Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 4

30 | ZAHNMEDIZIN entlang des N. alveolaris inferior aus und kann eine trophische Schädigung des Knochens hervorrufen. Die Kombination aus vaskulärer Ischämie, neuraler Schädigung und bakterieller Superinfektion schafft eine pathologische Situation, die der Medikamenten- oder Strahlen-induzierten Osteonekrose ähnelt, die jedoch ohne die entsprechenden Risikofaktoren auftritt [Asha, 2014; Huang, 2024]. Neuere molekularbiologische Studien konnten den Virusnachweis direkt im nekrotischen Knochen erbringen. Huang et al. wiesen mithilfe von NextGeneration-Sequencing VZV-DNA in den betroffenen Arealen nach und bestätigten so die direkte virale Beteiligung an der Pathogenese [2024]. Diese Erkenntnis stützt die Hypothese einer primär vaskulopathischen Genese mit sekundärer Knochenischämie. Parallel dazu beschrieb Park in einer systematischen Übersichtsarbeit mit mehr als 60 publizierten Fällen, dass über 80 Prozent der Patientinnen und Patienten systemische Risikofaktoren wie Diabetes, eine HIV-Infektion, eine Tumorerkrankung oder eine medikamentöse Immunsuppression aufwiesen [2024]. Besonders gefährdet sind ältere Patienten mit eingeschränkter Immunabwehr oder vaskulären Begleiterkrankungen. In Einzelfällen kann die Erkrankung aber auch bei immunkompetenten Personen auftreten [Faure, 2021; Chatterjee, 2023]. In den publizierten Fallserien war der Unterkiefer häufiger betroffen als der Oberkiefer (Verhältnis etwa 3,5 zu 1). Der Krankheitsbeginn liegt meist zwischen der zweiten und der vierten Woche nach den Hauteffloreszenzen, kann aber auch verzögert auftreten [Mintz, 1992; Badjate, 2009]. Typisch ist ein einseitiger Verlauf entlang der betroffenen Nervenäste, auch mit spontaner Zahnexfoliation, freiliegendem Knochen und (manchmal) persistierender Neuralgie. Differenzialdiagnostisch müssen die MRONJ, die Osteoradionekrose und die bakterielle Osteomyelitis ausgeschlossen werden. Wenn diese Ursachen fehlen und eine zeitlich assoziierte Herpes-Zoster-Infektion besteht, ist die Diagnose einer HZ-assoziierten Osteonekrose naheliegend [Aghaloo, 2017]. Der Therapieansatz richtet sich nach dem Krankheitsstadium. In der akuten Zosterphase steht die antivirale Therapie mit Aciclovir oder Valaciclovir im Vordergrund, um die Virusreplikation und die Dauer der Neuralgie zu reduzieren [Gan, 2013; Nagel, 2013]. Nach dem Sistieren der akuten Entzündung kann eine chirurgische Sanierung erfolgen. Frühere Berichte haben eine ausgedehnte Resektion empfohlen [Hall, 1974], doch neuere Fallserien zeigen, dass ein reduziert-invasives Vorgehen mit gezielter Sequestrotomie und sorgfältiger lokaler Wundpflege in den meisten Fällen ausreichend ist [Kaur, 2016; Park, 2024]. Nach dem Abklingen der aktiven Virusphase ist zu erwarten, dass die lokale Vaskulitis erloschen ist und sich die Mikrozirkulation im umliegenden Knochen normalisiert hat. Unter diesen Bedingungen kann die Knochenheilung erfolgreich verlaufen. Im beschriebenen Fall wurde nach der Sequestrotomie, die eine ausgedehnte Knochenwundfläche hinterließ, ergänzend PRF appliziert, um die Weichgewebsheilung zu fördern und zugleich auf eine plastische Deckung verzichten zu können. Der Einsatz von PRF bot dabei eine biologische Unterstützung der sekundären Schleimhautheilung und ermöglichte eine nahezu komplikationslose Wundregeneration trotz dergroßflächigenExposition.Klinische Studien belegen eine beschleunigte epitheliale Regeneration und eine geringere Inzidenz von Wunddehiszenzen nach PRF-Anwendung [Temmerman, 2016]. Ein solcher Heilungsverlauf wäre bei Medikamenten-assoziierten oder Strahlen-bedingten Osteonekrosen in der Regel nicht zu erwarten, da dort (unter anderem) eine persistierende Gefäßschädigung und eine chronische Ischämie bestehen. Im Gegensatz dazu ist die Durchblutung bei der HerpesZoster-assoziierten Osteonekrose nach Abklingen der akuten Vaskulitis meist wiederhergestellt, was eine weitgehend physiologische Regeneration des Gewebes ermöglicht. Die Knochenszintigrafie zeigte in diesem Fall eine deutliche lokale Mehranreicherung, wie man sie in vergleichbarer Intensität auch bei Medikamenten-assoziierten oder Strahlenbedingten Osteonekrosen beobachten kann. Während bei diesen Entitäten aufgrund der chronischen Ischämie meist ausgedehnte, teils kontinuitätsunterbrechende Resektionen erforderlich sind, unterscheidet sich die Pathophysiologie der Herpes-Zosterassoziierten Osteonekrose grundlezm116 Nr. 04, 16.02.2026, (220) ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden. Abb. 5a: Präoperative Knochenszintigrafie: Hier zeigt sich eine mäßige bis kräftige Mehranreicherung im Unterkiefer rechts in Regio 41 bis 48. In Zusammenschau mit dem DVT ist der Befund im rechten Unterkiefer vereinbar mit einer Osteonekrose. Im übrigen Skelett zeigen sich keine weiteren signifikanten Anreicherungsherde. Abb. 5b: Knochenszintigrafie sechs Monate postoperativ: Es zeigt sich eine deutlich regrediente, allenfalls noch dezente Knochenstoffwechselsteigerung im rechten Unterkiefer. Der Befund ist vereinbar mit Konsolidierungsprozessen.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=