Foto: utaem2022 – stock.adobe.com KI FÜR DIE ZAHNMEDIZIN TEIL 5 24 | ZAHNMEDIZIN KI IN DER ZAHNMEDIZIN – TEIL 5 Künstliche Intelligenz in der Ausbildung Falk Schwendicke, Fabian Langenbach, Tabea Flügge Besonders dort, wo Künstliche Intelligenz (KI) genuin ärztliche Tätigkeiten übernimmt wie in der Diagnostik, erweitert sich das Verständnis von ärztlicher Kompetenz: Mit dem neuen Werkzeug muss ein adäquater, kritischer Umgang gefunden werden und das hat Folgen für die zahnmedizinische Lehre. Prüfungen, Curricula und Weiterbildungen müssen darum neu gedacht werden. KI hält zunehmend Einzug in den zahnmedizinischen Alltag. Während der Fokus der Debatte häufig auf konkreten klinischen Anwendungen liegt, bleibt eine zentrale Frage oft unbeantwortet: Welche Konsequenzen hat KI für die zahnmedizinische Aus-, Fort- und Weiterbildung? Gerade hier entscheidet sich, ob KI langfristig als Werkzeug zur Stärkung professioneller Kompetenz genutzt wird oder ob sie unbeabsichtigt zentrale Fähigkeiten der Profession untergräbt. Denn KI stellt nicht nur technische, sondern vor allem strukturelle und normative Fragen an die Ausbildung und die Prüfungssysteme. Die zahnmedizinische Ausbildung ist historisch darauf ausgerichtet, individuelle diagnostische Kompetenz zu vermitteln und zu überprüfen. Prüfungen testen, ob Studierende Befunde korrekt erheben, pathologische Muster erkennen und leitliniengerechte Entscheidungen treffen können. Dieses Modell setzt implizit voraus, dass diese Leistungen primär vom Menschen erbracht werden. Die klinische Realität entwickelt sich jedoch in eine andere Richtung. KI-Systeme unterstützen bereits bei der Befundinterpretation, strukturieren komplexe Informationen und liefern Entscheidungsoptionen. Damit entsteht eine wachsende Diskrepanz zwischen dem, was im klinischen Alltag zunehmend üblich wird, und dem, was Ausbildung und Staatsexamina abbilden. Dieses Missverhältnis ist mehr als ein didaktisches Detail. Es wirft die grundsätzliche Frage auf, welche Kompetenzen in Zukunft überhaupt geprüft werden sollen. Wenn Prüfungen weiterhin vor allem isolierte Informationsableitungen testen, besteht die Gefahr, an der zukünftigen Versorgungsrealität vorbei auszubilden. Gleichzeitig wäre es ein Irrweg, die diagnostische Kompetenz zugunsten einer technischen Abhängigkeit aufzugeben. Wir haben in der zm 3/2026 bereits die assoziierten Risiken – unter anderem ein „Deskilling“ – beschrieben. Ein zukunftsfähiger Ansatz liegt daher in einer Verschiebung des Prüfungsfokus. Nicht die Konkurrenz zwischen Mensch und Maschine sollte im Zentrum stehen, sondern die Fähigkeit, KI-Ergebnisse kritisch einzuordnen, deren Plausibilität zu bewerten und sie in einen individuellen klinischen Kontext zu integrieren. Prüfungen könnten künftig abbilden, wie Zahnärztinnen und Zahnärzte mit KI-gestützten Befunden umgehen, wie sie Unsicherheiten erkennen, Alternativen abwägen und begründete Entscheidungen treffen – auch dann, wenn dies bedeutet, einem algorithmischen Vorschlag bewusst nicht zu folgen. Mit der Integration von KI in diagnostische und therapeutische Prozesse verschiebt sich das Verständnis professioneller Verantwortung. Auch wenn KI-Systeme Entscheidungen vorbereiten oder Empfehlungen aussprechen, bleibt die Verantwortung für die Bezm116 Nr. 05, 01.03.2026, (306) ZM-SERIE „KI FÜR DIE ZAHNMEDIZIN“ Mitglieder des Arbeitskreises „Artificial Intelligence in Dental Medicine“ (AIDM) beleuchten die Chancen und Limitationen von KI in der zahnärztlichen Praxis. Teil 1: „Automatisierungs-Bias – Wie KI unseren klinischen Blick verzerren kann“ (zm 17/2025) Teil 2: „Mundschleimhautveränderungen – Mundschleimhautdiagnostik mit künstlicher Intelligenz“ (zm 20/2025) Teil 3: „Sprachdokumentationswerkzeuge – KI-basierte Sprachdokumentation“ (zm 22/2025) Teil 4: „Wie KI die Evidenz in der Wissenschaft untergräbt“ (zm 3/2026)
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