Durch eine positive, empathische Grundeinstellung und bewusstes „Pacing“ – eine einfache Technik aus der Hypzm116 Nr. 03, 01.02.2026, (146) Zahnärztin Johanna Lemcke ist seit 2016 in Hamburg niedergelassen. Sie hat zudem Zusatzausbildungen als Yogalehrerin (Kundalini-Yoga) und Heilpraktikerin absolviert. Foto: privat
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