GESELLSCHAFT | 63 zugang gab es irgendwann, allerdings nur eingeschränkt. Für viele Kenianer ist es herausfordernd, sich schriftlich ausdrücken und Englisch ist weder ihre noch unsere Muttersprache. Daraus können Missverständnisse entstehen – das müssen wir immer im Blick haben. Manches dauert schlicht länger und man braucht Geduld. Dennoch ist das in den seltensten Fällen schlimm, Hauptsache die Richtung stimmt. Schnelligkeit ist ein vermeintlich erstrebenswertes Attribut unserer westlichen Welt. Langsamere und stetige Prozesse bringen aber oft mehr Nachhaltigkeit. Welche Patientengeschichte symbolisiert für Sie die Notwendigkeit der Arbeit des Vereins? Da fällt mir sofort mein erster Patient in unserer ersten Praxis in Nyabondo ein. Eigentlich ein unspektakulärer Fall: Der Mann litt jahrelang unter Zahnschmerzen, davon konnte ich ihn binnen weniger Minuten durch eine einfache Extraktion befreien. Diese Fälle haben sich im Laufe der Jahre zuhauf wiederholt und geben uns allen jedes Mal ein gutes Gefühl: Es ist das Kleine mit großer Wirkung für den einzelnen Patienten. Das ist übrigens auch immer mein Antrieb gewesen über all die vielen Jahre ehrenamtlicher Arbeit inAfrika. Wir haben in Kenia daneben natürlich viele schlimme Krankheitsbilder gesehen, die uns sehr betroffen gemacht haben, da sie sich in Deutschland so nie entwickelt hätten. Bei uns gibt es schnellen Zugang zu medizinischer Hilfe, während das in Kenia vor allem aufgrund der finanziellen Herausforderungen und der unzureichenden medizinischen Angebote oft nicht so ist. Die vielen ehemaligen Patenkinder der Projekte übernehmen heute Aufgaben und Verantwortung vor Ort. Welche Lebenswege berühren Sie besonders? Zum Beispiel der meines ersten Patenkindes Alfred, der Waise ist, wie alle in dem Projektzweig mit weit mehr als tausend Patenkindern. Er war damals 13 Jahre alt, als ich ihn das erste Mal getroffen habe. Ein ruhiger Junge, schüchtern und zurückhaltend, wie viele der geförderten Kinder. Trotzdem hatte er bereits eine gewisse Lebensweisheit verinnerlicht. Schon in dem jungen Alter zeigte er sich geduldig, besonnen und mit dem Blick für andere. Seine Art hat mich bereichert. Und mir fällt noch Francis ein. Das ist ein junger Mann, der mit Feuereifer Oral Health Officer werden wollte und das auch geschafft hat. Er stand uns Einsatzleistenden immer von früh bis spät zur Seite, hat geholfen, war wissbegierig und hatte den Ansporn, das Maximum aus sich herauszuholen. Er war ein Waisenkind ohne jegliche Familie. Ich kann mich erinnern, dass er in Nyabondo im Krankenhaus hinten in der Küche auf einer Matratze geschlafen hat. Seine ganze Habe konnte er in einem Stoffbeutel unterbringen. Heute arbeitet er zwar nicht in unseren Projekten, aber er leistet gute zahnärztliche Arbeit und ist anerkannt. So was beeindruckt mich! Faszinierend ist, wie Menschen, die unter ganz schlechten Bedingungen groß werden, sich durch unsere Unterstützung entwickeln. Was macht eine ausbalancierte und nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit aus und wie ist sie umsetzbar? Wir unterstützen die Menschen, die vor Ort sind und mit denen wir zusammenarbeiten dabei, sich zu entfalten. Wichtig ist, dass wir diese Ressourcen erkennen, ihre Lösungen hören und akzeptieren. Wir sind keine Heilsbringer, sondern Partner auf Augenhöhe. Sie sind die Experten in ihrem Land, nicht wir. Das ist eine ständige Herausforderung, die wiederum durch gute Kommunikation und durch den Abgleich von Zielen und Meinungen umgesetzt werden kann. Welche Entwicklungen in der zahnmedizinischen Versorgung in Kenia machen Ihnen Hoffnung? Da ist nicht nur die Förderung von Einzelpersonen, sondern auch die Weiterbildung der Zahnärzte und Community Oral Health Officer (COHOS) oder der Mitarbeitenden in den Zahnstationen sowie auch die Zusammenarbeit mit Universitäten. Und dann ist da auch noch das neue Projekt durch Unterstützung der apoBank-Stiftung mit Gesundheitsarbeitern, sogenannten Community Health Volunteers, mit deren Hilfe wir ganz einfache Menschen erreichen, die wenig Wissen über Prävention, Prophylaxe und Gesundheit haben. Diese Gesundheitsarbeiter sind auch die Schnittstelle zu den allgemeinmedizinischen Bereichen wie HIV-Aids und Malaria. Das zusammen ist ein großes Potenzial und sichert Nachhaltigkeit. Nochmal: Wenn Patenkinder sich selbst zu Mitarbeitenden im Gesundheitswesen entwickeln, schließt sich der Kreis und wir haben etwas sehr Wertvolles erreicht. Das Bewusstsein für Zahngesundheit ist im letzten Jahrzehnt zwangsläufig gewachsen – auch durch das Überstülpen von europäischen und US-amerikanischen Gesundheits- oder Lebensgewohnheiten, durch das Verlassen der traditionellen afrikanischen Ernährungsweisen. Konzerne wie Coca-Cola üben negativen Einfluss aus, dringen mit schädlichen Produkten ins Leben der Menschen – und das hat negative Konsequenzen, besonders auch für die Zahngesundheit. Wir tun also gut daran, in Kooperation mit dem lokalen Gesundheitswesen aufzuklären und mit auszubilden. Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft von DfA? Dass wir noch mehr an der Gleichberechtigung aller Projektpartner arbeiten und das postkoloniale Denken ganz überwinden. Es geht darum, die Menschen vor Ort zu ihrer Sichtweise zu hören und zu akzeptieren. Dann werden Projekte auch nachhaltig. Gute Kommunikation und Vertrauen in die lokalen Ressourcen sind wichtige Träger von erfolgreicher Projektarbeit im Ausland. Das Gespräch führte Anne-Kristin Henker, Programm-Managerin Dentists for Africa. Dr. Hans-Joachim Schinkel Foto: DfA zm116 Nr. 04, 16.02.2026, (253)
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