POLITIK | 67 zm116 Nr. 04, 16.02.2026, (257) „Eine Steuerung bietet Stabilität, Orientierung und Übersicht“ Eine konsequent gesteuerte Primärversorgung ist der Schlüssel für ein modernes, leistungsfähiges und patientennahes Gesundheitssystem. Sie sorgt dafür, dass Menschen verlässlich orientiert, medizinisch sinnvoll begleitet und bedarfsgerecht versorgt werden. Dabei geht es nicht darum, Leistungen einzuschränken, sondern im Gegenteil: um eine besser koordinierte, hochwertigere und sicherere Versorgung. Gerade in einer zunehmend komplexen Versorgungslandschaft bietet die hausärztliche Primärversorgung Orientierung, Stabilität und Übersicht. Hausarztpraxisteams begleiten ihre Patientinnen und Patienten oft über viele Jahre. Diese kontinuierliche Beziehung ist zentral für eine wirksame Patientensteuerung: Sie reduziert unkoordinierte Facharztkontakte, vermeidet Doppeluntersuchungen und verhindert unnötige Wege im System. Gleichzeitig stärkt sie die Versorgungskontinuität – insbesondere für chronisch erkrankte oder besonders vulnerable Menschen. Mit der geplanten Einführung eines verbindlichen Primärversorgungssystems in der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) und im Kollektivvertrag setzt die Bundesregierung eine bedeutende gesundheitspolitische Weichenstellung. Durch die hausärztliche Steuerung werden überlastete Facharztpraxen von leichten Routineanlässen entlastet, sodass Patientinnen und Patienten mit dringenden Anliegen schneller einen Termin erhalten. Die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) zeigt seit Jahren, wie ein modernes Primärversorgungssystem in der Praxis funktioniert: wissenschaftlich validiert, fest etabliert und millionenfach genutzt – eine Struktur, auf die die Politik aufbauen kann. Mit dem Transformationskonzept „HÄPPI“ bietet die HZV Hausarztpraxen eine zukunftsfähige Entwicklungsperspektive. Mit multiprofessionellen Teams, digitaler Unterstützung und konsequenter Patientenzentrierung wird die hausärztliche Versorgung leistungsfähiger, effizienter und resilienter – und ist damit problemlos in der Lage, die vom ZI kalkulierten zusätzlichen zwei Patientenkontakte pro Tag im Primärarztsystem zu bewältigen. HZV und HÄPPI schaffen gemeinsam ein modernes, starkes Primärarztsystem – sicher, effizient und zukunftsfest. „Die Hausärzte allein werden das nicht stemmen können!" Der Ansatz des Primärarztsystems zur effizienteren Steuerung von Patienten ist gut, aber aus gesundheitsökonomischer Sicht unzureichend. Denn er fokussiert sich auf ein Nadelöhr und die ohnehin schon knappen Ressourcen in den hausärztlichen Praxen. Es ist kaum realisierbar, bei dem Ansatz allein auf sie zu setzen. Bereits jetzt besteht ein Mangel an Hausärzten, und dieser wird sich in den kommenden Jahren verstärken, da viele in den Ruhestand gehen und nicht für jeden ein Nachfolger kommt – gerade im ländlichen Raum. Kurz: Die hohe Nachfrage an Leistungen steht einem knappen Angebot an Behandlern gegenüber. Hier gilt es zu überlegen, ob die Aufgaben auch von anderen Gesundheitsfachberufen wie Pflege und MFA mitgesteuert und getragen werden könnten. Auch bei ganz konkreten Fällen, wie etwa einem offensichtlichen Augenleiden, sollte der Patient direkt zum Facharzt können und keine extra Schleife drehen müssen. Ein gesundheitsbezogenes Bonusprogramm könnte zudem dazu beitragen, die koordinierte Inanspruchnahme von Leistungen zu fördern, Prävention und Eigenverantwortung zu stärken sowie gleichzeitig die Akzeptanz eines Primärarztsystems spürbar zu erhöhen. Weiter müssten verbindliche Standards für digitale Ersteinschätzung, Navigation und koordinierte Versorgung festgelegt und angemessen vergütet werden. Die Steuerung muss dabei multiprofessionell organisiert werden: Hausärzte können die zentralen Akteure bleiben, dürfen aber nicht allein verantwortlich sein. Sie allein werden das nicht stemmen können. Weiteres Gesundheitspersonal, Telemedizin und regionale Versorgungszentren müssten systematisch eingebunden werden. Das Wichtigste ist dann im nächsten Schritt: Transparenz und eine gute Kommunikation, denn Patienten müssen verstehen, welche Wege vorgesehen sind – und welchen persönlichen Nutzen sie davon haben. Patientensteuerung ist keine Frage von Disziplin, sondern von Systemdesign. Der Gesetzgeber und die Selbstverwaltung sind nun gefordert, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Es geht weniger um Kostenersparnis als mehr darum, die Nachfrage besser zu steuern. Es geht darum, zu selektieren und damit die Qualität des Systems zu verbessern. Fotos: Alexander Limbach – adobe.stock.com, HÄVBW/Jan Winkler, Beivers PRIMÄRARZTSYSTEM: WAS SAGEN DIE FÜRSPRECHER? WELCHE BEDENKEN GIBT ES? DISKUSSION Dr. Susanne Bublitz Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Baden-Württemberg Andreas Beivers Professor für Gesundheitsökonomie, Hochschule Fresenius München
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