zm116 Nr. 04, 16.02.2026, (262) 72 | ZAHNMEDIZIN tungen der Gingiva zu provozieren. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass ein gut angelegter Retraktionsfaden die Gingiva in der Regel ausreichend schützt, sofern vor Applikation des Retraktionsfadens eine vollständige Blutstillung erreicht werden konnte. Wenn eine Kontamination mit Speichel oder Blut auftritt und es nicht möglich ist, die Oberflächen erneut zu sandstrahlen, werden in der Literatur folgende Empfehlungen gegeben [Duarte et al., 2005; Yoo und Pereira, 2006; Yoo et al., 2006; Sattabanasuk et al., 2006; Chang et al., 2010], die je nach Zeitpunkt der Kontamination, nach vorheriger Spülung mit Wasser und anschließender Trocknung, variieren: Kontamination tritt auf: 1. nach Ätzen mit Phosphorsäure -> Ätzen wiederholen, gegebenenfalls für eine kürzere Zeit, 2. nach Primer-Auftrag -> Primer-Auftrag wiederholen, 3. nach Bonding-Auftrag -> Primer- und Bonding-Auftrag wiederholen. Die Einwirkzeit des Primers sollte immer verlängert werden. Im vorliegenden Fall wurde die Wurzeloberfläche am zervikalen Rand ebenfalls leicht präpariert, um anhaftende Verfärbungen oder Zahnstein und Wurzelzementreste zu entfernen [Freeman, 1989], die eine optimale Haftung in diesem Bereich verhindern und spätere Randverfärbungen begünstigen würden. Sollte dennoch später eine ästhetisch beeinträchtigende Verfärbung der Ränder auftreten, kann diese oft durch erneutes Polieren mit oder ohne vorheriges Sandstrahlen oder durch eine schmale Reparaturfüllung aus Komposit im Randbereich nach Sandstrahlen und vollständiger Adhäsionsbehandlung korrigiert werden [Foitzik und Attin, 2004]. Bei der beschriebenen Technik zur schrittweisen Vereinfachung der Morphologie wurden ein fließfähiges und ein hochviskoses Komposit-Füllungsmaterial verwendet. Eine häufig gestellte Frage ist, ob fließfähige Komposite weniger farbstabil sind als hochviskose Materialien. Hintergrund ist, dass fließfähige Komposite auf Kunststoffbasis einen geringeren Füllstoff- und einen höheren Kunststoffmatrixanteil als ihre hochviskosen Pendants haben, wodurch sie im Laufe der Zeit mehr Wasser und Verfärbungsstoffe aufnehmen können. Leider gibt die Literatur keine einfache Antwort darauf, da die Farbstabilität von verschiedenen Faktoren abhängt, wie zum Beispiel der Art der Kompositmatrix, der Art der Polierverfahren, der Art der Verfärbungen (Kaffee, Tee, Nikotin oder Mundspülungen), der Art der Füllstoffe et cetera [Paolone et al., 2023b; Paolone et al., 2023a; Paolone et al., 2023c; Uctasli et al., 2023; Ömeroğlu und Hekimoğlu, 2025]. Eine systematische Übersichtsarbeit klinischer Studien mit einer Beobachtungsdauer von maximal drei Jahren ergab, dass Komposite beider Viskositäten gleichermaßen für die Restauration von Kavitäten der Klasse V geeignet sind, auch hinsichtlich der Farbstabilität [Shaalan et al., 2017]. Da dies für längere Zeiträume möglicherweise nicht sicher zutrifft, ziehe ich es vor, den Hauptteil der Kavität mit einem hochgefüllten Komposit zu restaurieren. Mögliche Unterschiede in den Resultaten von Restaurationen mit diesen beiden Materialviskositäten können jedoch auch auf die individuelle Handhabung und Präferenz des jeweiligen Behandlers zurückzuführen sein. Die Anwendung der extradünnen Kanüle zur Applikation des fließfähigen Komposits erfordert etwas Kraftaufwand, bietet aber verschiedene Vorteile, die nicht nur in der beschriebenen Klasse-V-Situation hilfreich sind. So lässt sich das Material sehr zielgerichtet und kontrolliert sowie blasenfrei applizieren. Dazu ist es empfehlenswert, die Arbeitsschritte unter einer hinreichenden Vergrößerungshilfe vorzunehmen. Die dünne Kanüle kann sehr einfach so gebogen werden, dass das Komposit in jeden Bereich und Winkel einer Kavität direkt optimal platziert werden kann. Das Einbringen kleiner Portionen, die durch ein kurzes Anhärten („tack-curing“) quasi „eingefroren“ werden, verhindert das Auftreten von Überschüssen, wie sie sonst beim Einbringen größerer Portionen leicht auftreten. Die Vorgehensweise des tack-curing mit einer abschließenden langen Polymerisation hat in verschiedenen Studien gezeigt, dass es nicht zu einer Verschlechterung der Materialeigenschaften von lichthärtenden Materialien führt [Soh und Yap, 2004; Yap et al., 2004; Stegall et al., 2017; Tauböck et al., 2014]. Das in diesem Artikel vorgestellte Verfahren hat das Potenzial, die Qualität von adhäsiven Restaurationen zu verbessern und die Behandlung von Klasse-V-Kavitäten (und anderen Kavitätenformen) zuverlässiger und vorhersagbarer zu machen. n Der Artikel erschien im Original auf Englisch im Swiss Dental Journal (SDJ) [Attin, 2025]. Wir danken für die Genehmigung der Publikation in deutscher Sprache in den zm. Die Behandlung der gezeigten Fälle erfolgte unter Mithilfe der Dentalassistentinnen Lirie Bllaca und Elsa Islami, denen an dieser Stelle für ihre aufmerksame Unterstützung gedankt sei. Prof. Dr. Dr. h.c. Thomas Attin Direktor der Klinik für Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin, Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich Plattenstr. 11, CH-8032 Zürich Foto: ZZM Zürich
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