ZAHNMEDIZIN | 57 die Mundgesundheit, sondern auch die Wahl der therapeutischen Interventionen [Anliker et al., 2023; Halling & Weigl, 2022]. Die Anzahl der Komorbiditäten nimmt bei Hochbetagten noch weiter zu [Vos et al., 2022]. Hier ist die enge Verknüpfung verschiedener medizinischer Fachbereiche notwendig, um das Komplikationsrisiko durch zahnärztliche Eingriffe wie auch durch die Folgen von (gegebenenfalls nicht ausreichend behandelten) oralen Erkrankungen zu minimieren. Patientenzentrierter Pragmatismus Zusammenfassend lässt sich folgern, dass Konzepte, die bei einem Großteil der jüngeren und gesunden Patientinnen und Patienten zur Patienten- und zur Behandlerzufriedenheit führen, oftmals nur eingeschränkt zur Behandlung der Patientengruppe der Hochbetagten geeignet sind. Ein großer Teil der zahnmedizinischen Behandlungskonzepte fokussiert sich meist auf routinierte Eingriffe bei gesunden, gut behandelbaren Patienten [Gibson et al., 2022]. Zugleich kann davon ausgegangen werden, dass Zahnärztinnen und Zahnärzte das Bestmögliche bieten wollen, aber realisieren müssen, was für die konkrete Patientin / den konkreten Patienten sinnvoll und machbar ist – mit Blick auf Lebenszeit, Funktion, Belastung und Ressourcen. Daraus ergibt sich nun bei den Hochbetagten ein Spannungsverhältnis zwischen einer „State of the Art“-Therapie und einem altersadaptierten, pragmatisch-adäquaten Behandeln [Allen, 2019]. Da Alterungsprozesse zudem sehr individuell verlaufen, ist die Bandbreite von rüstigen bis hin zu stationären Patienten in Pflegeeinrichtungen enorm, weshalb in einer Gesamtschau aller Patientenfaktoren, die Hochbetagte mitbringen, ein geeignetes, individuell abgestimmtes Therapie- und Prophylaxekonzept angestrebt werden sollte. Zahnerhalt auch im hohen Alter Während in der Vergangenheit häufig der Zahnersatz als primäre Lösung für die Zahngesundheitsprobleme älterer Menschen angesehen wurde, richtet sich aufgrund der vielfach noch höheren Zahnanzahl der Hochbetagten [IDZ, 2021] der Fokus heute neben der prothetischen Versorgung verstärkt auch auf Zahnerhaltung und Prävention beziehungsweise Prophylaxe. So kann mittels adhäsiver Kompositrestaurationen oder auch Kompositschienungen eine funktionelle, geschlossene Zahnreihe langfristig erhalten werden [Allen, 2019]. Die Komposit-basierte Schienung parodontal kompromittierter Zähne in einer geschlossenen Zahnreihe mit einem Verstärkungsband aus Polyethylen oder Glasfaser zeigt in der herkömmlichen Anwendung akzeptable Überlebensraten von circa 75 bis 84 Prozent nach drei Jahren [Sonnenschein et al., 2017; Zhang et al., 2023] sowie positive Effekte auf den Zahnerhalt [Sonnenschein et al., 2017]. Zu dem in diesem Patientenfall dargestellten Anbringen eines konfektionierten Prothesenzahns im Rahmen einer parodontalen Schienung bei vorhandener Lückensituation ist die Datenlage dagegen sehr spärlich, es finden sich lediglich wenige Daten zu Schienungen mit extrahierten, wiederbefestigten Zähnen – sogenannten „Immediate“ oder „Ovate Pontics“. Deren eigentliche Anwendung ist die temporäre Versorgung von Lückensituationen, zum Beispiel vor einer weiteren prothetischen Versorgung [Dimaczek & Kern, 2008] oder bei der Versorgung von Patienten mit einer schwer verlaufenden Parodontitis und den daraus entstehenden Lückensituationen [Rana et al., 2025]. Im Rahmen eines pragmatischen Behandelns hochbetagter Patienten, die aufgrund von Komorbiditäten nicht mehr in der Lage sind, längere Therapiesitzungen wahrzunehmen, ist die Nutzung einer „Immediate Pontic“ oder die in diesem Fall dargestellte Variante mit einem Kunststoff-Prothesenzahn eine Option, die zumindest für eine mittelfristige Dauer diskutiert werden kann. Die größten Vorteile dieser Therapievariante sind die kurze Behandlungsdauer, die geringe Invasivität, eine nahezu vollständige Reversibilität und moderate Kosten. Bei der Wahl eines Verstärkungsbandes kann auf Glasfaser-verstärkte Bänder oder auf Polyethylenbänder zurückgegriffen werden. Aus praktischer Sicht sind Polyethylenbänder – vor allem bei einer verschachtelten Zahnstellung – oft einfacher anzuwenden als Glasfaserbänder, da diese starrer und weniger gut an die Frontzahnreihe adaptierbar sind. Nachteilig sind vor allem Alterungsprozesse der Schienungsmaterialien, unter anderem das „Quellen“ von Schienungsbändern und die erhöhten Versagensraten nach etwa drei bis fünf Jahren [Zhang et al., 2023]. Verlauf und Nachsorge Gerade bei Hochbetagten gilt, dass man die oft mehrfach vorliegenden oralen Erkrankungen nicht außer Acht lassen sollte. In diesem Fall konnte die Patientin nach erfolgter Schienung wieder zur Aufnahme der UPT motiviert werden. Das entsprechend der parodontalen Befunderhebung empfohlene Intervall sah die Patientin aufgrund ihrer eingeschränkten Mobilität trotz ausführlicher Aufklärung als zu häufig an, so dass auch hier ein vertretbares Kompromissintervall gewählt wurde. Die Einjahreskontrolle der Schienung konnte im Herbst 2024 durchgeführt werden, die Schienung leistete weiterhin die gewünschte Funktion, Schäden am Prothesenzahn oder am Schienungsmaterial konnten bisher nicht festgestellt werden. n zm116 Nr. 04, 16.02.2026, (247) Johannes Österreicher Poliklinik für Zahnerhaltung, Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Universitätsklinikum Tübingen, Eberhard Karls Universität Tübingen Osianderstr. 2–8, 72076 Tübingen Johannes.Oesterreicher@ med.uni-tuebingen.de Foto: privat
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