PRAXIS | 53 nose – entwickelt sich das gesamte Behandlungsgeschehen angenehmer, und Vertrauen wird aufgebaut. Mit eingesetzten Techniken, wie zum Beispiel angeleiteten, kleinen Atemübungen oder der Wahrnehmung von weit entfernten Körperteilen, führe ich den Patienten in den Behandlungsablauf, ähnlich wie im Yogaunterricht. Sie haben erwähnt, dass Sie Ihr Angebot bewusst als Kurs konzipiert haben, in dem auch die Möglichkeiten anderer konventioneller Bewegungs- und Rückentrainings vermittelt werden. Wie kam es dazu? Schnupperkurs deshalb, weil ich die Hemmschwelle, sich an Yoga heranzutrauen, möglichst gering halten will – das impliziert Einfachheit. Und Yoga ist geeignet für jede und jeden, egal welche körperlichen Voraussetzungen und „sportlichen“ Vorerfahrungen vorhanden sind. Die Arbeit am Behandlungsstuhl erfordert einen körperlichen Ausgleich, einseitige Haltung und stereotype Handgriffe fordern den Halte- und Stützapparat extrem. Auch das Nervensystem ist durch die Nähe zu anderen Menschen mehr gefordert als zum Beispiel eine Arbeit am Schreibtisch. Als ich mit meinen Kursen 2010 begann, war die Vorstellung von Yoga noch eher vom sich verknotenden, überaus flexiblen indischen Yogi geprägt – heute eher das in eng anliegenden Lifestyleklamotten gewandete It-Girl, das Influenzend leichtfüßig über die Bildschirme turnt … Das motiviert den normalen Durchschnittsmenschen wenig, und es gibt immer genug Gründe, Wichtigeres zuerst zu erledigen, anstatt sich um sich selbst zu kümmern. Meine Ausbildungen basieren zum größten Teil auf dem Kundalini-Yoga (etwa mit „Yoga der Energie“ zu übersetzen), das weniger bekannt ist als das Hatha-Yoga mit seinen vielfältigen Erscheinungsformen. Zwischen Hathaund Kundalini-Yoga gibt es aber viele Überschneidungen. Ich versuche, im Kurs den Teilnehmenden eine Art Erfahrungsüberblick zu geben und sie zu motivieren, für sich ein „Zuhause“ im Yoga zu finden oder die Scheu zu überwinden, sich regelmäßig für eine für sie geeignete Praxis zu öffnen. Dabei schaue ich natürlich auch nach links und rechts, haben doch andere Bewegungstechniken viel zu bieten oder basieren gar auf Yogatechniken. Wie heißt es doch so schön: Wer heilt, hat recht. Also findet auch die eine oder andere, zum Beispiel aus dem Pilates oder Qigong bekannte Übung, ihren Eingang in meinen Kurs; Feldenkreis, Liebscher-Bracht … Was mir gut tut, kann den Kolleginnen und Kollegen auch nicht schaden. Mit welchen Anforderungen kommen Teilnehmende in Ihre Kurse? Und wie haben sich deren Bedürfnisse in den letzten Jahren verändert? Es wird nach Entspannung gesucht, mal weniger zu „müssen“ als „ausprobieren zu dürfen“. Dies ist ein Kurs, um vielleicht erste Erfahrungen zu machen im Yoga – es gibt aber durchaus auch Teilnehmer, die wieder kommen. Interessant ist, dass in den vergangenen Jahren zunehmend, manchmal mehr als 50 Prozent männliche Kollegen sind. Wir machen keinen Sport, aber bewegen uns dennoch gezielt. Ohne Konkurrenz oder Leistungsdruck arbeitet jeder für sich allein auf der Matte. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind heute weniger von Neugier angetrieben, Yoga ist ja schon längst im Mainstream angekommen. Vielmehr suchen sie nach Möglichkeiten der Entspannung und einem Ausgleich zum hektischen Leben. Es werden Techniken und Übungen vermittelt, die bei regelmäßiger Übung diesem Anspruch gerecht werden können. Und auch, wenn die Regelmäßigkeit im eigenen Alltag nicht umgesetzt werden kann, bleibt doch die Erfahrung eines wohltuenden Workshops und bei Bedarf ein Hand-out zum Nachschlagen. Was raten Sie Praxischefs und -Chefinnen, die ein niedrigschwelliges Angebot zur Vorbeugung von Haltungsschäden und zum besseren Stressmanagement im Team einführen wollen? Ganz weit vorne steht hier: Vorbild sein, Bewusstheit für Arbeitsabläufe und wiederkehrende unangenehme Situationen in Bezug auf Stress entwickeln, Hinweise geben auf Haltungen am Stuhl, wechselnde Arbeitshaltungen sowie Sitzpositionen ermöglichen. Immer wieder die eigene Position überprüfen. Mikropausen einlegen. Das erfordert, inneres Gewahrsein und Augenmerk auf die eigene Propriozeption zu legen. Einfache Übungen aus dem Kurs können gern weitergegeben werden für die Lockerung zwischendurch oder man ermöglicht den Mitarbeiterinnen eine eigene Kursteilnahme. Das Wichtige ist dranbleiben! Wie alles im Leben bedarf es einer regelmäßigen Wiederholung, um Prozesse zu implementieren und zu verinnerlichen – und das am besten mit Spaß und Freude. Das Gespräch führte Marius Gießmann. zm116 Nr. 03, 01.02.2026, (147) Mir liegt viel daran, meine positiven Erfahrungen mit Yoga an meine Kolleginnen und Kollegen weiterzugeben und ihnen möglicherweise neue Entwicklungsräume zu eröffnen.
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=