zm116 Nr. 03, 01.02.2026, (172) 78 | ZAHNMEDIZIN angebracht – im Korpusbereich sehr auftragend sind. Beispielsweise bei Schleimhaut-getragenen Totalprothesen führt dies häufig zu Druckstellen und konsekutiv zu einem Durchtreten der Platten durch die Schleimhaut mit der Folge von Entzündungen. Je nach Ausmaß sind dabei unter Umständen Re-Operationen die Folge, die gerade bei multimorbiden Patienten umgangen werden sollten. Mit speziell hergestellten, patientenindividuell gefertigten und angepassten Osteosyntheseplatten (patientenspezifisches Implantat; PSI) – wie in diesem Patientenbeispiel – kann dies erfolgreich verhindert werden. Das CAD/CAM-Verfahren hat sich im vergangenen Jahrzehnt zum Standardtherapieregime bei komplexen Rekonstruktionen in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie entwickelt. So werden komplexe mehrwandige Orbitafrakturen heute bevorzugt mit PSIs rekonstruiert [Hajibandeh und Lee, 2022]. In der Orthognathie erfolgt bereits präoperativ die detailgetreue Berechnung der Zielpositionen von Ober- und Unterkiefer, die mittels speziell dafür hergestellten PSIs die Kiefer in der entsprechenden Zielposition fixieren [Li und Leung, 2023]. Ebenfalls etabliert und nicht mehr wegzudenken ist heutzutage die CAD/CAM-basierte Rekonstruktion in der Onkologie nach einer (Teil-)Resektion des Unter- oder auch des Oberkiefers. Mit diesem Verfahren lassen sich durch eine virtuelle Zahnaufstellung bereits präoperativ die richtige Kiefer- und später auch Zahnimplantation bestimmen, was neben einer Verkürzung der Operationsdauer zu einer verbesserten Patientenversorgung beiträgt [Rothweiler et al., 2022; Steybe et al., 2022]. Das CAD/CAM-Verfahren wurde erstmals in den 1960er-Jahren für die Anwendung in der Automobil- und der Luftfahrtindustrie entwickelt. Erst ein Jahrzehnt später wurde der erste Einsatz im zahnmedizinischen Bereich beschrieben. Durch den Franzosen François Duret wurde mittels einer numerisch gesteuerten Fräsmaschine erstmalig eine für einen präparierten Zahnstumpf individuell hergestellte Krone produziert [Davidowitz und Kotick, 2011]. Voraussetzung zur Herstellung von PSIs oder auch von Rekonstruktionen ist adäquates Bildmaterial. Empfohlen wird von den verschiedenen Herstellern eine Voxelgröße ≤ 1mm, wobei DVT-Aufnahmen aufgrund der schlechter dargestellten Strukturen (im Vergleich zum CT) meist keine Verwendung finden können. Anhand der segmentierten Daten werden dann die Rekonstruktionen durchgeführt und präoperativ virtuell mit den Operateuren besprochen. Abschließend werden die PSIs und gegebenenfalls auch die Bohrschablonen (drilling guides) produziert. Deren Lieferung erfolgt abschließend just in time zur Operation. Zu den Nachteilen des CAD/CAM-Verfahrens zählen sicherlich die höheren Kosten und die Fertigungsdauer im Vergleich zu einer konventionellen operativen Therapie – allerdings stehen dem die Vorteile gegenüber, die im hier präsentierten Fall geschildert wurden. So kann durch die virtuelle Planung nicht nur ein gutes Repositionsergebnis erreicht, sondern beispielsweise auch durch Angulation der Schrauben das Risiko einer Schädigung des N. alveolaris inferior minimiert werden [Caruso et al., 2024]. Zudem kommt es durch die mögliche basale Positionierung des PSIs – wie in diesem Fall – in der Regel zu keinen Einschränkungen beim Tragen einer rein Schleimhaut-getragenen Unterkiefer-Totalprothese. n Abb. 2: Virtuelle Planung der doppelten Unterkieferfraktur präoperativ: Dargestellt ist der Status vor und nach Repositionierung (a), der final geplante Zustand mit einliegendem PSI (b) und einliegenden drilling guides (c). ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden.
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