Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 4

56 | ZAHNMEDIZIN Diskussion Die medizinische Versorgung hochbetagter Menschen gewinnt aufgrund der demografischen Entwicklung in Industrienationen wie Deutschland und der damit verbundenen stetig steigenden Lebenserwartung zunehmend an Relevanz. So lag in den 1950er-Jahren der Anteil der über 80-jährigen Hochbetagten an der deutschen GesamtbevölkerungbeirundzweibisdreiProzent(über 65-Jährige: sieben bis acht Prozent), 2023 waren dies bei den über 80-Jährigen acht bis zehn Prozent (über 65jährige 22 bis 23 Prozent) [BiB, 2024]. Mit dem gestiegenen Altersdurchschnitt der Bevölkerung wuchs auch die Anzahl der hochbetagten Menschen, die eine regelmäßige zahnärztliche Betreuung benötigen. In der beruflichen Praxis begegnen Zahnmedizinerinnen und Zahnmediziner somit häufiger Patientinnen und Patienten, die durch Alterungsprozesse, Komorbiditäten und eine durch verschiedene Faktoren bedingte reduzierte Mundgesundheit besondere Anforderungen an die Behandlung stellen [Halling & Weigl, 2022]. Altern & Mundgesundheit Neben generellen Alterungserscheinungen im Sinne eines abnutzungsbedingten Verschleißes von Zahnhartsubstanzen und vorhandenen Restaurations- beziehungsweise Zahnersatzmaterialien sind auch der altersbedingte Rückgang der Speichelsekretion (direkte Folge: erhöhte Kariesanfälligkeit) und ebenso Parodontalerkrankungen im höheren Alter häufiger anzutreffen [Khanagar et al., 2020; Pina et al., 2020]. Ein weiterer Faktor, der zu einer verminderten Mundgesundheit führen kann, ist die bei vielen älteren Menschen reduzierte Fähigkeit zur Mundhygiene, sei es durch motorische Einschränkungen, reduzierte kognitive Fähigkeiten oder eine eingeschränkte Mobilität [Grönbeck Lindén et al., 2017]. So wird eine lebenslang erlernte und trainierte Mundhygiene zunehmend beschwerlich, mit der Folge, dass die daraus entstehende Verschlechterung der Mundgesundheit zur Verstärkung der angesprochenen verschiedenen oralen Erkrankungen führt. Darüber hinaus treten im Alter häufig systemische Erkrankungen auf, die indirekt und direkt orale Veränderungen hervorrufen [Kahm & Yang, 2024] oder Auswirkungen auf die Behandelbarkeit haben. Diese Erkrankungen – häufig leiden die Patienten an mehreren gleichzeitig – sowie deren medikamentöse Behandlung, die viele ältere Menschen in Form von Polypharmazie erhalten, beeinflussen folglich nicht nur zm116 Nr. 04, 16.02.2026, (246) FAZIT FÜR DIE PRAXIS n Mit der Variante des „Immediate“ beziehungsweise „Ovate Pontic“ konnte die Unterkiefer-Frontzahnlücke der Patientin in einem zügigen, gering invasiven und relativ kostengünstigen Therapieverfahren versorgt werden. n Generell stellt sich bei der Behandlung hochbetagter Menschen die Frage, wie viel Pragmatismus zahnmedizinisch vertretbar ist und wie weit eine Kompromisslösung gehen darf. n In der Praxis heißt das oft: Behandlungskonzepte für Ältere und Hochbetagte sollten individuell, funktional, wartungsarm und zugangsfreundlich sein – nicht zwangsläufig technisch maximal. Abb. 14: Das nach dem adhäsiven Lückenschluss zur parodontalen Diagnostik angefertigte Orthopantomogramm zeigt die Versorgung Regio 31 (mit jeweils mesial und distal des Ersatzzahns ausreichend Freiraum für die Interdentalhygiene), eine Lückensituation Regio 16 sowie diverse röntgenopake und nicht röntgenopake Restaurations- beziehungsweise Reparaturmaterialien. Foto: UKT

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